Wenn Veronica Fusaro durch ihre Heimatstadt Thun spaziert, schaut sie manchmal hinauf zum Schloss und zu den Bergen dahinter. Die Landschaft des Berner Oberlands helfe ihr, «geerdet zu bleiben». Das sagte die schweizerisch-italienische Musikerin in einem Interview für das Schweizer Fernsehen, kurz vor ihrem bisher grössten Abenteuer, dem Eurovision Song Contest (ESC) in Wien.
Obwohl die 29-jährige SingerSongwriterin international unterwegs ist, bleibt die Prägung ihrer Heimat musikalisch wie persönlich spürbar. In Thun begann Fusaros Bühnenkarriere. Im Keller der Bar Mundwerk spielte sie ihre ersten Konzerte vor Familie und Freund:innen.
Bereits während der Schulzeit hatte sie Auftritte, 2014 nahm sie an «The Voice of Switzerland» teil. In der Jury sass damals auch Stefanie Heinzmann, die für sie votierte. Die damals 16-jährige Fusaro schaffte es zwar nicht bis ins Finale, doch der Durchbruch folgte zwei Jahre später mit der Auszeichnung als «SRF 3 Best Talent». Seither entwickelte sich ihre Karriere kontinuierlich weiter: Auftritte am Gurtenfestival, am Montreux Jazz Festival und am Glastonbury Festival folgten, dazu mehr als 500 Konzerte im In- und Ausland. 2023 veröffentlichte sie ihr Debütalbum «All the Colors of the Sky».
Mitfiebern mit dem FC Thun
Trotz ihres internationalen Erfolgs wirkt Veronica Fusaro bis heute erstaunlich bodenständig. In Interviews spricht sie oft über ihre enge Verbindung zu Bern und Thun. Der Auftritt am Gurtenfestival sei für sie besonders, weil sie dort vertraute Gesichter im Publikum erkenne.
Selbst auf der Fahrt nach Wien blieb sie eng mit ihrer Herkunft verbunden: Während der Zugreise fieberte sie noch mit dem FC Thun mit, der wenig später erstmals Schweizer Meister wurde. Auch vor Ort in der Hauptstadt Österreichs zeigte sich Fusaros Nähe zu den Menschen: Im Hotel sprachen sie Schweizer:innen an, die ebenfalls dort untergebracht waren. Sie zeigten sich begeistert von ihrem Gitarrensolo und beschrieben sie als «sehr sympathisch» – ein Eindruck, der sich auch in Gesprächen und Begegnungen abseits der Bühne bestätigt.
In Thun besucht sie bis heute den Musikladen ZigZag Records oder kehrt an Orte zurück, an denen alles begann. «Manchmal ist es auch gut, das Nest zu verlassen», sagte sie im SRF-CH-Special. «Ich bin zwar nicht weit gekommen, es hat nur bis nach Bern gereicht. Aber wer weiss, wo es mich noch hinverschlägt.»
Foto: Nils Sandmeier/SRF
Gewalt gegen Frauen als Thema
Fusaro bewegt sich zwischen Alternative Pop, Soul und Rock. Ihre Songs leben weniger von Effekten als von Atmosphäre, genauer Beobachtung und emotionaler Direktheit. Sie studierte Soziologie – ein Fach, das ihr beim Schreiben helfe, denn das Beobachten von Menschen fliesse in ihre Texte ein. Im Zentrum ihres zweiten Studioalbums «Looking for Connection» aus dem Jahr 2025 steht die Frage, wie Menschen in einer digitalisierten Welt in Beziehung bleiben können.
Während des ESC sagte sie: «Die zwischenmenschlichen Verbindungen geben mir viel. Das macht 90 Prozent der Musik aus.» Gleichzeitig beobachtet sie, wie soziale Medien Distanz schaffen können, obwohl sie Nähe versprechen. Diese Suche nach Verbindung zieht sich durch viele ihrer Songs. Auch gesellschaftliche Themen spart Fusaro nicht aus.
Mit dem Lied «Alice», das bereits auf ihrem Album erschienen war und für den ESC neu eingespielt wurde, griff Fusaro Gewalt gegen Frauen auf. Der Song erzählt von einer Frau, deren Grenzen immer wieder überschritten werden. «Alice ist in Gefahr, sie ist Gewalt ausgesetzt, die sehr subtil anfängt», erklärte Fusaro. Oft werde erst von Eskalationen berichtet, «aber die Gewalt beginnt in den meisten Fällen viel früher».
Musik als Gegenbewegung zum Alltag
Dass sie mit einem rockig geprägten Song mit klarer, tiefgründiger Botschaft antrat, war eine bewusste Entscheidung. «Ich möchte dem Thema diese Bühne geben, auch wenn es nicht der klassische ESC-Song ist», erklärte sie vor dem Wettbewerb. Ehrlich sprach sie auch über Rückschläge: Nach der ersten Probe in Wien zeigte sie sich noch enttäuscht, weil nicht alles wie gewünscht funktioniert hatte. In den folgenden Durchläufen lief es dann deutlich besser.
Der Auftritt in Wien wurde international wahrgenommen, dennoch schied Fusaro im zweiten Halbfinale aus. Danach sagte sie: «Es tut ein bisschen weh.» Gleichzeitig betonte sie, dass sie mit voller Überzeugung angetreten sei: «Ich bin zu 100 Prozent mit einer Message an den ESC gekommen.» Stolz blieb sie dennoch – «auf den Song und den Auftritt».
Als religiös versteht sich Veronica Fusaro selbst nicht. In einem Interview mit «reformiert.» sagte sie: «Ich glaube vielmehr an die Wichtigkeit der Familie, an die Kraft des Diskurses in der globalisierten Welt und die Kraft der Musik.» Besonders prägend seien für sie familiäre Rituale wie das tägliche gemeinsame Essen gewesen.
Vielleicht erklärt genau dies auch die Grundhaltung vieler ihrer Lieder: Sie handeln von Menschen, die Orientierung, Nähe und Echtheit suchen. Ihre Musik wirkt dadurch wie eine leise Gegenbewegung zur Beschleunigung des Alltags – getragen von Fragen nach Menschlichkeit und Empathie. Die grosse Bühne in Wien hat daran wenig verändert. Zum Glück, möchte man sagen.