Die Veranstaltung war überbucht, es mussten Interessierte abgewiesen werden. «Kirche nach der Pfarrei», das erste Deutschschweizer Forum für Kirchenentwicklung organisiert vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI), dem Theologisch-pastoralen Bildungsinstitut (TBI), dem Pastoralinstitut der Theologischen Hochschule Chur und allen Deutschschweizer Bistümern stiess auf sehr grosses Interesse.
Rund 140 Teilnehmende sassen zu Tagungsbeginn erwartungsvoll auf ihren Stühlen. Stühle, die die Organisatorinnen eigentlich gar nicht aufstellen wollten. Vielmehr ginge es darum, Räume zu erkunden und neu zu bespielen, erklärte Christiane Schubert vom TBI bei der Begrüssung.
Wer sass im Saal der Zürcher Paulus Akadmie? Die Mehrheit der Teilnehmenden waren kirchlich Tätige, rund die Hälfte in der Seelsorge. Die meisten auf der pastoralen, einige von der staatskirchenrechtlichen Seite der Kirche. Die Jungen unter ihnen waren Jahrgänge 1980 bis 2000, die Mehrheit im Saal war älter. Auch ein paar wenige Freiwillige waren vor Ort.
«Der Selbsterneuerungsmotor der Kirche stottert», stellte Arnd Bünker, Leiter des SPI, fest und fasste damit seinen pastoralsoziologischen Kurzinput zum allseits bekannten Mitgliederrückgang und zum Bedeutungsschwund der Kirche zusammen. Was nun? Wie könnte es weitergehen? Diese Fragen stellten sich alle Anwesenden sicher nicht erst an diesem Morgen. Viele von ihnen kamen mit Ideen und Erfahrungen aus Projekten nach Zürich. Mit Schwung und Begeisterung strömten die Teilnehmenden in die Workshop-Ateliers mit verschiedenen Schwerpunkten aus, die als nächstes auf dem Programm standen.
In einem Atelier ging es zum Beispiel um Glaubenskommunikation jenseits der Pfarrei. Hildegard Aepli, Mitarbeiterin im Pastoralamt des Bistums St. Gallen stellte dazu das Projekt «Grosse Exerzitien im Alltag» vor. Dieses wurde in der ersten Version von November 2021 bis Juni 2022 in zwölf Gruppen in der Deutschschweiz durchgeführt. 210 Menschen nahmen teil. 680 Bücher mit Impulsen wurden verkauft, dank ihnen erhielten die Teilnehmenden tägliche Impulse. Zusätzlich zum individuellen Programm trafen sich die Teilnehmenden in Austauschgruppen.
Umrahmt wurde das Projekt durch eine Auftaktveranstaltung und einen Abschlussgottesdienst. Das Projekt war so erfolgreich, dass es ein zweites Mal durchgeführt wurde – mit noch mehr Teilnehmenden. Ein drittes Exerzitien-Projekt ist für 2028 geplant. Die «Grossen Exerzitien im Alltag» sind ein Beispiel eines Projekts auf Zeit, das sich nach den Bedürfnissen einer Zielgruppe richtet, auf einem Netzwerk aufbaut und mit wenigen Expertinnen und Experten auskommt. Es lasse Gemeinschaften entstehen, die blieben oder sich wieder auflösen, erklärte die Initiantin.
Vernetzung ist entscheidend
In einem anderen Atelier ging es um Diakonie in Kooperation mit dem Gesundheitswesen, und zwar am Beispiel des Palliativ-Care-Netzwerks im Kanton Aargau. Stefan Hertrampf, Heim- und Spitalseelsorger, berichtete vom Dienst der Kirche in einem Zwischenraum, in dem sie sich in einem säkularen, nach wirtschaftlichen Kriterien funktionierenden Umfeld behaupten muss.
Die Spitalseelsorgenden sind Teil eines vielfältigen Behandlungsteams – mit einem gemeinsamen Anliegen: ein gutes Leben bis zum Ende. «Hier muss sich die Kirche einlassen, ohne sich selbst aufzugeben», sagt Stefan Hertrampf. Im besten Fall könne sie Partnerin sein und ihre Werte anbieten.
Der Erfolg dieses Dienstes im Zwischenraum hänge von der Vernetzung der Seelsorgenden ab: von den Kontakten zu den Pflegenden, den Ärztinnen und Therapeuten, zur Spitex. Die Seelsorgenden müssten sich einbringen; dann würden sie neben der Begleitung der Patientinnen und Patienten manchmal auch zu ethischen Entscheidungen, zur Weiterbildung der Pflegenden oder zur Gestaltung von Feiern beigezogen.
