Ganz in meiner Nähe steht eine alte Brücke aus dem Jahr 1508, die noch heute die Spuren all jener trägt, die sie überquert haben – Spaziergänger ebenso wie Pilger. Sie ist schmal, gewölbt, aus Tuffstein gebaut und erhebt sich stolz über die Glâne, ein Zeuge vergangener Zeiten. Etwas weiter oben auf dem Hügel überwindet eine weitere Brücke aus dem Jahr 1862 den Fluss, der Lausanne einst von Bern getrennt hatte: die Saane. Täglich begegnen sich dort Züge und Fussgänger. Vor zwölf Jahren entstand eine dritte Brücke: Sie ermöglicht das Hin und Her von Autos, Velos und Fussgängern und schützt die Altstadt und ihr kulturelles Erbe.
Oft betrachtet man Brücken lediglich als Bauwerke der Ingenieurskunst oder des Mauerwerks. Doch sie sind weit mehr. Sie überwinden Distanzen, verbinden Getrenntes und ermöglichen Begegnungen. Sie erinnern daran, dass Menschen einander trotz Hindernissen erreichen wollen.
Auch unsere Gesellschaft braucht Brücken. Nicht nur über Flüsse und Täler, sondern zwischen Generationen, Kulturen, Sprachen und Menschen. In einer Welt, in der uns vieles zu trennen scheint, sind solche Brücken unverzichtbar. Dazu braucht es Offenheit, Neugier, Respekt und Mut.
Deutlich zeigt sich dies in einem grossen Spital wie dem Inselspital Bern. Täglich begegnen sich dort Patientinnen und Patienten, Pflegfachpersonen und Mitarbeitende mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen; Sprachen, Lebenswege, Überzeugungen und Traditionen treffen aufeinander. Diese Vielfalt bereichert, verlangt aber auch Verständnis und Kooperation.
Brücken zu bauen bedeutet hier, zu erkennen, was uns als Menschen verbindet. Es bedeutet, jemandem etwas zu erklären, der die Sprache nicht spricht, den Sorgen eines Patienten zuzuhören oder mit Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten, die neue Perspektiven eröffnen.
Die wertvollsten Brücken stehen auf keiner Landkarte. Sie entstehen im Alltag, in der Aufmerksamkeit für andere und in der Bereitschaft, zuerst verstehen zu wollen, bevor man urteilt. Sie sind unsichtbar – und doch hielte ohne sie nichts lange zusammen.
Wie die Brücken, die seit Jahrhunderten unsere Täler überspannen, brauchen auch diese menschlichen Verbindungen Pflege und Aufmerksamkeit. Sind sie einmal tragfähig geworden, ermöglichen sie jedem, seinen Weg fortzusetzen. Am Ende bleibt das Wesentliche: Über Funktionen, Sprachen und Kulturen hinaus verbindet uns unser Mensch-Sein.
Estelle Zbinden, Seelsorgerin im Inselspital