Als Michael Zingg aus Moosseedorf 2018 zum ersten Mal eine Mitternachtsmesse besuchte, wusste der damals Konfessionslose nicht, was ihn erwartete. «Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie ein katholischer Gottesdienst abläuft», erzählt er. Bisher hatte er Weihnachten immer daheim mit Baum und Geschenken gefeiert.
Als der 29-Jährige seine heutige Frau, eine praktizierende Katholikin, in die Pfarrei Zollikofen begleitete, feierte er Weihnachten erstmals auf eine andere Art, «kirchlich und mit vielen Leuten». Diese Erfahrung weckte sein Interesse, und er ging fortan regelmässiger zur Sonntagsmesse mit. Zingg faszinierten die Gottesdienste, das gemeinsame Feiern und die katholischen Bräuche.
Anfangs fragte er seine Frau: «Warum macht man beim Hereinkommen in die Kirche ein Kreuzzeichen mit Weihwasser? Warum fastest du?» Als er den Hintergrund dieser Riten und Traditionen verstand, machten sie für ihn Sinn, und er begann, sie selbst zu leben. An Gott habe er immer geglaubt, doch eher für sich allein. In der katholischen Kirche fand er etwas, das ihm bisher gefehlt hatte: Freude im gemeinschaftlich gelebten Glauben – und dass er nach dem Gottesdienst oft etwas für den Alltag mitnehmen könne und mit einem guten Gefühl nach Hause gehe.
Spirituelle Heimat gefunden
Was zunächst Neugier war, entwickelte sich in den kommenden drei Jahren weiter. «Mein Bauchgefühl zog mich zum Glauben, und ich identifizierte mich immer mehr mit der katholischen Kirche. Mit der Zeit spürte ich, ich will Teil dieser Gemeinschaft sein.»
Mit einem Seelsorger seiner Pfarrei tauschte er sich mehrmals über seine Beweggründe aus, katholisch zu werden. In Bern wurde Zingg in einem Katechumenat ins Evangelium eingeführt und auf die Sakramente vorbereitet. Dort fand er Gleichgesinnte allen Alters. Dass jemand «vor der Pensionierung noch konvertiert», überraschte und beeindruckte ihn. Sieben Jahre nach seinem ersten katholischen Weihnachtsgottesdienst war es diesen Frühling dann so weit: Michael Zingg wurde in Zollikofen vom Pfarreileiter Markus Stalder getauft und in Solothurn – zusammen mit 21 weiteren Erwachsenen – von Bischof Felix Gmür gefirmt.
«Das Wohlwollen und die Offenheit, mit denen ich von allen Seiten aufgenommen wurde, haben mich darin bestätigt, dass ich den richtigen Weg gehe», sagt der frisch gebackene Katholik. Bemerkenswert findet er die Kontraste in seiner eigenen Generation. «Ich habe einige Kollegen, die aus der Kirche austreten, meistens wegen der Kirchensteuer.» Dass jemand aus Glaubensgründen austrete, habe er noch nie gehört. Für ihn selbst spielte die Kirchensteuer bei seinem Eintritt keine Rolle, er vertraut darauf, dass diese sinnvoll verwendet wird.
Die Taufe verändert ihren Charakter
Zinggs Weg steht beispielhaft für eine Entwicklung, die in der Schweiz noch übersichtlich, aber bemerkenswert ist: Während die Zahl der Kindertaufen seit Jahren zurückgeht, nehmen die Erwachsenentaufen langsam, aber kontinuierlich zu und machen heute rund zwei Prozent aller katholischen Taufen in der Schweiz aus. Das ist mehr als eine statistische Randnotiz. Es zeigt, dass Glaube immer seltener selbstverständlich weitergegeben wird, sondern häufiger auf einem persönlichen Entscheid beruht.
Arnd Bünker, Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts, sieht hinsichtlich der abnehmenden Anzahl an Kindertaufen (siehe Infobox) einen Epochenwandel. Die Kirche könne sich nicht mehr darauf verlassen, dass der Glaube selbstverständlich von Generation zu Generation weitergegeben werde. Gleichzeitig eröffne dies neue Chancen: Menschen entdecken den Glauben bewusst und entscheiden sich aus freiem Willen für ein christliches Leben. Auch für die Pfarreien im Kanton Bern liegt darin eine wichtige pastorale Perspektive.
Nicht geerbt, sondern entdeckt
Auch in anderen westeuropäischen Ländern findet ein Wandel der Tauftradition statt. In Frankreich beispielsweise ist ein regelrechter Taufboom zu beobachten. 2025 verzeichnete die katholische Kirche dort rund 10400 Erwachsenentaufen sowie etwa 7400 Taufen von Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren. Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Anteil an Erwachsenentaufen damit um 45 Prozent.
Wer sich heute erwachsen taufen lässt, hat meist einen längeren Weg hinter sich: Begegnungen mit Christ:innen, Erfahrungen von Gemeinschaft, Fragen nach Spiritualität oder eine biografische Wende. Der Pastoraltheologe Jan Loffeld hält auf katholisch.de fest, dass Glaube heute immer weniger innerhalb der Familie weitergegeben wird, sondern oft durch Freundschaften, Beziehungen oder persönliche Begegnungen entsteht. Menschen suchen nach Sinn, Orientierung und einer Gemeinschaft, mit der sie ihren Glauben leben können. Das mag mit ein Grund für die wachsende Zahl von Erwachsenentaufen sein.
Die Kirche wird kleiner, aber sie bleibt für Menschen ein Ort, an dem ihr Glaube wachsen kann. Nicht selbstverständlich geerbt, sondern bewusst entdeckt. Michael Zingg geht weiterhin möglichst jeden Sonntag in die Kirche. Er möchte seine Spiritualität vertiefen und später auch seine Kinder katholisch erziehen. «Gläubig sein geht nicht von heute auf morgen. Das braucht Zeit.» Die Taufstatistiken erzählen genau davon – wenn auch nicht auf den ersten Blick.
Ein leiser Trend gegen den Strom
Die Taufstatistik der katholischen Kirche in der Schweiz zeigt praktisch nur in eine Richtung – nach unten. 2014 wurden schweizweit 20904 Kinder und Erwachsene getauft, 2024 waren es noch 13548. Das entspricht einem Rückgang von rund 35 Prozent in zehn Jahren.
Auch im Kanton Bern ist die Zahl der Taufen in dieser Zeit von 624 auf 418 Personen deutlich gesunken. Die Statistiken zeigen auch einen zweiten, weniger beachteten Trend: Während die Gesamtzahl der Taufen sinkt, steigt die Zahl der Erwachsenentaufen. Lag ihr Anteil vor zehn Jahren bei knapp einem Prozent, machen sie mittlerweile rund zwei Prozent aller Taufen aus. So entscheiden sich heute jährlich ungefähr 270 Erwachsene für die Taufe. Das ist weiterhin ein kleiner Anteil, doch ihre Bedeutung nimmt zu.