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Anicia Kohler aus Köniz liess Menschen aus Bergsturzgebieten ihre Geschichte erzählen. Foto: zVg

Wenn der Berg kommt

Was hilft, weiterzumachen, wenn der Berg das eigene Dorf verschüttet oder droht es zu verschütten? Die Autorin Anicia Kohler besuchte 27 Menschen in der Schweiz und lässt sie ihre Geschichte dazu erzählen. Geschichten von Verlust, Vertrauen und Mut.

Sabrina Gundert 

Ein Dorf, das bei einem Bergsturz verschüttet wird. An einem Roman mit diesem Thema hatte Anicia Kohler schon länger gearbeitet. Dann kam der Bergsturz von Blatten. «Seither habe ich das Manuskript nicht einmal mehr angesehen. Meine Geschichte war urplötzlich zu nah an der Realität», sagt die Text- und Musikschaffende aus Köniz bei Bern. Sie, welche die Berge seit Kindsbeinen von Wochenendausflüge kennt und doch fest mit dem Mittelland verwurzelt ist. Die Geschichten von Menschen faszinieren sie schon immer – Gemeinsamkeiten zu finden, wo es scheinbar so viele Unterschiede gibt. 

Schönheit und harte Realität 

Es war eine Wanderung auf der Lauchernalp im Lötschental, die die Geschichte in der Schublade wieder in Bewegung brachte. «Lange dachte ich, da kann man jetzt nicht hinfahren, nach dem Bergsturz von Blatten. Ich wollte ja keine Katastrophentouristin sein. Doch dann stand in der Zeitung, das Lötschental freue sich über Besucher», erinnert sich Kohler. 

So habe sie sich auf den Weg gemacht, zusammen mit ihrem Vater, und doch sei alles anders gewesen als sonst: Dort, von der Bank aus, von der man früher die Schönheit des Dorfes Blatten bewundern konnte, war jetzt nur der riesige, international bekannte Schuttberg zu sehen. «Wir blieben zusammen mit anderen Wanderern eine ganze Weile still dort stehen.» Auf dem Rückweg trafen sie eine Wanderin aus der Region: Das Medieninteresse liesse langsam nach, aber die Menschen würden ihre Geschichte gerne erzählen – es täte ihnen gut. 
 


Geschichten hinter den Schlagzeilen 

Dieser harsche Kontrast – die Schönheit an der Bergstation Lauchernalp, an der nichts von dem Bergrutsch zu sehen war, dann der Blick auf das zugeschüttete Blatten – gepaart mit dem eindringlichen Appell der zufällig getroffenen Wanderin brachten Anicia Kohler dazu, über ein neues Buchprojekt mit den Bergdörfern nachzudenken. Sie dachte an ein Buch, das die Menschen zu Wort kommen lässt, die die Berg- und Felsstürze, die Bedrohung der eigenen Dörfer direkt erfahren haben. Geschichten und Stimmen, die nicht nach Aufregung heischen – mehr sind als Stimmen, die bald verblassen. 

So machte sie sich auf den Weg und besuchte von Oktober 2025 bis Januar 2026 Menschen in unterschiedlichen Regionen in der Schweiz – in Gondo und Blatten, Schwanden und Brienz im Berner Oberland. In Brienz/Brinzauls in Graubünden, Bondo und in Kandersteg. Manche der Dörfer kannte die 44-Jährige aus ihrer eigenen Kindheit, andere waren für sie neu. Bei allen Besuchen standen die Menschen im Mittelpunkt: «Du kannst einen Menschen nicht auf das geologische Ereignis reduzieren, das ihm widerfahren ist. Natürlich verändert und prägt ein Bergsturz sein Leben für immer. Aber einen Menschen macht weit mehr aus – seine Interessen und Hobbies, das ganzen Leben eben.» 

Was hilft, weiterzumachen 

Wie kann das eigene Leben weitergehen, wenn der Berg kommt oder gekommen ist? Soll ich bleiben oder gehen? Was bleibt, wenn alles Normale weg ist? 

«Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Jeder Mensch geht anders damit um», so Anicia Kohler. Die einen hätten rasch mit angepackt – bei der Vermisstensuche, im Büro der Glückskette, bei der Planung des neuen Dorfes. «Die, die mit anpacken, schaffen es», sei ein Satz gewesen, den Anicia Kohler während ihrer Recherchen öfters gehört hat. «Ich denke, es lässt sich nicht pauschal sagen, aber ich habe öfters gehört und erfahren, dass Menschen, die sehr stark eingebunden waren ins Dorf, die Gemeinschaft hatten, eine Aufgabe, Kinder, die wieder in die Schule vor Ort gingen und  in Vereinen oder in der Dorfmusik aktiv waren, die Katastrophe besser verarbeiten konnten und häufiger auch wieder ins Dorf zurückgekehrt sind.» 

Jede Reaktion ist normal 

Kohler ist jedoch zurückhaltend mit solchen Allgemeinformulierungen – die Geschichten sollen für sich stehen, jedem Menschen seine eigene Stimme und Erfahrung lassen. So erzählt etwa Sergio Minnig aus Gondo, er bereue, das Wallis nicht schon früher verlassen zu haben. Nicht, weil er die Region nicht liebe, sondern aufgrund der Möglichkeiten, die sich für ihn an neuen Orten aufgetan haben: «Die Katastrophe hat die Jugend gespalten. Es gab die, die in die weite Welt hinaus wollten, und die, die danach erst recht bleiben wollten.» Ein Bewohner aus Blatten meint: «Wenn der Ort weg ist, an dem deine Wurzeln sind, dann wird dein Heimatgefühl noch stärker.» 

Urs Braun, Notfallpsychologe, versucht,  das Geschehene  einzuordnen. Er koordinierte unter anderem bei der Katastrophe von Gondo im Jahr 2000 die Einsätze seiner Kolleginnen und Kollegen. Mit ihm hat Anicia Kohler eine Stimme in ihr Buch geholt, die zeigt: Ob jemand trauert oder erstarrt, nicht mehr essen mag, sich zurückzieht oder mit anpackt – wie ein Mensch auf eine Katastrophensituation reagiert, lässt sich nicht voraussagen. «Es ist wichtig zu wissen, dass diese Reaktionen normale Reaktionen auf ein abnormales Ereignis sind», so Braun. 

Musik, die trägt 

Schwere Kost sei ihr Buch durchaus, meint Anicia Kohler. Deshalb verbindet sie es auch mit Musik. «Musik hat mir geholfen, das Gehörte und all die Geschichten zu verarbeiten. Ich habe Arrangements und neue Stücke geschrieben, die bei den Lesungen mit aufgeführt werden», so die 44-Jährige, die auch als Pianistin und Komponistin aktiv ist. Nicole Kalbermatten, Präsidentin der Musikgesellschaft Fafleralp Blatten, bringt es im Buch auf den Punkt: «Musik tut gut. Es ist für viele ein Ventil, auch für die, die ihre Gefühle sonst nicht so zeigen können. Das ist wirklich wichtig.» 

In Blatten hatten sie schon wenige Wochen nach dem Bergsturz wieder angefangen Musik zu machen – zwar mit vielen Tränen und Gefühlen, aber auch der Möglichkeit, diese zu fühlen. Ähnlich sieht es Anicia Kohler, die mit der Musik einerseits die Verbindung zu lokalen Traditionen und Musiker:innen stärken will und andererseits einen Boden schaffen, der Halt gibt – «die Texte alleine für sich stehen zu lassen, das könnte ich mir nicht vorstellen bei den Lesungen.» 

 

Buchvernissage 

Am 24. September 2026 um 19 Uhr stellt die Bernerin Anicia Kohler ihr Buch «Wenn der Berg kommt – Geschichten vom Weiterleben»  im ALPS Alpines Museum in Bern vor. 
Anmeldung für die Vernissage via Website des Museums