«pfarrblatt»: Nach einem Unglück oder Unfall heisst es häufig, ein Care oder Seelsorge-Team sei vor Ort gewesen. Wie kommt dieses dahin?
Patrick Schafer: Wenn bei den Blaulichtorganisationen ein Notruf eingeht, wird mit der Polizei, der Ambulanz und der Feuerwehr nach Bedarf auch das kantonale Care Team informiert. Zu diesem gehören auch Seelsorgende. Je nach Grösse des Ereignisses kommen zwei oder mehrere Personen. Vor Ort arbeiten dann alle gemeinsam mit Polizei und Rettungskräften.
Was ist die Aufgabe des Care Teams?
Schafer: Das Care Team kümmert sich um alle nicht verletzten Personen am Ereignisort, meist um Angehörige der Betroffenen. Es geht darum, Menschen in Ausnahmesituationen zu begleiten. Ziel ist es, ihnen zu helfen, wieder eigenständig handeln zu können.
Wie macht man das?
Claudia Graf: Häufig erst einmal, indem man den Betroffenen hilft, das Ereignis zu verstehen, wieder in eine stabile Situation zu kommen und dann die nächsten Schritte anzugehen. Menschen reagieren in Ausnahmesituationen sehr unterschiedlich. Manche verfallen in Aktionismus und verstehen gar nicht richtig, was passiert ist. Andere werden apathisch und sind kaum noch ansprechbar. Wieder andere sind von ihren Gefühlen überwältigt, weinen oder schluchzen laut.
Welches Handwerkszeug braucht man für die Begleitung?
Graf: Als Seelsorger:in ist man es gewohnt, dem Gegenüber Raum zu geben und sie oder ihn die Gesprächsrichtung bestimmen zu lassen. Das kann in einer Notfallsituation komplett falsch sein. Zwar kommt man hier auch nicht mit vorgefertigten Antworten. Aber man muss die Menschen häufig viel stärker an die Hand nehmen. In der notfallpsychologischen Zusatzausbildung lernt man daher zum Beispiel eine direktive Gesprächsführung.
Schafer: Das Thema Selbstschutz ist auch sehr wichtig, also immer wieder zu fragen, wie es einem selbst geht: Kann ich noch, brauche ich etwas oder muss ich sogar an jemand anderen übergeben?
Wie reagieren die Menschen nach Ihrer Erfahrung auf seelsorgliche Notfallbegleitung?
Graf: Manche reagieren erst einmal abweisend, nach dem Motto: «Ich brauche keine Hilfe.» Natürlich drängt man sich nie auf. Es hilft aber, dass man zusammen mit den Blaulichtorganisationen auftritt und die Polizistin dann vielleicht sagt: «Wir müssen jetzt gehen, aber dies ist Frau XY vom Care Team, sie schaut mit Ihnen, was zu tun ist.»
Was unterscheidet eine seelsorgliche von einer psychologischen Notfallbetreuung?
Graf: Beide basieren auf einer notfallpsychologischen Zusatzausbildung. Theolog:innen bringen aber noch eine andere Perspektive ein als Psycholog:innen. Als Seelsorger:in hat man auch bestimmte Rituale im Rucksack. Natürlich sage ich nicht einfach: «So, jetzt beten wir zusammen.» Wenn es zum Beispiel um den Abschied von einer Person geht, frage ich die Angehörigen aber vielleicht: «Wäre es hilfreich für Sie, den Verstorbenen noch zu segnen oder ein Gebet zu sprechen?» Auch das Anzünden einer Kerze empfinden viele als tröstlich.
Schafer: In der katholischen Kirche kennt man das Weihwasser. Ich habe schon erlebt, dass es sehr verängstigten Menschen geholfen hat, sich daran zu erinnern, wie die Grossmutter ihnen damit immer ein Kreuzzeichen auf die Stirn gemacht hat. Wenn die Emotionen so stark sind, dass Worte fehlen, können solche kleinen Handlungen mit grosser Symbolkraft helfen. Zugleich gilt: Ein Ritual ist immer freiwillig, niemand muss mitmachen, man darf jederzeit aussteigen.
Als Seelsorger:in ist man auch selbst Symbolfigur.
Graf: Absolut. Man steht für eine Kirche und für einen Glauben, im positiven wie negativen Sinne. Man bringt seinen Wertehintergrund mit, sein eigenes Getragen-Sein im Glauben genauso wie die eigenen Fragen und Zweifel. Im Mittelpunkt stehen aber immer die Beziehung und die Bedürfnisse der Menschen, die man begleitet.
Eine Langzeitbeziehung soll bei einem Notfalleinsatz allerdings nicht entstehen.
Schafer: Wenn der Ausnahmezustand vorbei ist und die normalen Strategien der Person zur Bewältigung der belastenden Situation wieder funktionieren, ist die Notfallseelsorge abgeschlossen. Manchmal fragen die Menschen, ob man nicht auch die Beerdigung durchführen oder zu den Enkelkindern daheim schauen könnte. Es ist wichtig, sich da abzugrenzen und für die Zeit nach dem Einsatz auf den Therapeuten, die Hausärztin, die Pfarrei, die Kirchgemeinde oder eine andere Religionsgemeinschaft zu verweisen. Sonst kann es sein, dass man zu einer umfassenden Retterfigur wird, das ist nicht gesund.
Bei belastenden Ereignissen haben die Betroffenen aber häufig mit längerfristigen Folgen zu kämpfen.
Schafer: Das stimmt. Deshalb haben einige Psycholog:innen aus dem Berner Care Team die Fachstelle Ereignisnachsorge gegründet, einen Verein, bei dem Menschen im Anschluss an ein belastendes Ereignis Hilfe finden. Die katholische und die reformierte Kirche unterstützen das Pilotprojekt finanziell.
Warum haben die Kirchen so etwas nicht selbst ins Leben gerufen?
Graf: Die Kirchen haben mit den Pfarreien und Kirchgemeinden ja grundsätzlich eine Infrastruktur für längerfristige Seelsorge. Trotzdem braucht es manchmal zusätzliche und fachpsychologische Unterstützung. Ich denke, das Angebot der Ereignisnachsorge ruft zu gegenseitiger Sensibilität auf. Die Psycholog:innen sehen, dass Kirche das Angebot ermöglicht und mitfinanziert. Den Kirchen zeigt das Projekt, dass es nicht mehr reicht, zu sagen: «Wir haben ja die Seelsorge, kommt doch in die Pfarrei oder Kirchgemeinde.» Es braucht auch neue Formen, um die Seelsorge ins Spiel zu bringen und zu zeigen, was sie zu bieten hat.
Care-Team Kanton Bern
Fachstelle Ereignisnachsorge
Zu den Personen:
Claudia Graf (55) ist seit 2024 Beauftragte der Reformierten Kirchen BernJura-Solothurn für Spezialseelsorge und Palliative Care. Davor arbeitete sie zwei Jahrzehnte als Spitalseelsorgerin in Luzern, Zürich und Bern.
Patrick Schafer (52) ist seit September 2025 Leiter der Fachstelle «Spezialseelsorge und Diakonie» der katholischen Kirche Bern. Zuvor war er sieben Jahre als Spitalseelsorger im Berner Inselspital tätig. Er ist ausserdem Leiter des Pastoralraums Bern.