Mit ihrer vierteiligen Dokuserie «Der Engelmacher», die am diesjährigen Locarno Film Festival Premiere feierte, beleuchtet Regisseurin Marina Klauser einen der erschütterndsten Missbrauchsfälle der jüngeren Schweizer Geschichte. Im Mittelpunkt steht die religiöse Gemeinschaft Methernitha im bernischen Linden, deren 2011 verstorbener Gründer Paul Baumann über Jahrzehnte Mädchen und junge Frauen sexuell missbrauchte und dafür 1976 zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde.
Baumann vermittelte Mädchen die Vorstellung, durch geistige Entwicklung zu Engeln werden zu können. Dieses religiöse Versprechen nutzte er zur Manipulation und zum sexuellen Missbrauch – daher der Titel der Serie.
«Ich wollte Baumann keine zusätzliche Plattform geben», sagt Marina Klauser im Gespräch mit dem «pfarrblatt». In den fiktionalen Sequenzen wird der Gründer der Gemeinschaft deshalb unter anderem durch einen schillernden Skarabäus symbolisiert. Baumann bezog sich oft auf die ägyptische Mythologie. Für Klauser vereint der Käfer Faszination und Unbehagen, daher wurde er für sie zur Metapher für Baumann.
Regie mit persönlichem Hintergrund
Dass Klauser ihre Erzählung aus der Perspektive ehemaliger Mitglieder entwickelt, hat einen persönlichen Hintergrund. Ihre Tante Käthi wuchs in der Gemeinschaft Methernitha auf, bereits ihre Eltern gehörten dieser an. Während der rund fünfzehn Jahre, die Käthi in Linden lebte, wurde sie von Paul Baumann mehrfach sexuell missbraucht. Ihre Nichte, Marina Klauser, wusste lange kaum etwas darüber. «Aus Rücksicht und Respekt» sei fast nie über diesen Teil der Familiengeschichte gesprochen worden, sagt sie.
Erst Jahre nach dem Austritt der Tante erwähnte ihr Vater bei einer gemeinsamen Wanderung den Namen Paul Baumann. Klauser begann, nachzuforschen. Die Gespräche mit Käthi wurden zum Ausgangspunkt einer mehrjährigen filmischen Recherche. «Ich war wahnsinnig berührt von dem, was sie erlebt hat», sagt die Regisseurin. Gleichzeitig habe sie grossen Respekt davor entwickelt, dass ihre Tante den Ausstieg geschafft hatte und als Belastungszeugin später dabei half, die Verbrechen aufzuarbeiten.
Schmerzhafte Erinnerungen
Der familiäre Bezug öffnete der Regisseurin Türen. Viele ehemalige Mitglieder erklärten sich erst zu Gesprächen bereit, als sie erfuhren, dass Klauser Käthis Nichte ist. Manche sahen sich während der Dreharbeiten nach fast fünfzig Jahren erstmals wieder. «Es war fast wie ein Klassentreffen», erzählt Klauser. Neben schmerzhaften Erinnerungen seien dabei auch Freundschaften und gemeinsame Erlebnisse wieder sichtbar geworden.
Warum Menschen in dieser abgeschotteten religiösen Gemeinschaft lebten, in der Arbeit und Alltag kollektiv organisiert waren, strenge Verhaltensregeln galten und bedingungsloser Gehorsam eine zentrale Rolle spielte, beantwortet die Serie nicht mit einfachen Erklärungen. Klauser wollte die damaligen Glaubensvorstellungen nicht von heute aus beurteilen. Für Kinder wie Käthi, deren Eltern bereits der Methernitha angehörten, stellte sich die Frage nach einem Beitritt ohnehin nicht. Viele kannten keine andere Welt. Innerhalb der Gemeinschaft wurden sie teilweise getrennt von ihren Eltern in einem Kinderheim beziehungsweise Internat untergebracht.
«Für sie war das ihre Realität», sagt Klauser. Schwieriger sei es für sie als Aussenstehende zu verstehen gewesen, weshalb Erwachsene sich der Methernitha anschlossen und blieben. Viele seien finanziell, psychisch oder sozial belastet gewesen. Die Gemeinschaft habe Halt, klare Strukturen und religiöse Gewissheit geboten. Hinzu kam eine fast vollständige wirtschaftliche Abhängigkeit. Wer in der Gemeinschaft lebte, arbeitete für sie, erhielt aber keinen Lohn. Ein Austritt bedeutete oft, ohne Geld, Beruf oder soziales Netz neu beginnen zu müssen.
