Artikel

Prof. Michael Pfenninger: «Jedes abgewendete Zehntelgrad an Erwärmung ist von Bedeutung.» Foto: Joel Frei

«Wirksamer Klimaschutz ist gelebte Nächstenliebe»

Der Klimawandel ist für viele Menschen nebst einer politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Herausforderung auch eine spirituelle Erschütterung. Der Theologe Michael Pfenninger im Gespräch über die Möglichkeiten von Theologie und Spiritualität im Umgang mit den aktuellen ökologischen Veränderungen.

Interview: Anouk Hiedl

«pfarrblatt»: Ökologische Veränderungen und Umweltkatastrophen haben in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Wie beeinflusst der Klimawandel unser Verständnis von Schöpfung?

Michael Pfenninger: Die ökologischen Krisen unserer Zeit – auch die Biodiversitätskrise – erschüttern viele frühere Gewissheiten. Sie führen uns drastisch vor Augen, wie fragil die Schöpfung ist und wie schnell Prozesse, die lange sehr konstant waren, ins Kippen kommen können. Wir sind in der Lage, das Klima auf Jahrhunderte hinaus zu verändern – so vom Menschen zu denken, sind wir theologisch nicht gewohnt. Da bleibt auch unser Verständnis von Schöpfung nicht unberührt. Insofern führen ökologische Krisen zu religiösen, spirituellen und theologischen Fragen zu unserer Haltung gegenüber der Umwelt.

Welche Rolle spielt die Theologie dabei?

Pfenninger: Die Ökotheologie fragt selbstkritisch, welche Konzepte aus der theologischen Tradition für unseren Umgang mit der Natur mitverantwortlich sein könnten – etwa die Vorstellung des Menschen als Herrscher über die Schöpfung. Und sie formuliert Vorschläge, wie man klassische Themen neu interpretieren kann, indem man zum Beispiel von Verantwortung statt von Herrschaft spricht oder den Menschen stärker als Teil der Schöpfung denn als ihr Gegenüber betrachtet. 

Die Ökotheologie fragt auch, welche Rolle die Natur in unserer Spiritualität spielt und wie wir einen anderen Zugang als einen technischen, instrumentalisierenden zu ihr einüben können. Wichtig dabei ist, dass Ökotheologie kein Vehikel sein darf, um politische Gedanken zu transportieren: Sie denkt vom Kern des christlichen Glaubens aus und blickt vom Evangelium her auf Fragen der Ökologie und der Schöpfungsspiritualität.

Wie unterscheiden sich Schöpfungsspiritualität und ökologische Theologie?

Pfenninger: Wenn Sie einen Sonnenuntergang oder einen Zugvogelschwarm bestaunen, bringen Sie das vielleicht mit Gott in Verbindung und verspüren Dankbarkeit. Damit bewegen Sie sich im Bereich der Schöpfungsspiritualität. Wenn Sie darüber nachdenken, was solche Erfahrungen mit Ihrem Gottesbild zu tun haben oder wie Sie mit Ambivalenzen und Brutalitäten der Natur umgehen, betreiben Sie Ökotheologie. Und wenn Sie fragen, wie wir uns im Sinne unserer Nachkommen und Mitwelt vom Glauben her verhalten sollten, ziehen Sie daraus sozial- und umweltethische Konsequenzen. Alle drei Zugangsweisen scheinen mir heute wichtig.
 


Was kann Spiritualität im Umgang mit Ohnmacht, Angst oder Trauer angesichts des Klimawandels bewirken?

Pfenninger: 2019 fand auf dem Pizol eine Trauerfeier für diesen Gletscher statt, der aufgrund des Klimawandels fast vollständig verschwunden ist. Hier fand die Trauer über bereits eingetretene Klimaveränderungen einen symbolischen Ort. Viele jüngere Christ:innen gehen mit dem Gefühl der Ohnmacht um, indem sie ihr ökologisches Engagement mit ihrem Glauben verbinden. 

Darüber hinaus bietet Spiritualität Ressourcen und Sprachmöglichkeiten, wenn engagierte Menschen an ihren Ansprüchen zerbrechen. Die christliche Lehre der Gnade erinnert daran, dass wir mehr sind als unsere Leistungen. Sie erinnert an eigene Grenzen, das kann vor Verausgabung – dem «activism burnout» – oder dem oft daraus folgenden Zynismus schützen.

Sie sind reformierter Theologe. Prägt Sie die Spiritualität des heiligen Franziskus?

