Artikel

«Die Menschen brauchen ihre Würde»: Die Children Street in Betlehem. Foto: Jonas Opperskalski

Weihnachten in Betlehem

Der 7. Oktober 2023 hat das Leben in Jesu Geburtsstadt massiv verändert. Seit dem Angriff der Hamas liegt der Tourismus brach, viele Menschen sind ohne Einkommen. Dennoch halten Christ:innen in der Stadt an ihrer Hoffnung fest.

Andrea Krogmann*

Der nördliche Checkpoint von Jerusalem nach Betlehem ist eine komplexe Anlage mit eigenen Regeln und strenger Hierarchie. Im Osten: die Durchfahrt für Autos, deren Besitzer:innen einen anderen als einen palästinensischen Pass oder eine entsprechende Genehmigung haben. Die Mitte ist Fussgänger:innen vorbehalten – also den meisten der Palästinenser:innen, die überhaupt nach Israel dürfen. Im Westen: ein schweres Metalltor zu einem Korridor, darinnen die Stätte, die in jüdischer Tradition als Grab der biblischen Stammmutter Rachel verehrt wird. 

Der Checkpoint öffnet für Würdenträger 

Von ihm hat der Übergang seinen israelischen Namen: Checkpoint am Rachels-Grab. Für die Bevölkerung von Betlehem ist es schlicht «Checkpoint 300». Wenige Male im Jahr, wenn Christ:innen den Beginn des Advents, Weihnachten oder Dreikönige feiern, öffnet sich das schwere Tor. Es gibt Würdenträgern den traditionellen Zugweg zur Geburtskirche in Betlehems Altstadt frei. 

Achteinhalb Kilometer Luftlinie und die israelische Sperranlage liegen zwischen dem Geburtsort Jesu und dem Ort seiner Auferstehung. Auf palästinensischer Seite dominieren Graffiti die Betonwand. Botschaften politischer Natur, manchmal kämpferisch, manchmal mit Humor. «Checkpoint in 50 Metern. Bitte bereiten Sie Einschränkungen ihrer Freiheit vor.» 

Der 7. Oktober 2023 hat das Leben der Stadt massgeblich verändert. Zwei Wochen lang öffneten sich nach dem HamasAngriff die Löcher in der Mauer gar nicht mehr. Stattdessen brachte Israel neue Barrieren an, rund 120 allein um Betlehem. «Die Abriegelung hat ein neues Level erreicht, das selbst die Zweite Intifada (gewaltsamer palästinensischer Aufstand gegen die israelische Militärbesatzung 2000-2005 Anm. der Red.) übersteigt», sagt Xavier Abu Eid. Der Politologe hat sich auf Kommunikation, Tourismus und Archäologie spezialisiert, forscht zur Rolle der palästinensischen Christ:innen im Freiheitskampf und berät die Palästinensische Befreiungsorganisation. 

Fast alle in Betlehem leben direkt oder indirekt vom Tourismus, erklärt Abu Eid. Der aber liege seit Kriegsbeginn brach. Die begrenzte Rückkehr von Pilger:innen sei noch kaum spürbar, «vielleicht für die Planung von Ostern». 
 


Ordensleute packen Essenspakete

 Unterdessen haben sich Ordensleute in der Stadt zusammengeschlossen. Die Armut in Betlehem habe ein ungekanntes Ausmass erreicht, sagen sie und wollen helfen. Geld gibt es icht, aber Lebensmittelpakete, eine Kostenübernahme für ärztliche Versorgung, Stromrechnungen oder Schulgelder. Für symbolische Beträge von einem Schekel (25 Rappen) werden gebrauchte Kleider verkauft, um den Menschen das Betteln zu ersparen und trotzdem zu helfen. 

Manche der Orden haben die Zahl ihrer Gärtner:innen erhöht, um Arbeitsplätze zu schaffen. «Die Menschen brauchen ihre Würde», sagt eine Ordensschwester. Und sie müssten feiern können, «Christ:innen wie Muslim:innen». «Wir bereiten besondere Weihnachtsessenspakete vor, nur mit guten Dingen, um aus dem Alltag rauszukommen.» 

