«pfarrblatt»: Vom Pfarrer zum Generalvikar – wie gross ist dieser Karriereschritt für Sie?
Ruedi Heim: Ich tue mich mit dem Wort Karriere schwer. Als ich nach meinem Amt als Bischofsvikar nach Bern kam, war ich hier Pfarrer und leitender Priester. Diese Kombination fand ich bereichernd, und ich bin dankbar, dass ich beides sein konnte. Beruflich geht es für mich nicht rauf oder runter, es wird jeweils anders. Als Generalvikar werde ich andere Aufgaben und eine grössere Themenbreite haben als bisher. Und bistumsweit werde ich nicht mehr wie hier in Bern nur mit dem E-Bike unterwegs sein können …
Sie sind mit Bischof Felix Gmür befreundet. Hat er Sie deshalb zum Generalvikar ernannt?
Heim: Das müssen Sie ihn fragen. Ich gehe davon aus, dass er mich aufgrund dessen, was ich bisher gemacht habe, ernannt hat, und weil er mir dieses Amt zutraut. Würde seine Ernennung auf Freundschaft statt auf Fähigkeiten beruhen, wäre er schlecht beraten. Kumpanei ist kein tragendes Fundament für ein gutes Arbeitsverhältnis. Wir besprechen bereits jetzt, was Arbeit ist und was Freundschaft. Das werden wir weiterhin tun. Das Arbeitsverhältnis kann unsere Freundschaft schwieriger machen – und umgekehrt. Deshalb werden wir auch Drittpersonen beiziehen, damit sie uns unsere Dynamik spiegeln.
Wie ehrlich werden diese Drittpersonen dabei sein?
Heim: Eine gute Frage. Für mich hat sich bereits nach der Ernennung zum Generalvikar gezeigt: Je schmeichlerischer eine Reaktion ausfällt, desto weniger wert ist sie. Wenn der Bischof und ich ausdrücklich ehrliches Feedback wünschen und dieses dann auch umsetzen, dann funktioniert es mit dem Spiegeln und der Kurskorrektur.
Bisher haben Sie sich selbst um Ihre Wäsche und Ihr Essen gekümmert. Bald werden Sie mit Bischof Felix Gmür und Weihbischof Josef Stübi unter einem Dach wohnen und Hausangestellte haben. Wie finden Sie das?
Heim: Sehr ungewohnt. In Bern habe ich eine Raumpflegerin für meinen Junggesellenhaushalt. Dass mein Alltag in Solothurn weiter erleichtert wird, macht es mir möglich, mehr zu arbeiten und häufiger Gäste einzuladen. Wenn wir zu dritt wohnen, wird es auch Dinge geben, die wir gemeinsam machen sollten, zum Beispiel einmal monatlich zusammen kochen.
2019 sagten Sie in Ihrem ersten «pfarrblatt»-Interview: «In der Seelsorge bin ich zu Hause». Wieviel Seelsorge wird in der Bistumsleitung noch möglich sein?
Heim: Ich werde weiterhin regelmässig firmen, ab und zu taufen und im Raum Solothurn als Priester aushelfen. Aber ich werde keine feste Gemeinde mehr haben wie in Bern West. Die Seelsorge wird mir fehlen, dessen bin ich mir bewusst.
Sie sagten damals auch, Leitung mache einsam. Wie sehen Sie dem als zukünftige Nummer zwei unseres Bistums entgegen?
Heim: Bischof Kurt Koch sagte seinerzeit, er habe viele Beratungsgremien, aber entscheiden müsse er allein. Entscheidungen zu treffen kann sehr schwierig sein. Auch ich werde Unterstützung brauchen, damit ich mit der Frage, was Entscheidungen mitunter für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre bedeuten, nicht mausbeinallein bin. Zu guten Entscheiden kommt man möglichst im Konsens, sonst machen sie einsam.
Sie hatten die Pastoralraumleitung in Bern mit Patrick Schafer und Flavia Nicolai inne. Was haben Sie aus dieser Zusammenarbeit gelernt?
Heim: Dass es zu einer Fragestellung immer unterschiedliche Sichtweisen gibt. Und dass man um Lösungen ringen muss und sich diese dann umso ausgewogener zeigen. Das nehme ich mit. Auch als Bischofsvikar der Bistumsregion St. Viktor habe ich erlebt, wie Frauen, Männer, Verheiratete und Ledige verschiedene Sichtweisen einbringen. Beratungsgremien sind wichtig, um zu guten Entscheidungen zu kommen. Sie dann zu treffen ist eine Last und ein Privileg.
