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Einjährige Baumsetzlinge soweit das Auge reicht. Foto: Anouk Hiedl

Wer Bäume pflanzt, denkt voraus

Seit 26 Jahren ziehen die Emme Forstbaumschulen in Wiler Bäume aus Schweizer Saatgut heran. Auf 180 000 Quadratmetern Betriebsfläche begleitet das Team der Co-Geschäftsinhaber Marc Hirt und Simon Schori das Wachstum von jungen Laub- und Nadelbäumen, Sträuchern und Wildrosen vom Samen bis zum Setzling. Ein Besuch an der Wiege zukünftigen Waldbestands.

Anouk Hiedl

Prüfend stapft Marc Hirt einem 100 Meter langen Feld entlang – Setzlinge soweit das Auge reicht. Die einjährigen Bäumchen der Emme Forstbaumschulen in Wiler bei Utzenstorf bedecken den Boden mit dichtem, kräftigem Grün. Nur bei den gesäten Linden zeigen sich dieses Jahr Lücken. «Vielleicht war das Saatgut nicht ganz koscher und hat die gewünschte Reife nicht erreicht», erklärt der Co-Geschäftsinhaber. Auch auf dem Feld gegenüber gedeihen in langen Fünferreihen tausende Setzlinge. 
 


Sie sind dreijährig, hüfthoch, und manche davon tragen erste Blüten. Wieder ein paar Hundert Meter weiter duftet es zwischen jungen Ahornbäumen und kleinen Weisstannen nach feuchter Erde. Unter der bereits heissen Morgensonne versprühen Wassersprenger einen feinen Regen über diese zwei- bis vierjährigen Jungpflanzen, die sich je nach Baumart deutlich voneinander unterscheiden. Wer die Emme Forstbaumschulen besucht, merkt: Hier denkt man nicht in Tagen, sondern in Jahren.

Fit für den Wald machen

Die Arbeit des Forstbaumschulteams richtet sich nach den Jahreszeiten. «Das Wachstum der Bäume lässt sich nicht erzwingen», sagt Hirt. «Mit Dünger und der richtigen Bewässerung können wir es zwar bis zu einem gewissen Grad steuern. Wichtig ist, dabei dem Rhythmus der Natur zu folgen und nicht übers Ziel hinauszuschiessen. Die Pflanzen sollen ihr Wachstum vor dem Winter rechtzeitig abschliessen können.» Mehr noch als Geduld braucht das Baumschulteam Ausdauer. Im Sommer, während die Pflanzen wachsen, wird wenig verkauft und sehr viel gejätet: «Da steckt unendlich viel Handarbeit drin», sagt der 44-jährige Baumschulist. Sein Team nutze diese Zeit auch, um aufzuräumen, zu reparieren und Fahrzeuge zu warten.
 


Zwischen August und Februar ist die Emme Forstbaumschule in der Nord-, West- und Zentralschweiz sowie im Wallis unterwegs, um mit Leiter, Seil und Helm auf die Wipfel von Fichten, Föhren oder Lärchen zu klettern und dort hoch über dem Waldboden Zapfen zu pflücken. «Eine Ernte von 200 Kilogramm ergibt je nach Baumart zwischen ein und acht Prozent Samenausbeute», sagt Marc Hirt. Im Kühlraum der Emme Forstbaumschulen gelagert reicht dieser Vorrat für ein paar Jahre.
 


Ab Mitte Oktober werden die meisten Pflanzenflächen gerodet. Alle Baumsetzlinge werden sortiert. Das Team kürzt die Sämlinge mit einem Schnitt ein und verpflanzt sie im Frühling an ihren nächsten Standort. «Während dieser sogenannten Verschulung werden die jungen Bäume über die nächsten ein bis zwei Jahre so gross- beziehungsweise erzogen, dass sie gerade wachsen. Wie Schulkinder machen sie dabei Entwicklungsschritte durch, um später im Wald neben den anderen Pflanzen zu bestehen», erklärt Hirt.

