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Foto: Julia Schwab/pixabay

Zeit haben

Kolumne aus der Inselspitalseelsorge

Ich wurde zu einem etwa 40-jährigen Patienten gerufen. Er lag nach einem Sturz mit dem Fahrrad auf der Orthopädie. Ich klopfte an seine Zimmertür, begrüsste ihn und stellte mich vor. «Ah, toll», sagte er gleich, «hier auf der Abteilung haben sie mich gefragt, ob ich Seelsorge möchte. Ich weiss nicht, was das ist, aber ich habe mir gedacht, ich nehme alles, was angeboten wird. Ich lasse mich gerne von Ihnen überraschen.»

In meinem Kopf begann es zu rattern: Wie stelle ich mein «Angebot» so vor, dass es weder zu unverbindlich noch zu einengend oder aufdringlich wirkt, fragte ich mich.

Ich erklärte ihm dann, dass ich einfach Zeit hätte … Zeit zum Zuhören, zum Dasein – und dass wir, falls ihn etwas bedrücke, darüber sprechen könnten. Aber es würde ihm freistehen, zu entscheiden, worüber er sprechen wolle. Ich würde ihm keine Themen vorschreiben, und er sei auch nicht verpflichtet, mit mir über Religion zu sprechen, nur weil ich Seelsorgerin sei. 

Und ich spielte ihm den Ball zu mit den Worten: «Ich habe gehört, Sie hatten einen Unfall.»

«Ja, ich hatte einen Fahrradunfall – aber das ist nicht so wichtig. Ich erzähle ihnen mal ein bisschen, wer ich bin, damit Sie mich kennenlernen können.» 

Und er erzählte mir von seinem Werdegang, von seiner Ausbildung und den langen Weiterbildungen. Und jetzt arbeite er seit ein paar Jahren in einer lukrativen Stelle. Er vertraute mir schnell an, dass diese ihn jedoch nicht wirklich erfülle. Es fehlte ihm die Sinnhaftigkeit in seiner Arbeit. Deshalb suche er auch immer wieder einen Ausgleich in waghalsigen Abenteuern und so sei er letztendlich im Spital gelandet.

Er nutzte unser Gespräch für eine Auslegeordnung in seinem Leben und dafür, seine Sehnsüchte in Worte zu fassen und sich zu überlegen, ob er beruflich nochmals ganz neu anfangen wolle. Er hatte auch schon eine Ahnung, was ihn reizen würde: vielleicht nochmals eine Berufslehre. Und wir sprachen darüber, was ihn zieht und was ihn hindert, was er noch braucht für den nächsten Schritt. 

Es hätte ihm gutgetan, waren seine letzten Worte. Und ich war ganz berührt, was durch mein offenes Angebot entstehen konnte. 


Martina Wiederkehr-Steffen, Seelsorgerin am Inselspital

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