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Karin Hofmann. Foto: zVg

«Und doch habe ich nur einen Bruchteil des Leids lindern können…»

Teil 4 der Sommerserie zu Autor:innen aus Bern: Karin Hofmann

 

Mit ihren Einsätzen beim IKRK hat Karin Hofmann dreizehn Jahre in Kriegs- und Krisengebieten verbracht. Dabei wollte sie vorerst nur ein oder zwei Engagements annehmen.

Wer denkt schon, dass sich mitten unter den fröhlich lärmenden Badegästen im Marzili eine junge Frau befindet, die bald darauf wieder in ein Krisengebiet reisen wird? In den Kongo oder Irak, in die Westbank, nach Afghanistan, Georgien, Iran, Sri Lanka? Sie weiss noch nicht, wohin sie das IKRK als Delegierte schicken wird.  Jetzt versucht sie, in der sog. Normalität zu leben. Aber «einfach» ist dies nicht, denn die Furcht vor Bombeneinschlägen und Schiessereien hockt tief in ihrem Innern und lässt sich nicht abschütteln, auch wenn der Lieblingsort, das Aare Ufer, der erschöpften Frau Erholung verspricht. Jedes Mal, wenn sie zwischen den Einsätzen in die Schweiz zurückfliegt, muss sie die Spannung zwischen Krise und Normalität aushalten. Und dennoch zieht es sie immer wieder in die Gefahrenzonen zurück.

Karin Hofmann (*1969) ist wohl behütet als Jüngste von vier Kindern in einem katholischen Elternhaus in Münchenbuchsee aufgewachsen. «Ich schätze das soziale Engagement der Kirchen und stehe hinter ihren gemeinwohlorientierten Aufgaben», sagt sie, die ihr Leben der Mitmenschlichkeit verschrieben hat. Bereits als Sechsjährige äusserte sie den Wunsch, Krankenschwester zu werden. Doch da sich ihre Sprachentwicklung bis zum Kindergarteneintritt stark verzögerte, verstand man das Wort «Wanzenwöstel» nicht auf Anhieb. Aber das Mädchen hielt an seinem Berufsziel fest, obwohl der Grossvater einwandte, dass sie mit ihren 154 Zentimetern Körpergrösse zu klein sei, die Mutter eine kaufmännische Ausbildung vorschlug, die Sekundarlehrerin sie ins Gymnasium schicken wollte. Fernziel: Literaturstudium. «Ich konnte früh lesen und habe geschrieben, seit ich denken kann. Mein erster begeisterter Leser war der Ehemann meiner Lehrerin in der zweiten Primarklasse. Er hat meinen Aufsatz über Schnecken bis heute aufbewahrt.»

Zarte und stille Güte

Es sollte aber noch über vierzig Jahre dauern, bis Karin Hofmann ihr erstes Buch herausgab. Die Basis bildete ihre dreizehnjährige Erfahrung in Kriegs- und Krisengebieten. Doch handeln die Erinnerungen nicht ausschliesslich von Katastrophen. «Diese könnten die Leserinnen und Leser abschrecken, so dass sie gar nicht zum Buch greifen würden», sagt ihr Verleger Bernhard Engler. Da Karin Hofmanns Bericht immer wieder mit Zeugnissen der Gastfreundschaft und staunenswerter Mitmenschlichkeit überrascht, trägt er den Titel «In jeder Hölle ein Stück Himmel» (2018). Wer das Buch gelesen hat, fühlt sich bereichert durch die Güte, die in keiner Kriegsberichterstattung erwähnt wird, weil sie zart und still erscheint – und dies an unerwarteten Orten.

Ihren ursprünglichen Berufswunsch hat Karin Hofmann selbstredend durchgesetzt. Rasch wurde sie als Pflegefachfrau für Menschen «mit besonderen Bedürfnissen» eingesetzt. Da sie sich für die Geschichten hinter den Krankheiten interessierte, unterlief sie den durchstrukturierten Spitalalltag. Sie vergeude zu viel Zeit, warf man ihr vor. Auf der Station des Tiefenauspitals lagen in den neunziger Jahren viele Frauen aus Libyen ohne Deutschkenntnisse. Karin Hofmann kaufte einen «Kauderwelschführer Arabisch», um sich mit ihnen verständigen zu können. Innert kürzester Zeit rückte sie zur Übersetzerin bei der Chefarztvisite auf. Doch ihre kreativen Ideen stiessen im durchgetakteten Spitalbetrieb an Grenzen, so dass sie weitere Ausbildungen absolvierte und einen Bachelor in Sozialarbeit sowie ein Diplom in Management erhielt.

