Mit wem spreche ich, wenn ich bete? Wozu bete ich? Oder sollte ein Gebet zweckfrei sein? Solchen Fragen geht der Theologe Lukas Niederberger in seinem jüngsten Buch «Beten. Ein Begleiter für Glaubende und Suchende» nach. Es ist eine Einladung, die eigene Gebetspraxis zu reflektieren.
Im Unterschied zu Musikinstrumenten oder Sportarten hätten viele Menschen ihre Gebetskultur seit der Kindheit nur wenig weiterentwickelt, schreibt der Autor im Vorwort. Besonderes Gewicht legt Niederberger auf die Frage nach dem Zweck des Betens: «Wer betet, kann Gott um alles Mögliche bitten, muss jedoch völlig erwartungsfrei bleiben.» Beten sei denn auch «zweckfreies Kommunizieren mit dem transzendenten Gegenüber». Dies gelte auch für Bittgebete. Wer Gott um die Erfüllung seiner Anliegen bitte, mache ihn zum Mittel und das eigene Anliegen zum Ziel des Gebets.
Hier wird deutlich, dass Niederberger von «mündigen Betenden» ausgeht, die Gott nicht als allmächtigen Zauberer sehen, sondern diesen vielmehr um Kraft und Mut bitten, sich selbst gegen Unrecht und unnötiges Leid zu engagieren.
Positive Wirkung des Gebets
Auch wenn der Sinn des Betens im Beten selbst liegt, hat es laut Niederberger dennoch durchaus eine positive Wirkung: «Wer betet, lässt Gedanken und Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche zu und gibt ihnen gleichzeitig eine Richtung.» Auf diese Weise würden Betende nicht mehr um sich selbst kreisen, sondern einen Schritt aus der Ohnmacht heraus wagen.
Gebete könnten das Leben strukturieren und den Betenden Halt geben, aber auch die Selbsterkenntnis fördern. Niederberger zeigt auf erfrischende Weise, dass letztlich alles zum Gebet werden kann: Ein Seufzer, ein Atemzug, ja sogar die tägliche Zeitungslektüre oder das Warten in der Schlange vor der Kasse im Supermarkt. Selbst den Fluchpsalmen kann er etwas abgewinnen, denn auch menschliche Aggressionen müssten ernst genommen werden und seien würdig, dass man damit vor Gott trete.
Katholischer Blickwinkel
Viele Gebetstexte veranschaulichen das Gesagte, nicht wenige davon stammen von Frauen. Den Anspruch, sich auch an Menschen zu richten, die die Existenz und die personalen Eigenschaften Gottes nicht für selbstverständlich halten, löst Niederberger allerdings nicht ganz ein. Die Gebete und Gebetsformen gehen mehrheitlich von einem transzendenten, meist als Person verstandenen Gegenüber aus.
Es ist wohl seiner Herkunft geschuldet – Niederberger war Jesuit und Leiter des Lassalle-Hauses im zugerischen Bad Schönbrunn –, dass dem kontemplativen Gebet viel Platz eingeräumt wird und der Blickwinkel weitgehend katholisch bleibt. Evangelische, orthodoxe, jüdische und muslimische Beispieltexte kommen nur vereinzelt vor. Auch hätte man sich mehr Raum für körperliche Gebetsformen wie Tanz, Yoga oder Handauflegen gewünscht. Dennoch kann das Buch zweifelsohne zu einer vertieften Reflexion und zur Erweiterung der eigenen Gebetspraxis beitragen.