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Wartezeiten

Kolumne aus der Inselspitalseelsorge

Es ist ein regnerischer Wintermorgen. Viele Menschen warten am Bahnhof Bern auf den Bus zur Insel. Die Anzeigetafel kündet eine Wartedauer von etwa fünf Minuten an. Unter dem ­Baldachin finde ich für mich ein trockenes Plätzchen, welches genug nah an der Haltestelle ist, um den eintreffenden Bus zu sehen, doch auch genug weit weg, um nicht vorne im Gedränge zu stehen. Ich schaue mich um, wer nebst mir noch wartet. Vielleicht kenne ich ja jemanden auf dem Weg zur ­Arbeit und es ergibt sich ein spontanes Gespräch.

Ich kenne niemanden, werde aber plötzlich aufmerksam auf einen ca. 50-jährigen Mann in meiner Nähe. Er trägt Alltagskleider, Jeans und eine warme Jacke in Blau gehalten, auf dem Kopf Kopfhörer – wie viele Pendler. Auch er wartet auf den Bus.

Plötzlich beginnt er sich zu bewegen, posiert seine Arme vor sich und übt Schritte für einen klassischen Paartanz. Er ist ganz vertieft in sich, seine Bewegungen und die Musik auf seinen Ohren. Wer links oder rechts von ihm steht, interessiert ihn nicht, auch nicht mögliche Reaktionen. Er ist einfach auf seinem kleinen Warteplätzchen mitsich beschäftigt und seinem Tanz. Wow, denke ich, eine kreative Artmit Wartezeiten umzugehen.

Mir geht eine Situation aus meiner Arbeit durch den Kopf: Ich war im Gespräch mit einer Frau in einem Zweierzimmer. Im anderen Bett lag eine ganz junge Patientin. Eine Ärztin kam herein und suchte mit ihr das Gespräch. Ich hörte nicht wirklich hin. Aber ein Satz liess mich aufhorchen: «… und sonst nutzt Du die Zeit, mit einer App eine neue Sprache zu lernen ...» Wahrscheinlich ging es um eine längere Rekonvaleszenz, um eingeschränkt zu sein und warten zu müssen, bis sie das «normale» Leben wieder aufnehmen konnte.

Dieser kleine Gesprächsfetzen kommt mir heute in den Sinn. Ichmuss schmunzeln ob dieser Ideen. Wartezeiten neu denken, ganz anders nutzen, nicht nur passiv abwartend, sondern gestaltend, tanzend, Sprachen lernend …

Ich will mich beim nächsten Mal Warten daran erinnern.


Martina Wiederkehr-Steffen, Seelsorgerin im Inselspital

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