Herausforderung, Abwechslung, Verantwortung

Bestens ausgerüstet für die kommenden Engagements beim IKRK betrat sie 1999 Neuland. Alles, was sie gesucht hatte, fand sie nun vor: Herausforderung, Abwechslung, Flexibilität, Übernahme von Verantwortung, die Möglichkeit des Reisens und vor allem dies: «die eigenen Grenzen testen und erfahren» können. 1999 reiste die Dreissigjährige zu ihrem ersten Einsatz in die palästinensischen Gebiete, wo einige Monate später die zweite Intifada ausbrach. Was bis 2012 Karin Hofmanns Leben durchschütteln wird, lässt sich in der erwähnten fesselnden Dokumentation nachlesen.

Doch auf den einen Schicksalsmoment haben sie die Jahre im Krieg nicht vorbereitet: «Jahrelang habe ich mein eigenes Leben riskiert, um das anderer zu retten – und dann stirbt mir beinahe mein Kind weg, vermutlich das einzige, das ich in diesem Leben haben werde.» Aber ihre Tochter, im Mai 2012 geboren, kämpft um ihr Leben. Sie trägt zwar eine leichte Behinderung davon, wächst jedoch zu einer intelligenten jungen Frau heran, die nun mitten in den Wirren der Pubertät steckt und ihre Mutter unverblümt herausfordert. 

Nach der Geburt des Mädchens stellte sich für Karin Hofmann die Frage: Will ich weiterhin für das IKRK tätig sein – aber keinesfalls ohne meine Tochter? Möchte ich beweisen, dass ich sehr wohl Mutter und Delegationschefin sein kann? Oder gibt es für mich nach 36 Reisen auch ein Leben ausserhalb des IKRK, ohne dass deswegen meine Identität zusammenbricht? Der Entscheid wird ihr abgenommen, denn das IKRK erlaubt keine Ausreise mit dem zu früh geborenen Säugling. 

 «Wie schaffen Sie dies alles, Frau Hofmann?»

Karin Hofmann findet neue Aufgabenfelder. Von 2013 bis 2015 berät sie in Teilzeitarbeit Häftlinge in Ausschaffungshaft, danach wirkt sie als Bereichsleiterin im Eingliederungsmanagement der IV-Stelle Kanton Bern. Seit 2018 ist sie Geschäftsführerin des Vereins «Wohnenbern», der sich um Menschen kümmert, die von Obdachlosigkeit bedroht oder betroffen sind. Ziel ist ein selbständiges und bezahlbares Wohnen und damit die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. «Wie schaffen Sie dies alles, Frau Hofmann?», frage ich. Sie gibt keine ausführliche Antwort, sondern weist nur auf die Tatsache hin, dass sie in der Kleinkindphase ihrer Tochter fünf Jahre lang kein Buch gelesen habe. 

Ende August erscheint Karin Hofmanns erster Roman. Im Zentrum steht die Berner Auslandkorrespondentin Leonie, kurz: Leo, die nach einem Zusammenbruch in der Altstadt ins Spital verbracht wird. Als sie aufwacht, sitzt ein Polizeibeamter da und befragt sie über ihre problematische Beziehung zu einem Musiker und dessen unerklärlichen Tod. Die Vergangenheit rollt sich auf und eine Verbindung voller Abhängigkeiten wird erhellt. Die Geschichte, zwar fiktiv und ohne autobiografische Bezüge, führt in den Irak während des zweiten Irak-Krieges. Die plastische Schilderung von Landschaften, Menschen und Orten verdankt sich der genauen Kenntnis der Autorin, so dass das Buch sofort mitreisst. Einmal mehr hat Karin Hofmann mit diesem Schritt in die Belletristik Neuland betreten.

Der Roman «Leo Sola» erscheint Ende August im Lokwort Verlag, Bern. Die Vernissage findet im DOCK8 am 10. September um 18.30 Uhr statt.

 

Karin Hofmann zählt 2019 zum Gründungsteam von DOCK8, einem Kooperationsprojekt des Vereins «Wohnenbern» mit der Katholischen Kirche Region Bern, der ev.-reformierten Kirchgemeinde Frieden und der Genossenschaft Warmbächli. Ein Ort soll gefunden werden, der Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen und Zugehörigkeiten vereinigt – als Beispiel gelebter Inklusion. Anfang 2022 öffnet DOCK8 seine Türen im Holligerhof 8.