Seit über 65 Jahren ist die Dargebotene Hand die bekannteste Schweizer Anlaufstelle für emotionale Erste Hilfe. Seit letztem November ist die Berner Regionalstelle von «143.ch – Die Dargebotene Hand» mit der neuen Kurznummer 142 verknüpft. Im Auftrag des Kantons Bern übernahm sie ausserhalb der Bürozeiten der Beratungsstelle Opferhilfe die Anrufe dieses neuen Angebots, das per 1. Mai als neue nationale Opferhilfenummer 142 für Betroffene von Straftaten lanciert wird.
Dazu wurden die 70 freiwilligen Mitarbeitenden von 143.ch Bern vorgängig intensiv geschult. Auch die Erfahrung aus den ersten sechs Monaten mit der Nummer 142 zeigt, dass ihre Arbeit um eine neue Art der Gesprächsführung erweitert wurde. «Wir tragen neu zwei Hüte», sagt Franziska Nydegger, Leiterin der Berner Regionalstelle. «Bei Gesprächen über die Nummer 143 steht das Zuhören im Vordergrund, während es bei 142 um eine rasche Situationseinschätzung und Weitervermittlung geht.»
Anrufe auf 143 dauern bis zu 30 Minuten. Bei 142 seien sie deutlich kürzer. «Hier klären wir zuerst: Ist die Situation akut? Braucht es sofort Hilfe?», ergänzt Nydeggers Mitarbeiterin Liliana*. Entsprechend gehe es um konkrete Fragen und darum, ins Handeln zu kommen. Wenn sich zeigt, dass jemand Zeit zum Reden braucht, verweist Liliana auf die Nummer 143. So bleibe die Notruflinie für Gewaltopfer frei.
Keine vorgefertigten Lösungen
Bis Ende April sind in der sechsmonatigen Übergangsphase rund 340 Anrufe auf die Nummer 142 eingegangen – vier Fünftel davon von direkt Betroffenen. Die Themen sind vielfältig: häusliche und sexualisierte Gewalt, Stalking, Drohungen oder Cybergewalt. «Eine Mutter ruft an, weil ihr Sohn ihr gegenüber gewalttätig wird, eine Frau berichtet von einem Übergriff, ein Mann wird plötzlich nicht mehr in sein Haus gelassen», so Nydegger. Auch das Umfeld sucht Rat: Angehörige, die vermuten, dass jemand Gewalt erlebt, Freund:innen, die sich Sorgen machen, oder Nachbar:innen, die wiederholt Streit hören. «Wir unterstützen sie, die Betroffenen zu ermutigen, Hilfe anzunehmen.»
In akuten Situationen herrscht grosse Angst, Verzweiflung und Unsicherheit. Viele Betroffene zögern, die Polizei zu kontaktieren. «Diese Hemmschwelle ist ein wichtiges Thema», sagt Liliana. «Wir versuchen, Orientierung zu geben und ermutigen dazu, Hilfe zu holen.» Dabei geht es nicht um vorgefertigte Lösungen. «Gewalt geht oft mit Ambivalenz einher», ergänzt Nydegger. «Soll ich bleiben oder gehen? Anzeige erstatten oder nicht? Wir geben keine direkten Ratschläge, sondern motivieren, Fachberatung einzuholen und leiten in akuten Situationen an das Frauenhaus Bern weiter.»
Der erste Kontakt als entscheidender Schritt
Die Aufgaben von 143 und 142 sind bewusst klar abgesteckt: Es geht um niederschwellige, anonyme und kostenlose Unterstützung. Die freiwilligen Mitarbeitenden leisten keine umfassende Fachberatung, sondern erste emotionale Hilfe – sie hören zu, stabilisieren und vermitteln an spezialisierte Stellen wie die Opferhilfe oder ein Frauenhaus. Gerade diese Niederschwelligkeit ist entscheidend: «Für viele ist der erste Anruf ein grosser Schritt», sagt Liliana. «Dass jemand abnimmt und die Betroffenen ernst nimmt, kann bereits entlasten.»
Die beiden Nummern unterscheiden und ergänzen sich. «Bei 142 handeln wir, bei 143 steht das Zuhören im Fokus. Doch beide Linien sind für emotionale Nothilfe da», fasst Liliana zusammen. Dabei werde niemand abgewiesen. «Wenn jemand bei 142 anruft und mehr Gesprächszeit braucht, verweisen wir auf unsere Nummer 143 und bleiben dran, bis klar ist, was hilft», so Nydegger.
Wenige Minuten können reichen
Mit der nationalen Einführung von 142 dürfte die Bekanntheit dieser Notrufnummer weiter steigen. Welche Auswirkungen dies auf die Anzahl Anrufe hat, wird sich zeigen. Für Nydegger ist dabei über die unterschiedlichen kantonalen Strukturen hinaus entscheidend, dass Menschen in Not jemanden erreichen. «Schon wenige Minuten reichen manchmal, um eine Situation zu stabilisieren – oder den nächsten Schritt zu ermöglichen.»
* Alle Freiwilligen der Nummern 142 und 143 bleiben anonym und unsichtbar.
Liliana (Name der Redaktion bekannt), 54, arbeitet im kaufmännischen Bereich und seit 2024 für «143.ch – Die Dargebotene Hand» Bern.