«Sie kommen 75 Jahre zu spät», sagt der alte Mann ohne Vorwurf und beinahe heiter, als handle es sich um eine kleine Verspätung. Früher habe niemand nach ihm gefragt. Er liegt im Spitalbett, die Hände schmal geworden, das Gesicht voller Falten, als hätte das Leben sich darin eingeschrieben. Dann beginnt er zu erzählen.
Er sei ein Verdingkind gewesen. Die Eltern hätten den kleinen Hof verloren, weil der Vater als liederlich gegolten habe. Er habe in Wirtshäusern Musik gemacht und sei manchmal erst gegen Mittag zum Melken erschienen. Irgendwann seien die Kühe weggeholt und die Kinder verteilt worden. Mit zehn Jahren kam der Bub zu einem Bauern, den er im Gespräch heute «den Bösen» nennt. Ausgerechnet die Fürsorgerin habe dem Bauern geraten, wenn der Junge nicht brav tue, solle man es ihm nur «recht zeigen».
Der Bauer schlug ihn hart und plagte ihn. Vielleicht sei er wegen seiner kaputten Hüfte so böse geworden, sagt der alte Mann, als versuche er noch immer, die Welt des Kindes in eine Ordnung zu bringen, die es nicht gab.
Ein Lehrer habe einmal die blauen Flecken bemerkt und sich einsetzen wollen. Aber der Bauer sass auch in der Schulkommission, und der Lehrer sei plötzlich verschwunden gewesen. Auch der Pfarrer kam zu Besuch. An diesem Tag wurde reichlich Hamme aufgetischt. Der Pfarrer sagte, der Junge habe es wohl gut hier und er solle dankbar sein.
Der alte Mann erzählt das alles mit einer Nüchternheit, die mich mehr berührt als jede Anklage. Und doch sind da nicht nur dunkle Erinnerungen. Heimlich habe er Rahm direkt aus dem Milchkessi getrunken oder im Sommer Kirschen gestohlen. Als er davon erzählt, huscht etwas über sein Gesicht, das fast wie der Bub aussieht, der er einmal war.
Ich habe mich nach dem Gespräch gefragt, wer heute übersehen wird. Welche Kinder still lernen, dass niemand ihnen glaubt.
Und wo wir als Kirche stehen: bei denen, die längst gehört werden – oder bei denen, deren Stimme noch immer warten muss.
Kaspar Junker, Seelsorger im Inselspital