Artikel

Bild: © Gen Atem / Miriam Bossard, courtesy of the artists

Was ist und was kann Mystik?

Mystische Erfahrungen gehen über das Denken hinaus. Mit Theologie lassen sie sich dennoch gut vereinbaren. Und auch die Mitmenschen dürfen bei aller persönlichen Erleuchtung nicht aussen vor bleiben, mahnt der Philosoph Luca Di Blasi.

Interview: Hans Herrmann, «reformiert»

Ist es eine mystische Erfahrung, wenn ich auf einem Waldspaziergang oder einem Berggipfel plötzlich vom tiefen Bewusstsein ergriffen werde, Teil von etwas Grösserem zu sein?

Luca Di Blasi*: Solche intensiven Naturgefühle sind für sich genommen noch keine Mystik. Zwar ist die Einheitserfahrung ein relevanter Teil mystischen Erlebens. Aber gerade naturmystische Empfindungen haben auch etwas Zweideutiges. Sie können als Ausdruck der Ehrfurcht vor der Schöpfung und des Schöpfers gedeutet werden – aber auch als romantische Schwärmerei im Schoss einer vom Menschen mitgestalteten, gezähmten und befriedeten Natur. Einer Natur also, die gar nicht mehr in ihrer ganzen Tiefe erlebbar ist, mitsamt ihren unheimlichen und bedrohlichen Seiten.

Was ist dann also Mystik?

Di Blasi: Etwas, das sich per se schlecht definieren lässt. Der evangelische Theologe und Mystikkenner Volker Leppin nennt einige Merkmale der Mystik. Vier davon scheinen mir besonders wichtig. Erstens: die Einheitserfahrung, also Momente der tiefen Verbundenheit des Ich mit dem Göttlichen. Zweitens: Mystische Erfahrungen sind kaum zu beschreiben, denn sie gehen über das Denken hinaus. Mystisches Reden geschieht daher oft in Negativa: sagen, was Gott nicht ist – statt zu definieren, was er ist.

Also ähnlich wie Buddha, der das buddhistische «Paradies», das Nirvana, in negativen Kategorien zu umreissen versuchte? Hier gebe es nicht Raum, nicht Zeit, keine Differenzierungen, keine nennbaren Eigenschaften.

Di Blasi: Ja, genau. Das sind Versuche, das Unbegreifliche in Begreifbares zu übersetzen. Ein drittes Merkmal der Mystik ist, dass Transzendenzerfahrungen nicht willentlich «herstellbar» sind. Man kann ihnen mit spirituellen Übungen nur die Tür öffnen. Und wenn sie sich einstellen, haben sie eine verändernde Wirkung.

Und viertens?

Di Blasi: Mystische Momente sind zeitlich begrenzt und lassen sich nicht festhalten.
 


Es heisst, dass sich mystische Erleuchtungsmomente in allen Religionen so sehr ähneln, dass sie das ideale Bindeglied zwischen den Religionen sind. Stimmt das?

Di Blasi: Mystische Traditionen spüren zueinander eine grosse Nähe. Aber wir können uns den Erfahrungen aus den verschiedenen Religionen und Kulturen nur beschreibend und vergleichend nähern, exakte Aussagen lassen sich nicht machen. Erstens, weil es, wie bereits dargelegt, schwierig ist, mystisches Erleben in Worte zu fassen. Und dort, wo es geschieht, stehen wir vor der Aufgabe, das Gesagte aus der Originalsprache richtig zu übersetzen. Im Übrigen gibt es zwischen der Mystik der abrahamitischen und jener der fernöstlichen Religionen auch Unterschiede.

Welche?

Di Blasi: Es geht um die Einheitserfahrung. Im Judentum, Christentum und dem Islam verschwindet das menschliche Selbst nicht einfach in Gott, denn Gott steht grundsätzlich immer ausserhalb seines Geschöpfs. Die fernöstlichen Traditionen hingegen tendieren eher dazu, die Einheit von Individuum und dem Göttlichen zu betonen.

Steht das Denken der mystischen Erleuchtung im Weg?