Das Beispiel zeigt ein kirchliches Angebot mit einer sogenannten «Geh-Struktur»: Die Kirche tritt aus den Kirchenräumen heraus, vernetzt sich und bietet sich als Partnerin an – nicht als Chefin.
Weitere Ateliers hatten Digitalität, Erprobungsräume, «Art of Hosting» und «Effectuation», also das Entscheiden in Zeiten grosser Unsicherheiten zum Thema. In der Mittagspause war eine gewisse Ernüchterung zu spüren. Die Themen waren nicht neu, die Methoden vielen schon bekannt. Am Nachmittag zeigten sich Lücken in den vorher gut besetzten Sitzreihen.
Prozesse statt Produkte
In den Panels am Nachmittag wurden schliesslich fiktive Personen als Ausgangspunkte genommen, um basierend auf ihren spezifischen Bedürfnissen, verschiedene Angebote zu entwickeln.
Als Beispiel diente etwa Pascal Wanner, 42 Jahre alt, verheiratet und kinderlos, Diplom-Mathematiker in einer Versicherung. In seiner Kindheit und Jugend war Pascal in der Jubla aktiv und liebte vor allem die Aktivitäten in der Natur. Heute ist Pascal zwar noch Kirchenmitglied, besucht aber kaum mehr einen Gottesdienst und fühlt sich von den Angeboten der Pfarrei nicht angesprochen. Er verspürt aber eine Sehnsucht, sich spirituell zu verankern.
Eine Person mit diesem Hintergrund und ähnlichen Bedürfnissen konnten sich alle gut vorstellen, und bald war ein Versprechen an Pascal formuliert. Dieses Versprechen ist der Kern der Canvas-Methode, mit der in der Wirtschaft Projekte entwickelt werden und die nicht wenigen Teilnehmenden bereits bekannt war. «Wir machen mit dir zusammen den Weg des Findens» versprachen sie Pascal. «Miteinander – füreinander.»
Die Diskussionen über die Umsetzung wurden engagiert und auch kontrovers geführt. Einigkeit herrschte aber darüber, dass die Kirche zu den Menschen gehen und mit ihnen zusammen herausfinden muss, was sie brauchen – Prozesse statt Produkte, lautete eine gefundene Formel. Pascal schliesslich renovierte im bearbeiteten Fallbeispiel mit einer Gruppe von Gleichgesinnten ein in der Natur gelegenes, leerstehendes Gästehaus der Kirche.
Ein Mann einer nahen Ordensgemeinschaft wurde zu einem Mitglied der Gruppe, die sich gern ums Feuer traf. Bei den Gesprächen am Feuer brachte er immer wieder spirituelle Impulse ein, die die Gruppe dankbar aufnahm. Mit der Zeit gesellten sich Familienmitglieder zur Gruppe, die schliesslich eine Waldgemeinde gründete. In dieser Art, da waren sich die Teilnehmenden einig, könnten sie sich die Kirche nach der Pfarrei vorstellen.
Alte Zöpfe abschneiden
Den Abschluss der Tagung bildete das Referat von Klara Antonia Csiszar. Die Linzer Pastoraltheologin ist Expertin im von Papst Franziskus angestossenen synodalen Prozess und war als Beobachterin an der Tagung in der Paulus Akademie dabei.
Sie bestärkte die Anwesenden darin, sich vor allem darüber klar zu werden, aus welcher inneren Haltung Kirche gestaltet werden solle, und ermutigte das Publikum, hoffnungsvoll und in menschlicher Verbundenheit an der Zukunft der Kirche zu arbeiten. Sie entliess das interessierte Publikum mit den Worten: «Vergessen Sie alles, was ich gesagt habe, aber nehmen Sie diese Geschichte mit.
Vor langer Zeit meditierten jeden Abend ein alter und ein junger Mönch zusammen in ihrem kleinen Kloster. Jeden Abend kam eine Katze in die Kirche spaziert und störte die Meditation. Der alte Mönch befahl, die Katze vor dem Kloster anzubinden. Dies geschah über Jahre. Als der alte Mönch starb, führte der inzwischen älter gewordene Mönch die Tradition weiter. Als die Katze starb, wurde eine andere Katze an den Pfahl gebunden.
Theologen verfassten zwei Bände über die Heilsnotwendigkeit des Katzenanbindens. Selbst als sich niemand mehr für die Meditation interessierte, wurde die Katze weiter angebunden, um der Tradition Genüge zu tun.»