In der Geburtskirche herrscht Leere 

Noch immer sind die meisten Hotels geschlossen. Viele der traditionellen Kunsthandwerks- und Souvenirläden haben die Eisenrollläden unten. In der Geburtskirche mit ihrer Grotte, in der ein silberner Stern den Ursprungsort der Christenheit markiert, herrscht ähnliche Leere wie in den Gassen der Altstadt. 2019, als der Tourismus in Betlehem Rekorde brach, verlängerten die Kirchenführer die Öffnungszeiten der Kirche, um des Andrangs Herr zu werden. 

Jetzt zieht eine einsame Handvoll Ordensleute in der täglichen Prozession durch die heilige Stätte. «Was haben die Religiösen schon zu bieten ausser ihrer ständigen Rede von Hoffnung?» Tourguide Michael Kanawati ist verbittert. Ansonsten dächten sie «nur an ihr Business». 

Die Guides machen schon lange keine Geschäfte mehr. Vielleicht geht es langsam aufwärts. «Wenn nichts passiert, werden wir an Weihnachten wieder viele Besucher:innen haben», glaubt Kollege Aboud. Aber sie trauen der Beruhigung an den Fronten nicht. Ein neuer Krieg mit dem Libanon werde kommen, so Aboud, «vielleicht an Weihnachten, wenn die ganze Welt mit Feiern beschäftigt ist und keiner hinschaut».
 


Nicht nur dasitzen und schweigen

 «Langsam kommen die Besucher:innen zurück», sagt Jack Giacaman. Sein Geschäft – traditionelles Kunsthandwerk aus Olivenholz – laufe auf 30 Prozent, «bei gleichen Ausgaben». Jack ist der einzige seiner Brüder und Schwestern, der nicht abgewandert ist – um das alteingesessene Familiengeschäft weiterzuführen. Es sei eine «schwere und schwerwiegende Entscheidung», sagt der Christ, und dass sie «irgendwie hier in der Nähe der heiligsten Orte» bleiben müssen. 

Inzwischen bemüht auch er sich um einen zweiten Pass. «Wir Christ:innen sind in der Minderheit und leben in einer Stammesgesellschaft, in der das Recht des Stärkeren gilt», sagt Johanna Kawwas-Schnydrig. Die Nichte des Gründers des Caritas Baby Hospital ist vor etwa 50 Jahren als Krankenschwester nach Betlehem gekommen und geblieben. Viele Christ:innen hätten das Gefühl, nur dasitzen und schweigen zu können. «Aber wir haben nicht das Privileg, keine Hoffnung zu haben.» 

Der Weihnachtsmarkt ist zurück 

Diese Hoffnung falle den Menschen schwer, sagt Mai Nasser. Bis zur Pensionierung hat die Christin englische Literatur an der Bethlehem-Universität gelehrt. «Die Menschen sind über alles verbittert. Sie haben keine Zukunftspläne, vor allem die Jungen sehen schwarz.» Zwar sei es derzeit friedlicher, aber «ein Licht am Ende des Tunnels» sähen die meisten nicht. 

Auch wenn sie bei Verwandten in Lateinamerika feiern wird, «zum ersten Mal überhaupt», wünscht sie sich «viele Besucher:innen und dass wir die Geburt Jesu friedlich feiern können». Dazu will die Stadtverwaltung das Ihre tun. In diesem Jahr wird es wieder einen zentralen Weihnachtsbaum geben. Auch der Weihnachtsmarkt ist zurück. 

Weihnachten zu feiern, sei Teil ihrer Resilienz, betont Xavier Abu Eid. Die Tourismusbranche Betlehems sei widerstandsfähig: «Viele Menschen haben ihre Hotels nicht verkauft. Sie haben sie vorübergehend geschlossen. Mit anderen Worten: Die Kapazitäten sind vorhanden.» Wenn überraschend die grosse Wende und mit ihr mehr Besucher:innen kämen: Betlehem wäre bereit. Abu Eid ist verhalten optimistisch. Sicher werde es kein Weihnachten wie vor ein paar Jahren. Aber besser als letztes Jahr «auf jeden Fall».


*Dieser Beitrag erschien ungekürzt zuerst im «Forum, Magazin der katholischen Kirche im Kanton Zürich».