«Es braucht wahnsinnig viel Mut, eine solche Gemeinschaft zu verlassen», sagt Klauser. Heute verstehe sie auch jene besser, die blieben – weil ihnen nach Jahrzehnten schlicht die Kraft fehlte, noch einmal ganz von vorne anzufangen.
Verbindung von Doku und Fiktion
Auch formal geht Klauser mit ihrer Serie einen eigenen Weg. Da nur wenige bewegte Archivaufnahmen existieren, verbindet sie dokumentarische Interviews mit fiktionalen Sequenzen. «Sobald etwas zu bildlich wird, geht bei mir die Alarmglocke los», sagt sie. Gewalt wollte sie nicht eins zu eins abbilden. Stattdessen übersetzt sie das Erlebte in die kindliche Perspektive: Ein Kaleidoskop steht etwa für die verzerrte Wahrnehmung innerhalb der Gemeinschaft, ein Puppenhaus für deren abgeschlossene Miniaturwelt.
Diese Zurückhaltung prägt auch den Umgang mit den ehemaligen Mitgliedern. Zwischen den ersten Gesprächen und den Dreharbeiten vergingen mehr als zwei Jahre. Alle Beteiligten konnten ihre Aussagen prüfen, während der Dreharbeiten stand psychologische Begleitung bereit. «Viele erleben das Erzählen ihrer Geschichte als eine Form der Selbstermächtigung», sagt Klauser. Gleichzeitig habe sie sich im Schneideraum immer wieder gefragt: «Wo fängt Voyeurismus an?» Der Grat zwischen Aufklärung und Sensation sei schmal.
Die Verantwortung der Institutionen
Der Blick richtet sich auch auf die Kirchen. Die Methernitha suchte über Jahre den Kontakt zur reformierten Kirche. Klauser sprach mit dem damaligen und dem heutigen Pfarrer von Linden und sichtete Unterlagen im Pfarrarchiv. Rückblickend könne sie nachvollziehen, weshalb die Kirche auf den Dialog einging, sagt sie. Gleichzeitig zeige die Geschichte, wie schmal der Grat sei zwischen Gesprächsbereitschaft und unbeabsichtigter Legitimation. Die Fragen richten sich aber ebenso an Behörden, die Gemeinde Linden und die noch heute bestehende Methernitha. Warum griff niemand früher ein?
Klauser bedauert, dass weder die heutige Gemeinschaft noch die Gemeinde an der Serie mitwirken wollten. Sie hätte gerne erfahren, wie die Gemeinschaft heute lebt, woran ihre Mitglieder glauben und wie sie auf die Vergangenheit blicken. Eine offene Auseinandersetzung hätte sie als Chance gesehen – für die Gemeinschaft wie für die Öffentlichkeit. Dass Aufarbeitung auch Beziehungen verändern kann, hat Klauser selbst erlebt. Als sie von ihrer Tante Käthi spricht, wird ihre Stimme leiser. «Sie ist für mich zu einem Vorbild geworden», sagt sie. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Vergangenheit habe den Zusammenhalt in ihrer Familie gestärkt.
Vielleicht liegt darin die hoffnungsvollste Botschaft von «Der Engelmacher»: Vergangenes lässt sich nicht ungeschehen machen. Aber es lässt sich erzählen – und darin liegt die Chance auf einen Neuanfang.
Die Methernitha
Die religiöse Gemeinschaft Methernitha wurde in den 1950er-Jahren in Linden im Emmental von Paul Baumann, genannt «Vatti», gegründet. Die zeitweise rund 300 Mitglieder lebten und arbeiteten in einer selbstversorgenden Kommune nach strengen religiösen Regeln. Mädchen wurden teils von ihren Familien getrennt und als «Engel» erzogen. 1976 wurde Baumann wegen sexueller Übergriffe an acht Mädchen zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach seiner Rückkehr ging der Missbrauch laut «Der Engelmacher» bis zur Jahrtausendwende weiter.
Die vierteilige Serie ist auf Play Suisse und auf Play SRF bereits vollständig verfügbar. SRF 1 zeigt die Episoden 1 und 2 am 27. August um 20.05 sowie die Episoden 3 und 4 am 30. August um 23.00.