Vier Menschen aus der Pfarrei Zollikofen erzählen, was sie mit ihrem Schutzpatron assoziieren. Welchen Werten und Anregungen von Franziskus wollen sie nachleben? Worüber würden sie gerne mit ihm sprechen? Und welche Orte würde Franziskus im heutigen Bern besuchen?
Markus Stalder, Pfarreileitung
Bescheiden und grosszügig sein
Würde Franz von Assisi genau mich auswählen und an meine Türe klopfen, dann würde ich versuchen, ihm vor allem zuzuhören. Im Evangelium findet sich diese Haltung bei Maria und Marta: Nicht sofort selbst reden oder handeln, sondern zuerst offen und aufmerksam zuhören.
Auch Franziskus’ Bescheidenheit darf das ganze Leben durchdringen. Das bedeutet für mich nicht, dass man sich nichts gönnen darf – sondern vielmehr im Bewusstsein lebt, dass uns alles geschenkt und auf Zeit anvertraut ist: So sollen wir uns weder auf uns noch auf materielle Güter etwas einbilden. Statt ständig mehr Besitz anzuhäufen, können wir teilen, was uns zur Verfügung steht.
Franziskus hat sich für ein allumfassendes Miteinander eingesetzt: Mensch, Tier und Natur. Wenn es gelingt, uns trotz all unserer Unzulänglichkeiten immer wieder an diesem Miteinander auszurichten, wird vieles möglich.
Im heutigen Bern würde Franziskus wohl in der Prairie, am offenen Mittagstisch für Sans-Papiers und Asylsuchende, in einem Ausgangslokal in der Altstadt oder auch im Rathaus vorbeischauen, um über Gott und die Welt ins Gespräch zu kommen.
Astrid Bentlage, Sozialberatung
Einander auf Augenhöhe begegnen
Franziskus verhalf Benachteiligten zu Essen, Trinken und Obdach und behandelte alle Menschen gleich – unabhängig von Herkunft, Glauben und sozialem Status. Das tun wir mit unseren Pfarreiangeboten ebenso. Auch in unserer Gesellschaft sehe ich Bemühungen, sich auf die einfachen Dinge des Lebens zurückzubesinnen, die Natur zu schützen, Lebensmittel zu retten, Gegenstände und Geräte zu leihen und Räume für Armutsbetroffene anzubieten.
Zu Franziskus’ Zeit war Randständigkeit augenscheinlich: Menschen lebten auf der Strasse und bettelten. Sie erhielten Almosen, kamen in Klöstern unter oder wurden geächtet und vertrieben. Heute sind die Ränder der Gesellschaft weniger sichtbar. Dies erschwert es, auf Betroffene zuzugehen, etwa Migrant:innen, ethnische und religiöse Minderheiten, Menschen ohne Arbeit oder Alleinerziehende.
Gerne würde ich mit Franz von Assisi diskutieren, wie er soziale Arbeit heute praktizieren würde. Was wäre ihm wichtig? Im Dialog sowie andere mitreden und mitgestalten lassend – nur so kann die Kirche Menschen in Franziskus’ Sinn geschwisterlich auf Augenhöhe begegnen.
Vielleicht würde Franziskus heute an einem «Sozialen Stadtrundgang» durch Bern teilnehmen. Die Rundgangleitenden kennen Armut, Ausgrenzung, Obdachlosigkeit, Gewalt, Sucht oder psychische Erkrankungen aus eigener Erfahrung und zeigen, wo Betroffene in Bern willkommen sind.
Evelyne Staufer, Katechetin 1.–6. Klasse
Sensibel bleiben
Mit Franz von Assisi würde ich über Aufmerksamkeit sprechen: Wie schwer es geworden ist, still zu werden – obwohl oder gerade, weil wir ständig verbunden sind. Ich würde ihn fragen, ob Armut weniger mit Besitz zu tun hat als mit innerer Unruhe: mit dem Gefühl, nie genug Zeit, Ruhe oder Bedeutung zu haben. Und ich würde ihn fragen, wie man Mitgefühl lebt, ohne daran zu erschöpfen.
Menschen am Rand der Gesellschaft verschwinden heute aus dem Blick. Etwa einsame Menschen, die tagelang mit niemandem sprechen, oder Jugendliche, die äusserlich funktionieren, aber innerlich erschöpft oder orientierungslos sind. An den Rand gerät auch, wer öffentlich keine Stimme mehr findet, weil vieles sofort bewertet, etikettiert oder polarisiert wird. Wer zweifelt, vieles hinterfragt, langsam spricht oder nicht in eine klare gesellschaftliche Kategorie passt, zieht sich oft zurück.
Junge Menschen wachsen heute in einer Welt voller Möglichkeiten, Dauervergleich, Leistungsdruck und Selbstinszenierung auf. Das macht oft Druck und Angst, nicht zu genügen. Für mich hat Franziskus’ Verständnis von Würde mehr mit Tiefgang und der Fähigkeit, sensibel zu bleiben, als mit Status zu tun.
Identität hängt nicht davon ab, wie andere einen sehen. Es braucht Mut, sich nicht vom Mainstream einnehmen zu lassen. Nicht alles muss grösser, schneller oder prestigeträchtiger werden – ein schlichtes Leben ist keine Niederlage.
Ich vermute, dass Franziskus auch heute zu Menschen gehen würde, die übersehen werden. Vielleicht würde er sich auch an die Aare setzen, um sich an der Natur zu erfreuen, und dabei die Spannung spüren, die unsere Städte prägt: viel Sicherheit und Schönheit – aber auch Erschöpfung, Leistungsdruck und Unsichtbarkeit am Rand.
Franz Bürge, Pfarreimitglied
Ansporn und Herausforderung
Mein Namensvetter Franz von Assisi ist für mich ein Vorbild. Herausfordernd finde ich seine freiwillige Armut, seine Solidarität mit den Ärmsten, Kranken und seine Treue zu Jesus Christus.
Ich würde mit ihm über längst fällige Reformen in der katholischen Kirche reden, etwa über den freiwilligen Zölibat. Zudem finde ich, dass auch ausgebildete Theolog:innen ohne Priesterweihe die Messe lesen, respektive die Eucharistie halten können.
Es braucht franziskanische Impulse gegen Polarisierungen, das heisst mehr Bescheidenheit auf allen Gesellschaftsstufen und weniger gewinnorientiertes Wirtschaftswachstum.
In Bern würde Franziskus heutzutage in Asylzentren, zu Obdachlosen, Kranken und Schwachen gehen und der Heilsarmee sowie anderen freiwillig Helfenden danken.
Franziskusjubiläum in Zollikofen
Zum 800. Todestag des heiligen Franz von Assisi organisiert die Pfarrei St. Franziskus in Zollikofen Veranstaltungen mit Bezug zum franziskanischen Sonnengesang. Darin lobt der Heilige Gott und spricht die Gestirne, Wasser, Feuer, Wind, Erde und auch den Tod mit Schwester oder Bruder an. Das Gebet preist die Natur und bestärkt die Menschen darin, Gott als deren Schöpfer zu loben und diese Schöpfung zu bewahren. Jubiläumsprogramm: kathbern.ch/zollikofen