Wenn ich erzähle, dass ich als Spitalseelsorger im Inselspital für die Intensivstation und die Onkologie zuständig bin, höre ich oft den bedeutungsschweren Satz: «Da siehst du bestimmt so einiges.»
Und ja, das stimmt. Bei schweren Erkrankungen, die eine Spitaleinweisung nötig machen, wird gleichsam ein Schleier weggezogen, den wir sonst sorgsam über unser Leben legen. Was wir im Alltag lieber ausblenden – dass unser Leben begrenzt ist, dass wir im Grunde jederzeit dem Tod nahe sein könnten, ohne es zu ahnen –, lässt sich im Spital kaum mehr wegschieben. Die Fragilität des Lebens liegt dort offen zutage, ungeschminkt und unübersehbar.
Als Seelsorger begleite ich Menschen bei diesem Hinschauen. Ich stehe Patient:innen wie Angehörigen zur Seite, wenn Fragen aufbrechen, die vorher keinen Platz hatten, und wenn Entscheidungen anstehen, die niemand gern trifft. Von aussen mag das wie eine aussergewöhnliche Belastung erscheinen – gerade für jene, die sich im Alltag lieber ganz aufs Leben konzentrieren, ohne an die eigene Sterblichkeit zu denken.
Doch genau darin liegt für mich auch etwas Heilsames. Denn wer sich der eigenen Endlichkeit stellt, fängt oft an, sein Leben neu zu ordnen. Manche merken plötzlich, dass ein zerstrittenes Verhältnis zu Geschwistern oder Kindern nicht mehr warten kann bis «irgendwann». Andere entscheiden sich, weniger Zeit im Büro und mehr Zeit mit der Familie oder den Enkelkindern zu verbringen, weil ihnen bewusst wird, dass diese Zeit nicht selbstverständlich ist. Wieder andere beginnen, offene Worte zu finden, wo es lange nur Schweigen gab. Auch ganz praktische Fragen rücken in den Vordergrund: eine Patientenverfügung zu erstellen, das Testament oder einen Vorsorgeauftrag zu regeln, oder einfach bewusster zu leben, statt das Wesentliche auf später zu verschieben. Solche Entscheidungen entstehen nicht trotz, sondern gerade wegen der Konfrontation mit der eigenen Verletzlichkeit.
Mein Beruf ist «heraus-fordernd» – im wörtlichen Sinn. Er fordert mich heraus, ja er zwingt mich fast, mir selbst über mein Leben und dessen Fragilität Gedanken zu machen, mich mit meiner eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen.
Und was zunächst wie eine Zumutung klingt, öffnet oft den Blick für das, was wirklich zählt.
Manuel Simon, Seelsorger im Inselspital