«pfarrblatt»: In Ihrem Buch schreiben Sie, wenn es um sexuellen Missbrauch in der Kirche geht, gelten Erwachsene als Betroffene «zweiter Klasse». Was heisst das?
Ute Leimgruber: Der Missbrauch in der Kirche wurde bekannt, weil Kinder und Jugendliche mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit gegangen sind, und weil sie wahrgenommen wurden. Erwachsene Frauen stiessen in der Öffentlichkeit nicht auf die gleiche Resonanz: Das, was sie erlebt haben, wurde von der Öffentlichkeit nicht als Missbrauch und damit als weniger oder gar nicht schlimm gewertet. Dabei stellt etwa der Missbrauch an Ordensfrauen ein globales, gravierendes Menschenrechtsverbrechen dar.
Laut der 2023 veröffentlichten Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in der Schweiz waren 129 von 931 Betroffenen erwachsen, die meisten davon weiblich. Sie sagen, erwachsene Frauen sind als Missbrauchsbetroffene in der Kirche doppelt unsichtbar. Warum?
Leimgruber: Weil sie in zweierlei Hinsicht untypisch sind. Innerhalb der Kirche sind hauptsächlich Kinder und Jugendliche von Missbrauch betroffen – sie gelten gewissermassen als Regelbetroffene. Kirchliche Kontexte werden in der Öffentlichkeit zudem nicht als Orte von Gewalt an Frauen wahrgenommen. Hier stehen minderjährige Buben im Fokus. Erwachsene Frauen fallen also sowohl aufgrund ihres Alters als auch aufgrund ihres Geschlechts durch die gängigen Forschungsraster.
Sie beschreiben zudem sogenannte «hiding patterns», die dafür sorgen, dass der Missbrauch an Frauen in der Kirche nicht als solcher wahrgenommen wird.
Leimgruber: Die «hiding patterns» gehen zurück auf bestimmte, kulturell und gesellschaftlich fest verankerte Deutungsmuster. Die britische Philosophin Miranda Fricker etwa zeigt, dass bestimmten Menschengruppen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe eine geringere Glaubwürdigkeit zugesprochen wird. Gleichzeitig hat ein weisser Mittelstandsmann den höchsten Glaubwürdigkeitsstatus, und ihm wird ausserdem eine höhere Sympathie entgegengebracht.
Die australische Philosophin Kate Manne verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff der «himpathy», eine Zusammensetzung der Wörter «him» und «sympathy»…
Leimgruber: … und ich spreche von «clerical himpathy»: Im Vergleich zu missbrauchsbetroffenen Frauen, die schnell als unglaubwürdig gelten, werden Geistliche als besonders glaubwürdig eingestuft und mit besonderem Wohlwollen betrachtet. Das gilt heute zwar allgemein weniger als früher, in besonders pietistischen oder charismatischen Kreisen ist dies aber noch immer der Fall. Erwachsene Frauen müssen anders als Minderjährige erst beweisen, dass das, was sie erlebt haben, Missbrauch war und nicht etwa einvernehmlicher Sex. Die «clerical himpathy» macht es ihnen besonders schwer, mit ihrer Geschichte ernstgenommen zu werden.
Ihre Forschung zeigt, dass auch sogenannte «rape myths» («Vergewaltigungsmythen») zur Unsichtbarkeit von erwachsenen Missbrauchsbetroffenen in der Kirche beitragen. Inwiefern ist das so?
Leimgruber: «Rape myths» sind weitverbreitete, hartnäckige Falschüberzeugungen über sexuelle Gewalt, deren Ursachen, Umstände und die daran beteiligten Personen. Diese Mythen sind in der Kirche genauso präsent wie in der restlichen Gesellschaft. Durch bestimmte religiöse Deutungsmuster werden sie im kirchlichen Kontext aber verstärkt und zum Teil auch sakralisiert.
Um welche Deutungsmuster handelt es sich?