Flavia Nicolai hat das Leitungsteam Mitte Juli verlassen. Wie geht es nach Ihrem Abschied aus Bern weiter?
Heim: Das ist Sache des Bischofsvikariats und des Bistums. Wahrscheinlich wird die Co-Leitung wie schon 2018 gestaffelt besetzt werden. Nebst Patrick Schafer als Theologen braucht es zwingend wieder einen Priester. Flavia Nicolai hat als Betriebswirtschafterin ab Ende 2024 einen bereichernden Blick von aussen eingebracht.
Während Ihrer Berner Amtszeit kam die Coronapandemie. Die Kirchen verzichteten gemäss den Vorgaben des Bundes zeitweise auf Gottesdienste. Später hiess es, die Menschen hätten die Kirchen während dieser Krise gebraucht. Würden Sie heute anders handeln?
Heim: Rückblickend ist es einfacher zu sagen, was man hätte machen können. Damals hatten wir für unsere Entscheide nicht mehr Wissen. In Bern West feierten wir bis zu sechs Sonntagsgottesdienste mit kleinen Gruppen und Zertifikatspflicht. Während der Pandemie ging viel an Gewohnheiten und Gemeinschaftlichkeit verloren. Manche Menschen kamen danach nicht mehr.
Auch die Publikation der Pilotstudie zu sexuellem Missbrauch im kirchlichen Umfeld von 2023 erfolgte, als Sie Leitender Priester in Bern waren. Die Kommunikation dazu ist nicht optimal gelaufen. Im Februar 2027 wird die Folgestudie erwartet. Was kann die Kirche diesmal besser machen?
Heim: Die Kirche muss mit klar geregelten Abläufen gegen Missbrauch intervenieren. Unser Bistum leitete dazu 2004 erste Präventionsmassnahmen ein. Alle kirchlichen Mitarbeitenden wissen davon und informieren dazu auf ihren Pfarreiseiten. Die Kirche macht in diesem Bereich viel, und wenn wir gefragt werden, reden wir davon. 2023 ist es nicht gelungen, diese Arbeit an die Öffentlichkeit zu tragen, oder es schien die Medien nicht zu interessieren. Auch das «pfarrblatt» hat keine Zeile zum Präventionskonzept der katholischen Kirche in Bern geschrieben. Es hat auch mit Kirchenbildern zu tun, dass die öffentliche Berichterstattung auf eine recht einseitige Wahrnehmung hinauslief. Das hat mich bei meinem Medienkonsum vorsichtiger werden lassen.
Sie haben in der Ost- und Zentralschweiz, in Rom und Bern unterschiedliche Kirchenrealitäten kennengelernt. Gibt es etwas, das Sie befremdet?
Heim: Ja. Es macht mich nachdenklich, wenn Leute meinen, ihre Sicht sei die einzig mögliche. Im Raum Bern gibt es Pfarreien, die fast immer Eucharistie feiern und andere, die das fast nie tun. Migrant:innen machen in der Stadt einen grossen Teil der Katholik:innen aus, alteingesessene katholische Familien gibt es hier kaum. Egal, wo man ist – was man kennt, ist einem näher. Sobald man sich nicht mehr auf Anderes einlässt, finde ich es schwierig. Das beobachte ich am rechten Rand und im progressiven Lager der katholischen Kirche. Es gehört auch zur Arbeit des Bischofs, des Generalvikars und der Bischofsvikariate, verschiedene Kirchenrealitäten sichtbar zu machen.
Was nehmen Sie bei Ihren Umzügen immer mit?
Heim: Meine Taufkerze. Ich habe sie bei Taufgesprächen und der Erneuerung von Taufgelübden oft dabei. Nun kommt sie mit ins Bischofshaus.
Zur Person
Ruedi Heim (*1967) studierte Theologie und Philosophie in Freiburg und Rom, wo er 1997 zum Priester geweiht wurde. Von 2004 bis 2018 wirkte er als Bischofsvikar für die Bistumsregion St. Viktor (Kantone Luzern, Schaffhausen, Thurgau und Zug). Ab 2018 war er Pfarrer und Leitender Priester des Pastoralraums Region Bern und ab 2020 Domherr. Ruedi Heim war zudem als Armeeseelsorger und Sprecher des «Worts zum Sonntag» auf SRF tätig. Per 1. November 2026 wird er als Nachfolger von Markus Thürig Generalvikar des Bistums Basel.
Abschieds-Gottesdienste:
Samstag, 5. September, 18.00, in der Pfarrei Mauritius, Bern-Betlehem
Sonntag, 6. September, 11.00, in der Pfarrei Antonius, Bern-Bümpliz
Jeweils mit Apéro im Anschluss.