«pfarrblatt»: Am 24. Februar jährt sich der Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zum vierten Mal. Am 7. März werden Sie mit den Basler Madrigalisten Francesco Hochs «ZET» in Bern uraufführen. Der Komponist vertont darin eine historische Aussage Wolodymyr Selenskis.
Raphael Immoos: Aktuell arbeitet Francesco Hoch am mehrteiligen Zyklus «I Resistenti». Mit «ZET» spielt er auf den Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 und die resistente Haltung Selenskis – Zelenskyy laut der offiziellen ukrainischen Webseite – an. Joe Biden bot Selenski damals Asyl in den USA an, was dieser ablehnte. Diese mutige Aussage liegt der Komposition zugrunde.
Wie hat dieses hochaktuelle Werk während der Konzertvorbereitung auf Sie gewirkt?
Immoos: Ich frage mich immer: Wie politisch darf Musik sein? Wir wissen nicht, wie sich Selenski in Zukunft verhalten wird. In Francesco Hochs Vertonung «ZET» hört man auf Joe Bidens Nachfrage Selenskis stammelnde Worte «Ich bin hier – wir sind hier – immer noch». Es sind berührende, teils geflüsterte Worte; keine Knallerei leerer Worthülsen, sondern Ausdruck menschlicher Überforderung, Ratlosigkeit und doch eindrücklicher Entschlossenheit.
Ihr Programm «Da pacem» reicht von der Gregorianik bis zur Gegenwart (siehe Kasten). Was hat Sie nebst dem Leitthema zu genau dieser Werkauswahl bewegt?
Immoos: «Da pacem Domine» ist ein alter gregorianischer Gesang aus dem frühen ersten Jahrhundert mit dem Wunsch nach Frieden. Doch wie geht Frieden, wie wird Frieden? Der lutherische Theologe Cornelius Becker prangerte im 16. Jahrhundert in einer freien Psalmübersetzung das Gehabe der Mächtigen an, die auf Recht und Ordnung pfeifen. Das kommt einem auch heute bekannt vor. In Heinrich Schütz’ Vertonung von 1628 erhielt diese Sicht des Psalms zusätzlich Brisanz. Während des Dreissigjährigen Kriegs wurde um Glaubensfragen und Grenzverschiebungen gekämpft. Dabei starben Schütz die Musiker weg.
Seit vorgestern dieses Alarmgeschrei, diese weinenden Frauen und vor allem diese schreckliche Begeisterung der jungen Leute und aller Freunde, die gehen mussten und von denen ich nichts mehr höre. Ich halte es nicht mehr aus. Der Albtraum ist zu schrecklich. Ich glaube, ich werde jeden Moment verrückt (…). Ich habe noch nie so hart gearbeitet, mit solch wahnsinniger, heroischer Wut.
Maurice Ravel, Februar 1915
In Ihren ausgewählten Werken kommen auch Betroffene zu Wort.
Immoos: Ja, etwa die junge Frau, die in Maurice Ravels Lied «Trois beaux oiseaux du Paradis» den Verlust ihres Geliebten an der Front des Ersten Weltkriegs fürchtet. Während des Zweiten Weltkriegs schrieb Frank Martin im Auftrag des Schweizer Radios die Friedenskantate «In terra pax», woraus das «Notre Père» erklingen wird. Dasselbe Gebet singen wir auch in einer tschechischen Fassung von Leoš Janáček.
und Frieden. Foto: Carlo Stuppia
Benjamin Brittens bekanntestes Werk, sein «War Requiem» von 1962, zeigt stille Trauer und gedenkt der Toten des Zweiten Weltkriegs. Sie werden Brittens «Advance Democracy» zum Klingen bringen, das 1938 vor dem Ausbruch des Krieges entstand.
Immoos: Genau, auch darin zeigt sich seine pazifistische Haltung. Es handelt sich um einen flammenden Appell für den Erhalt der Demokratie – ein Plädoyer gegen Machtmissbrauch und Diktatur. Heute, 88 Jahre später, sind wir wieder an einem ähnlichen Punkt. Das muss zu denken geben. Einen dritten Weltkrieg dürfen wir nicht riskieren.
Inwiefern macht der jeweilige Zeitgeist der Komponisten Unterschiede in ihrem Erleben von Krieg und Frieden deutlich?
Immoos: Die ausgewählten Werke sind thematisch eng miteinander verzahnt. Je nach Blickwinkel gehen die Komponisten aber anders vor. Auch das macht das Programm interessant. Allen aber wohnt der Wunsch nach Frieden, Erfüllung und einem sinnstiftenden Leben inne.
Ich glaube nicht, dass ich (…) jemals irgendwelche Illusionen über die Art des Friedens hatte, der dem Ende des Krieges folgen würde. Aber dieser Mangel an Illusion konnte mich nicht an dem Versuch hindern, den Übergang von tiefster Verzweiflung zur Hoffnung auf eine leuchtende Zukunft auszudrücken.
Frank Martin, nach 1944
Welches der ausgewählten Stücke berührt Sie am meisten?
Immoos: Ich habe intensiv recherchiert und aussortiert. Wir werden die Kirche aus verschiedenen Perspektiven besingen. Nebst Soli und Chor werden Harfenund Orgelklänge für eine ganz besondere Stimmung sorgen. Letztendlich berührt mich jedes dieser Werke.
Mit den Basler Madrigalisten erinnern Sie epochenübergreifend an verschiedene Kriege. Inwiefern appellieren Sie mit diesen Konzerten für den Frieden?
Immoos: Was bedeutet Frieden? Das sagt sich so schnell. Reicht es, dafür zu beten? Mit unserem Programm «Da pacem» möchten wir dazu ermutigen, eine klare Position einzunehmen und sich aktiv für den Frieden zu engagieren. Dafür singen und musizieren wir.
Konzertprogramme
Nebst der gregorianischen Antiphon «Da pacem Domine» erklingen Chorwerke von Heinrich Schütz, Leoš Janáček, Maurice Ravel, Benjamin Britten, Knut Nystedt sowie von den Schweizer Komponisten Frank Martin, Edward Staempfli, Heinz Holliger und Francesco Hoch.
Sa, 7. März, 19.30: Kirche Dreifaltigkeit, Bern und So, 8. März, 17.00: Kirche St. Katharinen, Horw. Eintritt frei – Kollekte
So, 15. März, 16.00: Basilika Kloster Mariastein. Tickets: eventfrog.ch oder Abendkasse.
Bei einem weiteren Konzert interpretiert das Vokalensemble J. S. Bachs Johannespassion aus heutiger Sicht «neu gedacht» in einer kammermusikalischen Aufführung mit der Schauspielerin Dorothée Reize.
So, 22. März, 17.00: Michaelskirche, Meiringen. Eintritt frei – Kollekte