Artikel

Foto: iStock

Todesangst – Todesangst?

Kolumne aus der Inselspitalseelsorge

Gewaltige Anstrengungen, ein enormes Mass an Wissen, Mitteln und Möglichkeiten, um Sterben zu verhindern oder es hinauszuzögern. Erst wenn alles, wirklich alles, bedacht und versucht wurde, wenn keine Hilfe mehr möglich ist, naht das Ende. Das unausweichliche Ende.

Der Patient habe Todesangst. Todesangst? Was für ein «Alarmglockenwort». Was, frage ich mich, was werde ich antreffen? Wen, in welchem Zustand? Worin genau liegen seine Ängste? Ist es die Angst vor dem Ungewissen? Oder die Angst vor Schmerzen, vor den letzten Minuten, vor dem ­Alleinsein?

Der Patient lässt sich ohne Weiteres auf ein Gespräch ein, erzählt von einem weitgehend gelungenen Leben, von vielem, über das er sich freuen könne, von seiner langjährigen Weggefährtin erzählt er, von seiner Frau. Es mache ihn schon sehr traurig, sie zurückzulassen. 

In dem Moment klopft sie und tritt ein. Was für ein Stimmungswechsel! 

Aufs Mal ist er weinerlich, der Pa­tient, ängstlich, er fällt richtig in sich ­zusammen. Das passt überhaupt nicht zu der Art und Weise, wie er kurz zuvor über sein Leben und im Speziellen über seine Frau gesprochen hat. Er ist selbst irritiert von seiner Reaktion und entschuldigt sich immer wieder dafür. Auch die Frau scheint überrascht und überfordert.  

Da, plötzlich, bricht es, nein, purzelt es aus ihm heraus. Seine Kindheit sei so unsäglich schwierig gewesen. Obertraurig sei die gewesen. Was er da alles habe erdulden müssen, wie sehr er gelitten habe! Es sei ihm nichts anderes übriggeblieben, als all seine Erinnerungen daran für immer, wie er meinte, in sich zu verschliessen. Nicht einmal mit seiner Frau – man sieht es ihr an, die Überraschung steht ihr ins Gesicht ­geschrieben –, nicht einmal mit seiner engsten Vertrauten habe er sie teilen können. Bis jetzt. Bis gerade jetzt, in diesem Moment.

Als es draussen ist, endlich draussen, nach all den langen Jahren, fühlt er sich leicht. Die unverrückbaren Grenzen von damals, wachgerufen vielleicht durch die Unverrückbarkeit des nahen Todes, die durchgestandene Pein, ­seine ganze kaputte Kindheit spiegelt sich im vertrauten Blick seiner Frau. Und die Schwere, die ihn sein ganzes erwachsenes Leben lang begleitet hat, ist geschwunden. 

Todesangst – von wegen: Leben, ­intensives, gewaltiges Leben.

Nadja Zereik, Seelsorgerin im Inselspital

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick