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Wie konnte Carlo Acutis so kurz nach seinem Tod heiliggesprochen werden? Das Stadttheater Bern ging dieser Frage nach. Foto: Sylvia Stam

Von Heiligen, Wundern und deren Vermarktung

Die katholische Kirche gibt auf der Bühne des Stadttheaters Bern eine herrliche Lachnummer ab. Doch der Berner Pfarrer Nicolas Betticher rettet ihren Ruf mit Eloquenz und Charme.

 

Ist Carlos Acutis ein Heiliger, ein PR-Instrument des Vatikans oder eine Kampagne seiner Mutter? Diese Frage stand auf der Mansardenbühne des Stadttheaters Bern am 8. Januar im Zentrum. Hier war «Ein Heiliger in Sneakers» von Benjamin Quaderer als szenische Lesung zu sehen. 

Kernstück des Textes ist ein 15-minütiges Gespräch des Autors mit Antonia Acutis, der Mutter des 2025 heiliggesprochenen Carlo Acutis. «Seine Mutter gilt als treibende Kraft hinter der Heiligsprechung von Carlo», sagt Quaderer, der auf der Bühne von Linus Schütz verkörpert wird.  Denn je mehr Menschen einen Heiligen kennen, desto grösser die Chance, «dass sich aus den vielen Ansuchungen die für die Heiligsprechung benötigten zwei Wunder ergeben», so die lakonische Schlussfolgerung. 

Hostie mit Blutflecken

Das Gespräch mit Antonia Acutis wird umrahmt von Selbstreflexionen des Autors und Erläuterungen römisch-katholischer Begriffe wie Eucharistie oder Wunder. Letztere führen in der eindrücklichen szenischen Umsetzung immer wieder zu Lachern im Publikum. Die Zuschauer:innen können den Glauben daran, dass eine Hostie plötzlich Blutflecken aufweist, offensichtlich nicht ernst nehmen. Nichtsdestotrotz haben die Begegnung und die Recherche den Autor offensichtlich berührt, sodass seine Antwort auf die Frage, inwiefern Acutis seine Heiligsprechung dem Marketing der Mutter verdankt, in der Schwebe bleibt.

 

Solcherart vorbereitet, dürfte das Publikum gespannt auf das anschliessende Gespräch zwischen Daniel Puntas Bernet, Chefredaktor des Magazins «Reportagen», und dem Berner Pfarrer Nicolas Betticher gewartet haben.

Betticher erzählt zuerst von seiner eigenen, späten Berufung zum Priester: «Mit 40 dachte ich mir: Entweder du heiratest oder du sagst Ja zum lieben Gott». Sich von der Freundin zu trennen, «das war furchtbar», erzählt Betticher mit grosser Ernsthaftigkeit. 

«Ein Beispiel für die Welt»

Auf diese Weise erobert Betticher die Herzen des Publikums spielend, sodass es auch seiner Antwort auf die Frage nach Heiligkeit ernsthaft zuhört: «Heilig sein heisst, ein Beispiel für die Welt zu sein», erklärt er, «das kann man als PR für die Kirche bezeichnen.» Gleichzeitig sei es mehr als das: «Da ist Gott im Spiel, nicht nur Carlos Mutter. Gott hat Carlo für die Welt berufen.» Was Carlo Acutis denn für die Welt gemacht habe, will Daniel Puntas wissen. Betticher nennt hier nicht etwa dessen Sammlung eucharistischer Wunder, die sei nicht so wichtig. «Aber Carlo hat die Bedeutung der Eucharistie verstanden, er hat dieses Geheimnis gespürt. Wir können das nur glauben, die Wissenschaft kann das weder belegen noch widerlegen.» 

Auch für die beiden Genesungswunder, die auf die Fürsprache von Acutis geschehen sein sollen, hat Betticher eine durchaus plausible Deutung: «Für mich ist wichtig, dass Menschen gesund wurden. Andere glauben, dass Gott auf diese Weise gewirkt hat. Genau darum geht es.» 

 «Ein Heiliger in Sneakers» ist im Magazin «Reportagen» (Januar 2026) erschienen. reportagen.com 

 

Carlo Acutis (*1991) setzte sich für Obdachlose ein und stellte auf einer Website einen Katalog eucharistischer Wunder zusammen. Mit 15 Jahren starb der Italiener an Leukämie. Die Medien bezeichneten ihn als «Influencer Gottes» und als «Cyberapostel». Im September 2025 wurde er nach zwei dokumentierten Genesungswundern von Papst Leo XIV. heiliggesprochen. Er ist der erste Heilige der Generation der «Millenials».