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«Weihnachten ist, wenn …». Ein Satz, der vervollständigt werden darf. Foto: Andrea Huwyler

Weihnachten weiterdenken

Ausserhalb der Kirchen über das Fest der Menschwerdung Gottes sprechen, das wollen die Seelsorgenden im Berner Nordquartier. Dafür haben sie auf dem Breitenrainplatz eine Tanne aufgestellt und Sterne zum Nachdenken daran gehängt.

 

An der Spitze des Baums ist ein Betlehemstern montiert. «Weihnachten ist, wenn …», steht darauf. Weiter unten hängen Sterne, deren Aufschriften den Satz vervollständigen. «… Könige in die Knie gehen» oder «… alle stehen und lauschen», liest man dort. Die Sätze sollen dazu auffordern, über Weihnachten zu sprechen, das Fest, mit dem wohl alle Menschen hierzulande irgendetwas verbinden. 
 


Festzeiten als Stärke der Kirchen

 Deshalb stehen Mirjam Wey, Pfarrerin der reformierten Kirchgemeinde Bern-Nord, und Josef Willa, Pfarreiseelsorger in Sankt Marien, an diesem Mittwochabend auch neben der Tanne. «Wir kommen regelmässig hierher», sagt Willa, «dabei wollen wir weder missionieren noch Werbung machen.» 

Das ökumenische Team wolle einfach hinausgehen zu den Leuten und die Möglichkeit schaffen für Begegnung und Austausch. «Die Festzeiten sind unsere Stärke als Kirchen», sagt Wey, «da wollen wir ansprechbar sein.» 

Ansprechbar sind sie – aber gibt es auch Menschen, die reden wollen? Viele eilen vorbei, kommen von der Arbeit, gehen nach Hause oder zum Einkaufen. Doch der Baum zieht Blicke auf sich, vor allem Eltern mit Kindern bleiben stehen. Eine junge Mutter erzählt, dieses Jahr erlebe ihre Tochter das Fest zum ersten Mal bewusst. «Sie hat gerade das Wort ‹Tannenbaum› gelernt. Da ist es natürlich besonders schön, dass es hier in diesem Jahr einen gibt.»
 


Ein Baum zum Mitgestalten 

Ein Mädchen hält an, um die Tanne anzuschauen. «Die Kugeln wurden gebastelt von Leuten wie dir», sagt Wey. «Möchtest du auch eine gestalten?» Wey erklärt dem Mädchen das System: Es darf die Kugel gestalten, wie es möchte, nur zu schwer werden darf das Ganze nicht. Wenn es fertig ist, kann es die Kugel dem Kirchenteam zurückbringen. Dieses montiert sie dann am Baum. 

Bis Weihnachten soll die Tanne immer voller und bunter werden. 80 Kugeln hat das Kirchenteam dafür bestellt. «Eine schöne Idee», findet eine Frau. «Es ist mal etwas anderes als die klassischen Weihnachtsbäume, die überall stehen.» Sie hat ihre Kugel schon gefüllt und ist jetzt da, um sie abzugeben. Weisse Watte und goldene Sterne schimmern durch die durchsichtige Schale. Jemand anderes hat Papierschlangen mit Noten und Texten von Weihnachtsliedern in einer Kugel drapiert, eine weitere Kugel hängt schon bunt bestrickt im Baum. 
 


Was, wenn alle wann anders Weihnachten feierten? 

«Dadurch, dass die Menschen den Baum mitgestalten können, identifizieren sie sich eher damit», sagt Wey. Eine Frau kommt und erzählt, sie habe gelesen, es solle bald keine einheitlichen Festzeiten mehr geben. «Was wäre, wenn alle für sich beschlössen, wann für sie Weihnachten ist?», fragt sie. 

Mit Wey spricht sie über den Sinn gemeinsamer Fest- und Feierzeiten. Beim Kick-off der Weihnachtsbaum-Aktion am Sonntag fragte ein Mann Willa, wie es ihm damit gehe, als praktizierender Christ Teil einer Gruppe von wenigen zu sein. Er selbst sei zwar nicht Mitglied einer Kirche, aber gehöre auch zu einer Minderheit. Dann tauschten sich beide darüber aus. Nicht immer drehen sich die Gespräche an der Tanne also um Weihnachten im engeren Sinne. Das macht aber nichts, finden Wey und Willa. 

Sie wollen offen sein für alles, was kommt. «Nach dieser Aktion ziehen wir Bilanz», sagt Wey. «Was lief gut, was können wir besser machen?» Sich als Kirchen ausserhalb von gewohnten Orten und Anlässen zu zeigen, vielleicht klappe das auch an Ostern oder Pfingsten. Der Wille, es zu versuchen, ist jedenfalls da.