Leimgruber: Einer der Mythen besagt, dass Vergewaltigungen passieren, weil Frauen durch ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Kleidung Männer dazu ermuntern. Viele Missbrauchstäter beziehen sich bei der Rechtfertigung ihrer Tat auf Eva, die in der kirchlichen Tradition als Verführerin gilt. Sie sagen: «Du hast mich verführt, wie Eva Adam verführt hat». Hier wird ein «rape myth» christlich-theologisch interpretiert. Diejenigen, die das Erzählte beurteilen, bedienen sich häufig der gleichen Deutungsmuster. Ein Bischof fragt die Frau dann etwa: «Bist du dir sicher, dass du ihn nicht dazu ermutigt hast? Hast du laut «Nein» gesagt? Und wenn nicht, dann hast du doch zugestimmt?»
Das Gegenüber von Eva ist Maria: die Aufmerksame, Hingebungsvolle, Mütterliche. Ein solches Frauenbild hat zuletzt der frühere Papst Franziskus stark gemacht.
Leimgruber: Mit Bezug auf Missbrauch ist dieses Bild genauso problematisch. Wenn es die Aufgabe der Frau ist, die eigenen Bedürfnisse hintanzustellen und wahrzunehmen, wie es den anderen geht – wie kann sie dann beweisen, dass es sexuelle Handlungen gab, die sie nicht wollte? Das funktioniert nur, wenn es sich um einen gewaltvollen Übergriff handelt. Und selbst dann bleibt die Verantwortung bei der Frau: Dem Beispiel der heiligen Maria Goretti (1890–1902) folgend, soll sich die Frau gegen gewaltvolle Übergriffe wehren – und eher sterben, als sich vergewaltigen zu lassen. Mein Eindruck ist: Man kann die Dinge immer so interpretieren, dass am Ende der Täter und das System Kirche geschützt werden.
Ihre Analyse der verschiedenen Missbrauchsstudien zeigt weltweit Parallelen: Besonders häufig geschieht Missbrauch in Seelsorgesettings, die Täter gehen dabei immer ähnlich vor – und sie rechtfertigen den Missbrauch mit den immer gleichen Bildern.
Leimgruber: Das ist schon verblüffend: Einerseits sind die Täter sehr daran interessiert, dass das Geschehen geheim bleibt. Wenn die Betroffenen aber erzählen, wie der Missbrauch abgelaufen ist, dann zeigt sich, dass die Tathergänge häufig bis in den Wortlaut identisch sind. Weltweit sind es in allen Sprachen die gleichen Versatzstücke, immer wieder kehrende theologische Bilder, die die Täter benutzen, um von den Betroffenen das zu bekommen, was sie wollen.
Welche Bilder sind das?
Leimgruber: Die Täter sagen zum Beispiel: «Das, was jetzt passiert, ist Ausdruck von Gottes Liebe zu dir. Es ist das, was Gott für dich will.» Auch das Heilungsmotiv und die Rede vom Leiden in der Nachfolge Christi tauchen in Missbrauchsberichten sehr häufig auf. Die Betroffenen leben meist im christlichen Glaubenshorizont und stehen oft in einem vertrauensvollen Verhältnis zum Täter. Die Umdeutung eigentlich positiver und harmloser Bilder macht es ihnen schwer, den Missbrauch richtig zu deuten, also als illegitim und schädlich.
Was bedeuten diese Erkenntnisse für Sie als Theologin?
Leimgruber: Meine Forschung geht mir natürlich nahe. Gleichzeitig kann ich anders als eine Frau, die selbst betroffen ist, auch mal sagen: «Ich lasse die Sachen jetzt zwei, drei Tage liegen und setze mich erst nächste Woche wieder dran.» Es ist wichtig, nicht so zu tun, als wäre die Theologie eine reine, unberührte Sphäre, die mit dem Missbrauch nichts zu tun hat. Im Gegenteil: Theologie ist Teil der Missbrauchstaten. Sie bringt nie automatisch Heilung, sie birgt immer auch eine Gefahr in sich.
Zur Person
Ute Leimgruber (*1974) ist Professorin für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Regensburg. Sie ist Mitglied der Theologischen Kommission des Katholischen Deutschen Frauenbunds KDFB e.V. und Stiftungsrätin der Herbert Haag-Stiftung. Kürzlich erschien ihre Studie «Missbrauchsmuster. Was Missbrauch an Frauen ermöglicht und warum er nicht als solcher erkannt wird» (Grünewald, 339 Seiten). Auf der Verlagswebsite steht das Buch gratis zum Download bereit.