Fachbetrieb für Forstfachleute

Bei den Baumsetzlingen, die beim schattigen Baumschuleneingang zur Sortierung bereitstehen, zeigt sich: Keine Pflanze gleicht der anderen. Boden, Witterung und Herkunft prägen ihre Form. Für die Verschulung werden jeweils die kräftigsten Exemplare aussortiert. Etwa 80 Prozent aller Setzlinge gelangen in den Verkauf, der Rest wird kompostiert oder zu Kompogas verarbeitet. «Das tut immer etwas weh», sagt Hirt, «doch wir müssen die Erwartungen unserer Fachkundschaft erfüllen.»

Zu den Hauptkunden gehören Förster sowie Bürger- und Einwohnergemeinden. Diese beziehen jeweils hunderte bis tausende Jungbäume, um sie in Wäldern zu setzen. Entsprechend herrscht im Frühling und Herbst in der Forstbaumschule Hochbetrieb. Dann werden die Pflanzen abgeholt oder täglich mit zwei 3,5 Tonnen-Lastwagen samt Anhänger schweizweit ausgeliefert, damit sie rechtzeitig gesetzt werden können.

Gefragt: klimaresistente Bäume

Angesichts immer heisserer Sommer rechnet Marc Hirt damit, dass klimaresistente Laubhölzer wie Linde, Hagebuche oder Kirsche an Bedeutung gewinnen werden. Auch tiefwurzelnde Arten wie der Walnussbaum kämen mit Hitze und Trockenheit gut zurecht. Bei den Nadelbäumen nennt er Douglasien, Föhren und Lärchen sowie mediterrane Arten wie die Atlaszeder oder die Baumhasel. Ebenso sieht er für die Eiche Zukunftschancen, schränkt aber ein, dass dies nur eine Annahme sei: «Schlussendlich organisiert sich die Natur selbst.»

Vom Marronibaum ist Hirt «besonders fasziniert», nicht zuletzt wegen seiner vielseitigen Früchte, die er gerne heiss und zu Vermicelles oder Mehl verarbeitet geniesst. Seit fünf Jahren setzt er auch auf die Pekannuss – für ihn ein weiterer Zukunftsbaum. Während Arten wie diese in der Romandie häufig nachgefragt werden, beobachtet er in der Deutschschweiz ­mehr Zurückhaltung. «Unsere Westschweizer Kundschaft ist neuen Baumarten wie Atlaszeder, Tulpenbaum oder Riesenlebensbaum gegenüber deutlich offener.»
 

Vom Baum des Lebens über den brennenden Dornbusch bis hin zum winzigen Senfkorn: Pflanzen spielen auch in der Bibel eine Rolle. Hirts Arbeitsalltag prägt dies allerdings kaum. «Ich habe schlicht zu viel zu tun, um während der Arbeit daran zu denken», sagt er. «Doch die biblische und mythologische Symbolik von Bäumen finde ich trotzdem schön.»

Im Takt der Natur

Dass Bäume oft viel länger leben als Menschen, beeinflusst Hirts Verständnis von Zeit indessen stark. «Unsere Schnelllebigkeit Zeit interessiert einen Baum nicht. Ihm ist es egal, ob irgendein Onlineversand morgen liefert. Er braucht einfach 15 bis 20 Jahre, um in seinem Rhythmus auszuwachsen.» Leider gingen in unserer Gesellschaft der Bezug und das Verständnis für die Natur zunehmend verloren. Dabei sei auch der Mensch ein Naturprodukt.

Wer heute einen Wald bepflanzt, weiss nicht, wie dieser in hundert Jahren aussehen wird. Deshalb sehen Hirt und sein Team ihre Arbeit auch als Beitrag für die Zukunft. «Wälder werden für die kommenden Generationen gepflanzt. Wir pflegen und ziehen die Baumsetzlinge gross, bis sie für ihren endgültigen Platz bereit sind. Wie es im Wald weitergeht, ist Försterjob.» Die Verantwortung der Forstbaumschulen in Wiler endet zwar mit dem Verkauf der jungen Bäume. Aber mit jeder Aussaat beginnt etwas, das über die eigene Generation hinausreicht.