Kaum eine Figur des 20. Jahrhunderts ist moralisch so stark aufgeladen wie Mutter Teresa. Die Ikone der Nächstenliebe wurde 1979 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet und 2016 von Papst Franziskus heiliggesprochen. Zugleich ist sie seit Jahren Gegenstand fundamentaler Kritik.
In ihrem neuen Film «Mother» nähert sich die nordmazedonische Regisseurin Teona Strugar Mitevska nun dieser kontroversen Figur. Sie setzt sich dabei intensiv mit Religion, weiblicher Selbstbestimmung und kirchlichen Machtstrukturen auseinander.
Die Handlung setzt 1948 ein. Mutter Teresa, gespielt von Noomi Rapace, ist Oberin eines Konvents der Loreto-Schwestern in Kalkutta, der eine Schule betreibt. Sie ist eingebunden in eine jahrhundertealte kirchliche Struktur – und zugleich innerlich bereits auf dem Sprung. Teresa wartet auf die Erlaubnis des Vatikans, den Orden zu verlassen und eine eigene Gemeinschaft zu gründen.
Entschlossene Ordensfrau
Mitevska bringt eine lange persönliche Vorgeschichte mit: Vor über zehn Jahren führte sie Interviews mit Schwestern, die mit Mutter Teresa gearbeitet hatten, für ein nie realisiertes Dokumentarfilmprojekt. Auszüge aus diesen Gesprächen flossen nun teils wörtlich in «Mother» ein. Der Film versteht sich weniger als klassische Biografie, sondern als konzentrierte Momentaufnahme einer Frau in einem inneren Ausnahmezustand.
Noomi Rapace verkörpert Teresa mit beeindruckender Strenge. Ihre Teresa ist belehrend, kompromisslos, manchmal kalt – doch immer wieder blitzt Verletzlichkeit auf. Zweifel werden nicht als Schwäche gezeigt, sondern als permanenter innerer Zustand, der das Handeln paradoxerweise radikaler macht.
Ganz frei machen kann sich die Regisseurin, die wie ihre Hauptfigur ebenfalls aus Skopje stammt, von der Verehrung Mutter Teresas im Balkanraum jedoch nicht. Entsprechend nähert sich der Film zunächst respektvoll. Die Oberin erscheint als entschlossene Ordensfrau, getragen von unerschütterlichem Glauben und Tatkraft.
Gleichheit als Askese – ein fragwürdiges Ideal
Doch diese Ehrfurcht wird zunehmend unterlaufen. «Mother» interessiert sich weniger für Wunder als für die Bedingungen, unter denen Nächstenliebe organisiert wird. Mutter Teresa wird als Getriebene gezeigt, die unermüdlich voranschreitet – bei kirchlichen Autoritäten, Behörden und politischen Widerständen. Ihr Aktivismus wirkt bewundernswert – und zugleich erschöpfend.
Spiritualität tritt immer wieder hinter organisatorischem Zwang zurück. Hilfe geschieht nicht nur aus Mitgefühl, sondern auch als Praxis der Selbstverleugnung und Machtausübung. Besonders ambivalent erscheint das von ihr propagierte Gleichheitsprinzip innerhalb der Gemeinschaft. Namen werden durch Nummern ersetzt, individuelle Bedürfnisse zurückgedrängt, Alltag und Körper streng reguliert.
Gleichheit als Askese – doch wie tragfähig ist dieses Ideal, wenn Mutter Teresa zwar selbst sagt: «Ich bin eine Frau in einem System, das nur von Männern regiert wird», gleichzeitig aber als kirchliche Leitungsperson genau dieses hierarchische System unterstützt?
Eine andere Irritation: In einer Szene wird erklärt, dass Mutter Teresas Mitschwester Agnieszka dem Orden ursprünglich beitrat, um einem Konzentrationslager zu entkommen. Dieses Detail bleibt weitgehend unkommentiert, wirkt aber vor dem historischen Hintergrund besonders brisant.
