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Foto: Andreas N / pixabay

Verantwortung leben in Fülle

SchöpfungsZeit Schweiz 2025

Conny Pieren, Co-Leitung Katechese, Diakonie in der Pastoral, Thun

Die SchöpfungsZeit, die vom 1. September bis zum 4. Oktober gefeiert wird, lädt Christ:innen weltweit dazu ein, sich neu mit dem Geschenk der Schöpfung auseinanderzusetzen. 2025 steht sie unter dem Motto «Mehr als genug» – ein Thema, das inmitten von Klimakrise, Artensterben und wachsender sozialer Ungerechtigkeit aktueller kaum sein könnte.

Das Leitmotiv erinnert uns daran, dass wir in einer Welt leben, die in vielerlei Hinsicht überfliesst: mit Ressourcen, Möglichkeiten, Gütern – aber auch mit Verantwortung. Denn Fülle darf nicht mit grenzenlosem Konsum verwechselt werden. Die christliche Perspektive auf die Schöpfung fordert uns heraus, achtsam zu leben, gerecht zu teilen und bewusst zu handeln – für uns selbst, für andere Menschen und für alles Lebendige.

Im Zentrum dieser Haltung steht unsere biblisch begründete Verantwortung. Immer wieder wird die Stelle aus dem ersten Schöpfungsbericht in Genesis 1,28 zitiert: «Macht euch die Erde untertan.» Oft wurde und wird dieser Satz als Freibrief für Ausbeutung und Kontrolle missverstanden. Doch im hebräischen Urtext meint «untertan machen» nicht Zerstörung oder Beherrschung im heutigen Sinn, sondern fürsorgliches Verwalten – in der Rolle von Hüterinnen und Gärtnerinnen. Gott setzt den Menschen nicht als Besitzer über die Erde, sondern als Teil der Schöpfung, mit der Aufgabe, sie zu bewahren und zu gestalten.

Jesus selbst lebte ein Leben der Einfachheit, des Teilens und der Nähe zur Natur. Seine Gleichnisse sind durchzogen von Bildern aus der Landwirtschaft, von Vögeln, Bäumen, Saat und Ernte. Er zeigt damit: Die Schöpfung ist nicht bloß Kulisse – sie ist Mitwelt, nicht Umwelt. Wer den Schöpfer liebt, kann die Schöpfung nicht gleichgültig behandeln.

Christlicher Glaube bedeutet nicht nur, an etwas zu glauben, sondern daraus Verantwortung abzuleiten. Verantwortung für die Armen, für die kommenden Generationen, für das Klima, für Tiere und Pflanzen. Diese Verantwortung beginnt nicht in globalen Programmen, sondern im Kleinen: in unserem Konsum, im Umgang mit Lebensmitteln, in der Art, wie wir heizen, reisen, einkaufen – und in der Frage, wie viel «genug» für uns ist.

Gerade in der westlichen Welt ist das Empfinden für «Genug» verloren gegangen. Mehr scheint immer besser. Doch das Evangelium erinnert uns daran, dass Genug nicht Verzicht bedeutet, sondern Freiheit: Die Freiheit, nicht alles besitzen zu müssen. Die Freiheit, zu teilen. Die Freiheit, der Schöpfung mit Respekt zu begegnen.

Die SchöpfungsZeit ist damit nicht nur ein liturgischer Abschnitt im Kirchenjahr, sondern eine Einladung zur Umkehr: vom Haben zum Sein, vom Konsum zur Achtsamkeit, von der Ausbeutung zur Fürsorge. Es ist eine Zeit des Innehaltens und des Hinhörens – auf die Stimmen der Schöpfung, die allzu oft übertönt werden.

Denn wir haben mehr als genug. Genug, um zu teilen. Genug, um gerecht zu leben. Genug, um uns unserer gottgegebenen Rolle als Mit-Schöpfer:innen würdig zu erweisen.