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Herausgeberin Rita Famos (hier beim Friedensgebet im Berner Münster) bringt unterschiedliche Stimmen ins Gespräch, die über ihre Erfahrungen mit Führung nachdenken. Foto: Pia Neuenschwander

Vielstimmiges Nachdenken über Macht

Rita Famos versammelt Stimmen von Frauen, die in Kirche und Gesellschaft Verantwortung tragen. Entstanden ist kein Führungsratgeber, sondern ein Buch über Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Verantwortung.


Schon auf dem Umschlag wird das Anliegen des Buches sichtbar: Im Wort «Leadership» tritt an die Stelle des letzten Buchstabens das Frauenzeichen. Herausgeberin Rita Famos, seit 2021 erste Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, geht es nicht um persönliche Erfolgsgeschichten. Vielmehr bringt sie Stimmen aus unterschiedlichen Kirchen, Ländern und Berufsfeldern ins Gespräch, die über ihre Erfahrungen mit Führung nachdenken.

So entsteht ein Buch, das weit über die Frage weiblicher Karrierewege hinausweist. Bemerkenswert ist, welche Themen die Autorinnen mit Führung verbinden. Im Zentrum stehen nicht Effizienz oder Managementtechniken, sondern Verantwortung, Macht, Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Führung wird immer wieder als Lernprozess beschrieben.

Gute Führung beginnt mit Zuhören 

Eindrücklich ist der Beitrag von Judith Pörksen Roder, Präsidentin der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Für sie besteht Führung nicht in erster Linie aus Entscheidungen, sondern aus Kommunikation und persönlicher Begegnung. Im Zusammenhang mit der Prävention von Machtmissbrauch verweist sie auf die Erfahrung, dass Betroffene oft mehrfach versuchen müssten, sich Gehör zu verschaffen, bevor ihnen wirklich zugehört werde. 

Gute Führung beginne daher mit der Fähigkeit zuzuhören. Gleichzeitig plädiert Pörksen Roder für eine Kirche, die Gemeinschaft bewusst fördert. Einen wichtigen ökumenischen Akzent setzt Simone Curau-Aepli, ehemalige Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes. Als einzige römisch-katholische Stimme im Band erinnert sie daran, dass die Frage nach Frauen in Leitungsverantwortung in vielen Kirchen noch längst nicht entschieden ist. 

Beeindruckend ist weniger die Kritik an bestehenden Strukturen als die Beharrlichkeit der Autorin. Rita Famos beschreibt Curau-Aeplis Engagement in der Einleitung des Buches als beherzte «Trotzkraft», die dazu ermutigt, auch dort nicht aufzugeben, wo Veränderungen nur langsam vorankommen. Die Gleichstellung von Frauen erscheint dabei nicht als Nebenthema, sondern als Frage kirchlicher Glaubwürdigkeit. 
 


Keine Patentrezepte 

Historische Tiefenschärfe erhält der Band durch Angela Berlis, Professorin für Kirchengeschichte an der Universität Bern und Priesterin der Christkatholischen Kirche. Sie zeigt, wie eng Fragen von Amt, Autorität und Geschlecht miteinander verwoben sind, und macht deutlich, dass viele heutige Debatten eine lange Vorgeschichte haben. Manche Gedanken kehren in den Beiträgen mehrfach wieder. Gerade in dieser Vielfalt liegt jedoch die Stärke des Buches. Es bietet keine Patentrezepte für Führung, sondern lädt dazu ein, über Macht, Verantwortung und Glaubwürdigkeit neu nachzudenken. Wer Antworten auf die Frage sucht, wie Kirche in Zeiten des Umbruchs geführt werden kann, findet hier vielfältige Anregungen.

 

Rita Famos (Hg.): Leadership. Weibliche Perspektiven. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2026. 284 Seiten.