«Gsehsch sä, ghörsch sä, schmöcksch sä scho?» Wer kennt sie nicht, die BEA? Seit 1951 öffnet die Berner Erlebnis- und Einkaufsmesse jeweils im Frühling auf dem BERNEXPO Areal ihre Tore. Auch heute strömen ab Punkt 09.00 Familien, Pensionierte und Jugendliche aufs Gelände.
Mittendrin: Adrian Bolzern. Der Seelsorger für Marktfahrende und Schaustellende passt sich dem Rhythmus «seiner Leute» an. Rund ein Dutzend wird er heute besuchen. «Ich kenne mittlerweile alle in der Schweiz, rund 1200 Menschen.» Sagt es und wird bereits erkannt. Ein kurzer Gruss hier, ein Händedruck dort, schon ist der 46-Jährige im Gespräch.
Währenddessen dreht das Riesenrad erste halbe Testrunden. Am Stand vis-à-vis duftet es nach Caramel und gebrannten Mandeln. Hier verkauft Arturo seit 65 Jahren Zuckerwatte und Süssigkeiten an der BEA. Die Augen des 81-Jährigen funkeln, wenn er im Gespräch mit Bolzern ins Erzählen kommt – von der Seilbahn, die 1954 vom Bärengraben zur BEA führte, vom U-Boot, in das die Besuchenden stiegen, «mit Pelerine, da es von oben hereintröpfelte», und von den ehemaligen Tierumzügen übers ganze Gelände. Adrian Bolzern hört zu, fragt nach, lacht und ist ganz da.
Wieviel Arbeit hinter Märkten und Chilbis stecke, sei vielen nicht bewusst. So setzt sich der Seelsorger für die Wertschätzung und Unterstützung von Marktfahrenden und Schaustellenden ein, «von den Gemeinden und Städten zum Beispiel mit tieferen Platzgeldern». Entsprechend gibt Adrian Bolzern «seinen Leuten» eine Stimme – auch jenseits ihrer Stände und Kassenhäuschen.
Herausspüren, wo der Schuh drückt
Ein paar Meter weiter winkt Jürg vom Apfelkuchenstand den Seelsorger zu sich und bietet ihm einen Espresso an. Er schätzt Adrian Bolzern und erinnert sich gerne an seine schönen Chilbi-Gottesdienste oder die Einsegnung eines Glühweinstands.
«Als Marktfahrer habe ich einen festen Wohnsitz und eine Pfarrei», erzählt er. «Für die ständig reisenden Schaustellenden ist Adrian wichtig. Er hat schon viele Originale von ihnen begraben.» Auf- und abbauen, reisen, verkaufen: Das Leben der Schaustellenden ist geprägt von langen Tagen voller Trubel und ständigem Unterwegssein. Gerade deshalb ist Verlässlichkeit umso wichtiger – auch in der Seelsorge: «Dass wir uns immer wieder sehen und dass meine Leute wissen: Er hat Interesse an uns», sagt Bolzern.
Die Begegnungen vor Ort beginnen mit Smalltalk, woraus auch tiefere Gespräche entstehen. Dann spüre er heraus, «was gut läuft und wo der Schuh drückt». Der Seelsorger kennt viele Lebensgeschichten, auch schwierige. Manches taucht zwischen Tür und Angel auf, heute etwa, dass ein Marktfahrer kürzlich seinen Bruder verloren hat.
«Inkognito hier unterwegs zu sein, ist für mich keine Option», sagt Bolzern. «Wenn ich jemanden nicht begrüsse, nimmt man es persönlich.» So wird er auch am Stand für Messer und Scheren fröhlich empfangen: «Halleluja, bringst du uns den Segen?» Der Besitzer verkauft heuer bereits zum 40. Mal an der BEA.
«Mit dir kann man gläubig werden»
Um 09.45 hallen erste Schreie über das Gelände. Im Lunapark dreht sich «Maxximum 2» hoch über den Köpfen der BEA-Besuchenden, als sie ihre Passagiere mit 100 km/h in 52 Meter Höhe rasen lässt. Der Betreiber erzählt, dass die Stimmung gestern bis spät am Abend gut gewesen sei, und klopft Bolzern zum Abschied auf die Schultern: «Mit jemandem wie dir kann man gläubig werden.»
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gibt es in den deutschsprachigen Ländern eine eigene Seelsorge für Menschen im reisenden Gewerbe. Für Bolzern bedeutet das vor allem eines: unterwegs sein. «Da ist keine Woche wie die andere», sagt er. Gespräche für eine Taufe auf dem Autoscooter, Segnungen von Fahrgeschäften, Messebesuche und täglich mindestens eine Stunde am Telefon – seinem «wichtigsten Begleiter». So ist über die Jahre Vertrauen entstanden.
Die Besitzerfamilien kennt Bolzern gut, über sie findet er Zugang zu den wechselnden Mitarbeitenden. Besonders in einschneidenden Momenten sei er gefragt: «Eigentlich begleite ich alles – von der Taufe bis zum Tod.»
Präsenz zeigen und Gemeinschaft leben
Weiter geht es zur Schiessbude. Eine Umarmung zur Begrüssung und eine Einladung zum «Stargame» – wer danebentrifft, bekommt ein buntes «Loser-Bändeli». Bolzern spielt mit und zieht weiter zum nächsten Stand, wo er sich beim Kamelrennen versucht. Auch hier gilt für ihn: präsent sein, mitmachen und Gemeinschaft leben.
Lange Gespräche führt der Seelsorger nicht, doch «die Kassenhäuschen der Schaustellenden bieten Diskretion – fast wie in einem Beichtstuhl», sagt Adrian Bolzern. Mehr Zeit findet sich am Telefon, bei seinen Besuchen in den Winterquartieren und Wohnwagen der Schaustellenden oder nach Gottesdiensten vor Ort.
18 Chilbi- und Marktgottesdienste feiert Bolzern pro Jahr. Diese Predigten gestaltet er bewusst kürzer, bildhafter und ungewöhnlicher als in der Kirche – einmal predigte er zusammen mit einem Harley-Fahrer – und mit Musik von Drehorgel bis Dudelsack.
Rituale gehören dazu
Auch Rituale kommen nicht zu kurz. Bei Geschäftssegnungen werfen Schaustellerinnen für gutes Gelingen Münzen in die Kasse, und wenn eine neue Bahn eröffnet wird, fährt Bolzern bei der ersten Runde mit: «Das gehört einfach dazu.»
Dieses Jahr hat der Seelsorger bereits fünf neue Fahrgeschäfte wie den «Hexenflieger» und die «Happy Farm» eingesegnet, und «ab August läuft es dann fast non-stop bis Weihnachten».