Pfenninger: Texte wie der Sonnengesang beeindrucken mich. Ich habe auch grossen Respekt davor, was Papst Franziskus aus diesem Erbe gemacht hat: Seine Enzyklika «Laudato si’» ist an vielen Stellen an Deutlichkeit nicht zu überbieten …

… Papst Franziskus verbindet darin Ökologie, Gerechtigkeit und Spiritualität. Hat sein Aufruf zu ökologischer Umkehr vor elf Jahren in der Kirche und Gesellschaft etwas verändert?

Pfenninger: Die theologische Beschäftigung mit ökologischen Fragen hat an Bedeutung gewonnen, dazu hat die Enzyklika sicher beigetragen. Besonders wichtig scheint mir die Verbindung von theologischem Tiefgang und dem Ernstnehmen aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dass dieser päpstliche Text auch über die Kirche hinaus gelesen wird, kann ich mir auch als reformierter Theologe nur wünschen.

Für Nachhaltigkeit ist nebst Haltung ein echter kultureller Wandel nötig. Was braucht es, damit dieser deutlicher stattfindet?

Pfenninger: Wir schützen nur, was wir kennen und lieben. Daher ist es wichtig, dass die Natur im Alltag – kirchlich zum Beispiel im Gottesdienst – präsent ist und uns daran erinnert: Wir sind Teil dieser Natur und wesentlich für ihr Wohlergehen verantwortlich. Zudem ist wirksamer Klimaschutz gelebte Nächstenliebe: Unter der Klimakrise leiden viele Menschen das ganze Jahr über. Das vergisst man leicht, wenn man selbst die direkten Folgen nur in Hitzesommern spürt. Ich hoffe, dass die Ökumene der weltweiten Kirchen weiterhin an diese Zusammenhänge erinnert.

 


Viele Menschen fühlen sich angesichts des Klimawandels moralisch unter Druck gesetzt. Wie kann Ökotheologie motivieren, ohne Probleme zu verharmlosen?

Pfenninger: Zentraler als moralische Appelle an Einzelne scheinen mir politische, strukturelle Veränderungen. Wichtig dabei ist, dass die Klimakrise nicht nur «ganz» oder «gar nicht» kennt: Jedes Zehntelgrad an Erwärmung, das abgewendet werden kann, ist von Bedeutung. So gefasst lohnen sich – in der Summe – auch kleine Veränderungen. Daran zu erinnern, gehört heute für mich zu den Potenzialen einer ökologischen Spiritualität.

Wo wird eine solche glaubwürdig gelebt?

Pfenninger: In Pfarreien, die zum Beispiel mit spirituell begleiteten Wanderungen in die Natur führen. In den USA feiert die Wild-Churches-Bewegung Gottesdienste in Kontakt mit der Mitwelt, etwa im Wald. In Bern gibt es die Fachstelle «oeku – Kirchen für die Umwelt», die unter anderem Impulse für die Schöpfungszeit im Frühherbst erarbeitet (siehe Kasten). Ökologisch orientierte Spiritualität kann aber auch polarisieren, ist nicht jedermanns Sache und muss es auch nicht sein.

Wo wünschen Sie sich mehr Mut?

Pfenninger: Man hört gelegentlich, in der Kirche solle es nicht um Ökologie gehen, sondern um Gott. Für mich ist das kein Gegensatz: Gerade vom biblischen Glauben an den menschgewordenen Gott her ist unser heutiger Umgang mit der Mitwelt doch hochproblematisch! 

Wenn wir uns im Glauben auf die Schwächsten unter uns ausrichten, können wir es nicht hinnehmen, wenn Menschen aufgrund des Klimawandels ihre Lebensgrundlage verlieren. Ich wünsche mir Kirchen, die es wagen, angesichts der Umweltzerstörung von Gott zu sprechen. Es darf deutlicher gesagt werden, dass ökologische Fragen etwas mit Gott zu tun haben.

 

Zur Person

Michael Pfenninger ist Assistenzprofessor für Dogmatik, Religionsphilosophie und Theologie der Religionen an der Universität Bern. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Theologie und Ökologie.
 

40 Jahre «oeku – Kirchen für die Umwelt»

Über 900 Kirchgemeinden, kirchliche Organisationen und Einzelpersonen unterstützen den Verein «oeku – Kirchen für die Umwelt», der von allen Landeskirchen als kirchliche Fachstelle für ökologische Fragen anerkannt wird. Seit 1986 fördert oeku umweltgerechtes Verhalten innerhalb der Kirchen, regt schöpfungstheologisches Lernen in den Kirchgemeinden an, verleiht das Label «Grüner Güggel» an Kirchgemeinden mit geprüftem Umweltmanagement und bringt ökologisch-ethische Überlegungen in die öffentliche Diskussion ein.

Infos und Jubiläumsprogramm