Jeder Morgen beginnt mit einem Übergang: Aus dem Schlaf, aus der Stille, aus dem Eigenen treten wir wieder in die Welt. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Christoph Ribbat beschreibt das Aufwachen als Wendepunkt – als den Moment, in dem aus dem privaten Menschen wieder ein gesellschaftliches Wesen wird.
Die Kirche kennt solche Übergänge seit Langem. Nicht zufällig wurden in Klöstern Uhren und Weckrufe verfeinert, um Menschen zum gemeinsamen Gebet zu rufen – dazu mehr im Interview mit Ribbat.
Heute stellt sich indes eine andere Frage: Wozu soll die Kirche aufwachen? Eine aktuelle Studie der katholischen Frauenverbände der deutschsprachigen Länder zeigt: Wo Frauen in der Kirche (mit-)leiten, wachsen Partizipation, gemeinsame Verantwortung und neue Impulse. Leitung wird vermehrt als dialogisch, lebensnah und glaubwürdig erlebt. Zugleich benennt die Studie, was unfertig bleibt: Frauen übernehmen Verantwortung, stossen aber im klerikalen System an klare Grenzen. Den Beitrag zu Frauen in kirchlichen Führungspositionen lesen Sie hier.
Zeitgleich räumt selbst der Vatikan ein, dass sich viele Frauen in der Kirche nicht mehr zu Hause fühlen. Das ist kein Nebenschauplatz. Es ist ein Weckruf. Vielleicht heisst kirchliches Aufwachen heute genau das: die Wirklichkeit nicht zu verschlafen und dem, was wachsen will, Raum zu geben.
Ihnen wünsche ich eine wache Lektüre – und schöne Ostern.
Aurel Jörg,
«pfarrblatt»-Redaktor