Die katholische Kirche war während des Zweiten Weltkriegs ambivalent: Zahlreiche Geistliche retteten jüdische Verfolgte, zugleich steht das Schweigen von Papst Pius XII. zur Shoah in der Kritik. «Mother» greift diese Debatte nicht explizit auf, lässt sie aber mitschwingen.
Schattenseiten des Heiligenscheins
Visuell arbeitet Kamerafrau Virginie Saint Martin mit starken Bildern: engen Räumen, kontrollierten Kompositionen und einer Ordnung, die Individualität systematisch begrenzt. Surreale Elemente durchbrechen diese Strenge: Visionen, Wahrnehmungsverschiebungen, harte musikalische Brüche markieren Risse im geschlossenen Weltbild der Hauptfigur. Ob diese Bilder innere Wahrheit oder plakative Zuspitzung darstellen, bleibt bewusst offen. Sicher ist: «Mother» will nicht beruhigen.
Zentral ist auch die Frage nach Mutterschaft. Der Film verhandelt sie als existenzielle Alternative: spirituelle Selbstaufgabe versus persönliches Leben. In der innigen Beziehung zwischen Mutter Teresa und ihrer Mitschwester Agnieszka verdichtet sich diese Spannung. Letztere entscheidet sich für individuelle Freiheit, während Mutter Teresa bleibt – überzeugt, dass ihr Weg vorgezeichnet ist.
Hier wird Mitevskas religionskritische Handschrift besonders deutlich: Kirche erscheint als System, das Sinn stiftet, aber zugleich bindet und vereinnahmt. Diese Perspektive erhält zusätzliche Brisanz vor dem Hintergrund realer Kritik an Mutter Teresa und ihrem Orden.
Berichte über autoritäre Strukturen, Demütigungen, mangelnde medizinische Standards und Missbrauchsvorwürfe werfen bis heute Fragen nach dem Verhältnis von Leid, Gehorsam und Spiritualität auf. Im Film resonieren diese Schattenseiten im Porträt einer Frau, für die Leid Teil eines höheren Plans ist.
Keine drastische Demontage
Gerade im letzten Teil wird deutlich, wo der Film trotz aller Ambivalenz an eine Grenze stösst. Während Mitevska zuvor mutig Zweifel, innere Zerrissenheit und alternative Lebensentwürfe aufscheinen lässt, kehrt sie letztlich auf den historisch verbürgten Pfad zurück. Die Entscheidung für ein solches Ende wirkt nach dem zuvor Gezeigten weniger zwingend als erwartet – eher wie ein Zugeständnis an die Überlieferung als eine Konsequenz aus der inneren Entwicklung.
Dabei deutet der Film mehrfach an, dass auch andere Wege denkbar gewesen wären: ein Leben jenseits der totalen Selbstaufopferung, jenseits der Rolle als spirituelle Mutterfigur. Diese Möglichkeit bleibt jedoch eine Randnotiz. Eine radikalere, konsequent fiktionale Abweichung hätte das Heiligenbild endgültig aufgebrochen – und vielleicht einen noch unbequemeren, ehrlicheren Blick auf die Figur ermöglicht.
Dass dieser Schritt ausbleibt, lässt sich kulturpolitisch lesen. Jede allzu drastische Demontage hätte unweigerlich heftige Reaktionen ausgelöst. So bleibt «Mother» ein Film, der viel wagt, aber nicht alles. Er kratzt an der Ikone, ohne sie vollständig zu stürzen – und überlässt es dem Publikum, die letzte Konsequenz selbst zu ziehen.
Der Film «Mother – Die Frau hinter der Ikone» wird ab dem 29. Januar in den Deutschschweizer Kinos laufen.
Publikumsgespräch in Anwesenheit der Regisseurin an der Vorpremiere in Bern am 26. Januar, 20.00, Kino Rex
Vorpremieren mit Publikumsgespräch in anderen Schweizer Städten.