Di Blasi: Zwar lassen sich mystische Erfahrungen in ihrem Wesen nicht mit dem Denken erfassen. Aber es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass beides nicht zusammenpasst. Im Gegenteil: Die Wahrheiten, die in mystischem Erleben aufscheinen, sollen bewahrt werden, und hierzu ist das Denken sehr wichtig. Eindrücklich zeigt dies zum Beispiel der neuplatonische Philosoph Plotin im 3. nachchristlichen Jahrhundert. Eigene spirituelle Erfahrungen reflektierte er philosophisch. Sein mystisches Gebäude ist eine Verbindung aus Erfahrung und Denken. Daraus folgt: Mystik und Theologie schliessen sich nicht aus, sie befruchten sich gegenseitig. Durch die Mystik kommt das kreative Denken an die chaotischen Urgründe des Schöpferischen heran.

Raum für Stille und Deutung
Das Schweizer Kunstduo Gen Atem / Miriam Bossard ist für sein interdisziplinäres Schaffen in den Bereichen Malerei, Kunst im öffentlichen Raum, Performance und Musik bekannt. 
Für das Dossier «Mystik» besprayte das Duo Fotografien, um bestimmte Bildbereiche mit Farbschichten gezielt zu verdecken. So schafft es sowohl 
Irritation als auch Raum für Stille, Kontemplation und Deutung. Gen Atem und Miriam Bossard verstehen das Deuten der Werke durch die Betrachtenden als mystischen Vorgang und als Bestandteil ihrer Werke.


Mystikerinnen und Mystiker sind bei den Institutionen, welche die offizielle Lehre der jeweiligen Religion hüteten, oft unter Ketzereiverdacht geraten. Warum?

Di Blasi: Die Vorstellung, dass der Mensch ein Gegenüber von Gott ist und sich nicht vollständig mit ihm verbinden kann, ist in den drei abrahamitischen Religionen theologisch zentral. Entsprechend fürchteten deren Autoritäten beziehungsweise Institutionen, dass mystische Praktiken, die ja gerade das Einssein mit dem Göttlichen anstreben, eine Aufweichung dieses trennenden Prinzips bewirken könnten. Und: Weil Mystik grenzüberschreitend ist, werden auch Hierarchien oder Geschlechterrollen in Frage gestellt. Das birgt gesellschafts- und kirchenpolitischen Zündstoff.

Dann also weg mit den Institutionen, die zwischen dem Menschen und seiner Gotteserfahrung stehen. Oder nicht?

Di Blasi: Die heutige Institutionskritik, die Vorstellung vom schönen, freien Leben ausserhalb der Institutionen, mutet bisweilen etwas naiv an. Für die Freiheit braucht es beides: die Institution und den Raum ausserhalb. Wichtig ist, dass die Institutionen nicht erstarren, sonst wird es in der Tat schwierig. Mystik erinnert die Institutionen daran, wozu sie da sind: Nicht zur Selbsterhaltung! Bleiben die Institutionen offen für den Menschen und seine Bedürfnisse, bleiben sie lebendig.

Aber hat Mystik überhaupt eine mitmenschliche Dimension? Ist ihr Ziel nicht die persönliche Gotteserkenntnis?

Di Blasi: Tatsächlich besteht die Gefahr, dass eine entkoppelte Mystik das mitmenschliche und karitative Element aus den Augen verliert. Richtig eingebettet öffnet sie aber das Ego zum Gegenüber und führt zu diakonischer Praxis. Es braucht beides, einerseits das Herz und andererseits das Bekennen beziehungsweise das, was an Taten folgt. Davon spricht Paulus im zehnten Kapitel des Römerbriefs: «Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig.» Ohne diese Dimension geht es nicht. Für die Wahrheit will öffentlich eingestanden sein.

 


Zur Person 

Luca Di Blasi (58) lehrt als assoziierter Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Bern Philosophie. Sein neuestes Buch trägt den Titel «Die Politik der Schuld» (Matthes & Seitz 2025, 462 Seiten). 

*Dieser Text ist eine Produktion der interreligiösen Zeitung «zVisite». zVisite ist eine Kooperation von reformiert., die evangelisch-reformierte Zeitung, Forum, katholisches Pfarrblatt Kanton Zürich, tachles, das jüdische Wochenmagazin, Lichtblick, Zeitung der römisch-katholischen Pfarreien des Kantons Aargau, Christkatholisch, Zeitschrift der Christkatholischen Kirche, Kirchenbote, evangelisch-reformierte Zeitung BS, BL, SO, SH und Zentralschweiz und dem katholischen Pfarrblatt Bern.