Nicolas Betticher: Der Papst wurde gefragt, wie er dazu steht, dass der Münchner Erzbischof Reinhard Marx Segensfeiern für homosexuelle Paare offiziell gut geheissen hat. Als Antwort verwies Leo auf die Erklärung «Fiducia supplicans» von Papst Franziskus. Sie erlaubt die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare als «spontane pastorale Geste», aber nicht als feste liturgische Form.
Die liturgische Form ist dem Sakrament der Ehe zwischen Mann und Frau vorbehalten. Halten Sie das für zeitgemäss?
Betticher: Ein Sakrament ist ein Ideal, die Ansprüche daran sind hoch. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Konzil das Sakrament der Ehe eines Tages neu definiert, das gab es schon in der Geschichte der Kirche. Liebe gibt es genauso in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Wenn zwei Männer oder zwei Frauen vor mir als Priester stehen und eine Segnung wünschen, wer bin ich, dass ich ihnen das verwehre? Der Segen kommt nicht von mir, sondern von Gott.
Wenn zwei Männer oder zwei Frauen vor mir als Priester stehen und eine Segnung wünschen, wer bin ich, dass ich ihnen das verwehre? Der Segen kommt nicht von mir, sondern von Gott.
In Leos Antwort auf die Frage der Journalistin steckt Ihrer Meinung nach aber mehr als nur ein Statement über den Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren.
Betticher: Ja, der Papst sagte auch: Es gibt wichtigere Dinge als die Sexualität. In diesen Tagen wird Leos erste Enzyklika veröffentlicht. Darin geht es um künstliche Intelligenz, den Frieden auf der Welt und die Krise des Völkerrechts.
Gerade über Fragen der Sexualmoral wird hierzulande aber diskutiert. Macht es sich der Papst nicht zu einfach, wenn er diese als unwichtig abtut?
Betticher: Die Glaubensfragen, das Credo, die Sakramente, die Heilige Schrift – bei diesen Themen ist es entscheidend, dass wir alle übereinstimmen. Die Einheit der Kirche steht für Leo an oberster Stelle. Er will sie nicht gefährden durch Streit über zweitrangige Fragen. Das Interessante an der Aussage des Papstes ist: Wenn eine Frage nicht so wichtig ist, dann kann man auch darüber sprechen, ob es nicht unterschiedliche Antworten darauf geben kann.
Sie meinen also, der Papst verabschiedet sich von der universal gültigen Sexualmoral?
Betticher: Leo hat angekündigt, dass die kontinentalen Bischofskonferenzen 2027 über wichtige Themen beraten sollen. Ich stelle mir vor, dass es sein Anliegen ist, gewisse Dinge nicht weltweit, sondern kontinental zu regeln, einfach, weil sie in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich bewertet werden. Das betrifft zum Beispiel die Frage nach den «viri probati», aber auch die nach wiederverheiratet Geschiedenen und eben vielleicht auch die Sexualmoral.
Sind Sie da nicht sehr optimistisch?
Betticher: Zwischen dem Ideal der Kirche und der Realität gibt es zum Teil eine grosse Spannung. Als Priester erlebe ich Menschen, die in Beziehungsformen leben, die die Kirche «irregulär» nennt. Sie fühlen sich in ihren «Sünden» gefangen. Sie haben nicht mehr die Kraft, die eigentlichen Werte des Evangeliums zu leben, weil sie unter zweitrangigen Problemen leiden.
Welche Lösung sehen Sie da?
Betticher: Die Kirche kennt das Kriterium der Epikie, der Angemessenheit. Es erlaubt, eine Antwort auf eine konkrete Situation eines Menschen zu geben. Dabei ist das oberste Gesetz das Gewissen vor Gott. Epikie ist ein wichtiges Stichwort auf dem Weg von einer sündenhaft belasteten Moralität zu einer mitmenschlichen Freude des Lebens.