«Wer bin ich?», fragte Dietrich Bonhoeffer aus der Gefangenschaft heraus und schloss: «Wer ich auch bin – Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.»
Dieses Vertrauen begleitet mich auch bei meiner Arbeit am Inselspital. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass im Innersten jedes Menschen ein heiler, unversehrter, dem Leben zugewandter Kern ist, der uns auch im Zustand von grösster Angst, überwältigendem Schmerz oder höchster Verwirrung Ressource sein kann. Für mich ist dieser Kern die Seele, unsere Verbindung zu Gott, zur Quelle, die uns alle ins Leben geliebt hat.
Kürzlich wurde ich zu einer Patientin gerufen, die im wahrsten Sinn des Wortes «ausser sich» war. Die Erfahrung von Hilflosigkeit und Schmerz nach dem Erwachen aus der Narkose berührte etwas sehr Altes in ihr: frühere Momente von Ausgeliefertsein und Ohnmacht. Für einen Augenblick schien alles gleichzeitig da zu sein – damals und heute, Vergangenheit und Gegenwart –, und ihr Inneres stand unter Hochspannung.
Ich setzte mich an ihr Bett und suchte ihren Blick. Behutsam sprach ich sie mit ihrem Namen an und bot ihr an, meine Hand zu halten. Nach und nach veränderte sich etwas: Ihr Atem wurde ruhiger, der Blick fand wieder Halt, die Anspannung liess ein wenig nach. Für mich war es, als würde sie wieder ein Stück bei sich ankommen. In ihren Augen begann etwas von innen heraus lebendig zu leuchten. Unser Blickkontakt berührte mich tief.
Solche Augenblicke erlebe ich als Gnade. Es erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit, wenn plötzlich, mitten im Schrecken, etwas da ist, das grösser ist als der Schmerz – eine Präsenz, in der auch das Unfassbare atmen darf.
In solchen Erfahrungen finde ich meine Antwort auf Bonhoeffers Frage «Wer bin ich?». Ich bin immer dieselbe, egal ob ich bei mir oder «ausser mir» bin. Denn selbst im Chaos bleibt das, was ich im Kern bin: eine Seele, die weiss, dass sie gehalten, erkannt und geliebt ist – im göttlichen Du.
Dorothea Murri, Seelsorgerin im Inselspital