Belarussische Nonnen des Klosters St. Elisabeth in Minsk verkauften in der Dreifaltigkeitskirche in Bern handgemachte Ikonen, Püppchen und Honig – angeblich für einen guten Zweck. Daniel Henseler, Russischdozent an der Universität und der ETH Zürich, reagierte bei seinem Gottesdienstbesuch in Bern am Samstag schockiert: Gegen das russisch-orthodoxe St.-Elisabeth-Kloster Minsk gebe es Vorwürfe, wonach ein Teil des in verschiedenen europäischen Ländern gesammelten Geldes dem Lukaschenko-Regime in Belarus und der russischen Armee in der Ostukraine zugutekomme. Dies teilte Henseler am Samstagabend per E-Mail Mario Hübscher, Pfarrer der Dreifaltigkeitskirche, dem Bistum Basel und dem «pfarrblatt» mit.
Finanzierung der russischen Armee
Regina Elsner, Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumene an der Universität Münster (D), bestätigt die Vorwürfe gegenüber dem «pfarrblatt»: «Das St.-Elisabeth-Kloster ist seit 2015 in den von Russland besetzten Gebieten mit angeblicher Sozialarbeit aktiv, dabei wurden immer auch russische Soldaten unterstützt. Seit der russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 werden im Kloster gezielt Gelder aus Spenden für die Finanzierung der russischen Armee verwendet, die unter anderem auf dem Territorium von Belarus und in den besetzten Gebieten der Ukraine stationiert ist.»
Finanziert würden auch militärische Ausstattung wie Fahrzeuge und Tarnnetze. Ausserdem sei das Kloster an der Militarisierung von Kindern und Jugendlichen beteiligt. Dies zeigten Dokumentationen der Organisation «Christian Vision», die zur belarussischen Opposition gehört und die Aktivitäten des St.-Elisabeth-Klosters zur Unterstützung des Krieges umfassend belegt. In mehreren Ländern Europas werde inzwischen vor der scheinbar harmlosen Tätigkeit der Nonnen gewarnt. Dennoch komme es in Kirchgemeinden immer wieder zu Verkaufsständen.
Besuch der Nonnen hatte in der Dreif Tradition
Tatsächlich ist dies in der Dreifaltigkeitskirche offenbar seit zwölf Jahren regelmässig der Fall. Das Leitungsteam der Pfarrei habe lediglich eine Tradition weitergeführt und sich bei der diesjährigen Anfrage des Klosters keine weiteren Gedanken gemacht, teilt Pfarrer Hübscher auf Anfrage mit. Auch sei ihm mehrmals schriftlich versichert worden, dass die eingenommenen Spenden ausschliesslich für das karitative Engagement des Klosters verwendet würden.
Daniel Henseler bezeichnet das Verhalten der Dreifaltigkeitspfarrei in seiner E-Mail als «geradezu erschütternd naiv». Regina Elsner stimmt dieser Einschätzung zu. Was kirchliche Institutionen aus Belarus betreffe, müsse man nicht generell jeder Organisation misstrauen. «Nach vier Jahren kirchlicher Beteiligung am Krieg sollte man sich aber umfassend informieren. Vielleicht werden die in Bern gesammelten Gelder tatsächlich für ein karitatives Projekt verwendet, das lässt sich konkret vermutlich nicht nachweisen. Die grundsätzliche Unterstützung des Krieges durch das Kloster ist aber Grund genug, hier keine Einladungen auszusprechen.»
Einladungen künftig sorgfältiger prüfen
Dass man in der Dreif nicht entsprechend gehandelt habe, mache ihn betroffen und tue ihm leid, so Hübscher. «Sollten wir Gefühle von Menschen aus der Ukraine, mit denen wir in der Dreifaltigkeit in einem engen Kontakt stehen, verletzt haben, bedauern wir das von ganzem Herzen und versichern ihnen ausdrücklich unsere tiefe Solidarität.» Das E-Mail von Daniel Henseler hätten er und Raymond Sobakin, der zweite Pfarrer der Dreifaltigkeitspfarrei, erst am Montagvormittag gelesen. Daher hätten die Nonnen ihren Verkaufsstand auch am Sonntag noch betreiben dürfen. Zukünftig werde dies nicht mehr gestattet.
Grundsätzlich erteile die Dreif Organisationen ein Verkaufsrecht, die «humanitäre Anliegen in Verbindung mit Kirche» verfolgten. Nach dem Fauxpas vom Wochenende sei man sich bewusst, «dass wir künftig solche Einladungen mit einer grösseren Sensibilität prüfen müssen», teilt Hübscher mit. «Wenn wir Institutionen nicht wirklich gut kennen, werden wir keine Zusage mehr für eine Verkaufsmöglichkeit machen.»