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Wie beten? Orationen geben Orientierung. / Foto: KNA

Verantwortungsvoll beten – wie geht das?

Beten boomt. Die offiziellen Gebete der römisch-katholischen Liturgie empfinden viele aber als fremd und unmodern. Dabei könnten gerade die Orationen als intensive Gebetsmomente beispielhaft sein.

Josef Willa

Lange Zeit galt Beten als Privatsache. Über die eigene Gebetspraxis wurde selten gesprochen. Wer am Gottesdienst teilnahm, setzte sich in die hinteren Bankreihen, denn öffentlich zu beten, empfanden viele als frömmlerisch. Das hat sich geändert. In den sozialen Medien werden Gottesdienste ästhetisch modern inszeniert. Sogenannte Christfluencer:innen animieren zum Beten. Politiker instrumentalisieren das Gebet zur Verfolgung ihrer politischen Agenda.

Umso dringlicher stellt sich die Frage, wie wir verantwortungsvoll mit dem Gebet umgehen.

Die katholische Liturgie kennt eine alte Gebetsgattung, an der wir erkennen können, was christliches Gebet kennzeichnet. Gemeint sind die Orationen (von lateinisch: orare = reden, beten, predigen). Wir begegnen ihnen in nahezu allen Formen der katholischen Liturgie.

Es sind kurze, formal strenge und inhaltlich dichte Gebete, vorgetragen von der Person, die der Liturgie vorsteht. Sie stammen aus der lateinischen Gebetssprache, ihre Wurzeln reichen in die Spätantike zurück.

Eine lange Erfahrung gemeinsamen Betens

Eine Oration ist nicht nur ein vorgetragener Text, es handelt sich um ein Gebetsgeschehen, an dem die ganze Versammlung beteiligt ist. Es beginnt mit der Einladung zum Gebet («Lasset uns beten») und einem Moment der Stille, in dem sich jede:r in der Gemeinde bewusst in die Gegenwart Gottes stellt, sich in der Haltung des aufmerksamen Hörens auf Gott ausrichtet.

Auch in der liturgischen Feier sind die Gegenwart Gottes und die Beziehung zu Gott nicht selbstverständlich gegeben. Gott ist nicht da, wie andere Menschen oder Gegenstände da sind. Gott steht nicht zur Verfügung. Wir, die Teilnehmenden, müssen uns der Gegenwart Gottes gewahr werden, uns auf sie einlassen. Es ist, als würden wir in einen Raum eintreten, der anders ist als jene Räume, in denen wir uns im Alltag bewegen und die wir gestalten. In der Gottesbegegnung eröffnet sich uns – mitten in unserem Leben – etwas je Neues, Grösseres, Heiliges. «Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden», spricht die Stimme aus dem Dornbusch zu Mose (Ex 3,5). 

Die Orationen richten sich an Gott 

Auf die Stille folgt eine Gottesanrede. Wir dürfen Gott anreden, weil Gott sich den Menschen gezeigt hat, ihnen den Namen offenbart hat. Heutige Gebetspraktiken, die durch die Medien Öffentlichkeit erlangen, sind oft an Jesus gerichtet. Anders verhält es sich bei den Orationen: Sie richten sich in der Regel an den Gott Jesu Christi. In ihnen stellen wir uns mit dem Juden Jesus und mit unseren jüdischen Glaubensgeschwistern in eine gemeinsame Gebetstradition.

Landläufig wird das Gebet mit dem Bittgebet gleichgesetzt. Am Beginn des christlichen Betens steht aber – auch das zeigen die Orationen –nicht die Bitte an Gott, sondern das Gedenken dessen, was Gott getan hat: Wir erinnern uns, dass Gott sich früher als gerecht und barmherzig erwiesen hat und dürfen deshalb hoffen und erbitten, dass Gott auch heute und in Zukunft in der Welt wirkt.

Gott handelt aus freiem Willen, ist uns ein souverän handelndes Gegenüber. Wo Gott hingegen zum Erfüllungsgehilfen menschlicher Bedürfnisse und Wünsche gemacht und das Gebet für eigene Zwecke instrumentalisiert wird, da ist Gott nicht mehr als eine menschliche Projektion.

Gewiss: Die Orationen sind oftmals sperrig und fern unserer Alltagssprache. Doch gerade durch ihre Fremdheit und Überzeitlichkeit, ihre Schlichtheit und Prägnanz können sie Menschen in unterschiedlichsten Situationen ansprechen, ihnen Halt geben, das eigene Gebet nähren und den Glaubenshorizont weiten.

Lesen Sie den Text in ausführlicherer Form auf: www.glaubenssache-online.ch
 

Eine Oration 

Barmherziger Gott,

was kein Auge geschaut und kein Ohr gehört hat,

das hast du denen bereitet, die dich lieben.

Gib uns ein Herz,

das dich in allem und über alles liebt,

damit wir

den Reichtum deiner Verheißungen erlangen,

der alles übersteigt, was wir ersehnen.

Darum bitten wir durch Jesus Christus.

(Tagesgebet, 20. Sonntag im Jahreskreis)