Vor dem Quartierzentrum Tscharnergut in Bern-Bümpliz stehen zwei offene Särge. Der linke schmal und aus hellem Holz, der Boden mit Hobelspänen bedeckt, ein rotes Samtkissen am Kopfende. Der rechte aus hellen und dunklen Brettern, innen mit weissem Stoff verkleidet, darauf liegen zwei Blumensträusse und ein Bündel Ähren. Es ist der Eingang zur «Heiteren Sargwerkstatt». Hier werden jeden Montag in Handarbeit Särge geschreinert.
Neben den Särgen zerlegt eine zierliche Frau mittleren Alters ein Palett in seine Einzelteile: Mit einem langen roten Eisenhebel löst sie die kurzen Querbalken von den Latten, nimmt ab und an den Hammer zu Hilfe. Die rostigen Nägel, die sie dabei herauslöst, sammelt sie in einem Metallbecken. «Für unser Sargmodell ‹Phoenix› verwenden wir überlange Einwegpalette», erklärt Hannes Hergarten, 46, der das Projekt zusammen mit Andrea Suter vor gut zwei Jahren initiiert hat und bis heute mit ihr leitet.
Der schlichte «Phönix» und der elegante «Komet»
Die Sargwerkstatt ist ein Projekt des Kollektivs «Frei_Raum», zu dem auch das inklusive Kulturlokal «Heitere Fahne» in Wabern gehört. Es ist eingemietet in der öffentlichen Werkstatt des Quartierzentrums Tscharnergut. In der geräumigen Werkstatt stehen mehrere Werkbänke, an den blauen Wänden hängen allerlei Werkzeuge. Pro Montag entsteht im Schnitt je ein Sarg der beiden Modelle «Phoenix» – schlicht, viereckig, aus Palettbrettern – und «Komet» – elegant, trapezförmig, aus regionaler Weihmutskiefer. Die Särge gehen an Bestattungsunternehmen oder direkt an Privatpersonen.
Die Werkstatt lädt zudem dazu ein, unter Anleitung den eigenen Sarg herzustellen. Pascale Wetzlinger, 53, hat hier ihren eigenen Sarg gezimmert. Sie ist als freiwillige Mitarbeiterin in der Werkstatt aktiv geblieben und sorgt an diesem Montag mit einem Stechbeutel für saubere Abschlusskanten an einem Sarg. «Es braucht ein wenig Gefühl dazu», erklärt sie. Der Sarg war zuvor verschraubt und allfällige Löcher waren mit Flüssigholz gestopft worden, ehe er jetzt «mit Liebe geschliffen» wird, wie sie sagt. «Hier kann man fremden Menschen mit Liebe etwas auf ihren letzten Weg mitgeben.» Sie fügt an: «Wäre das nicht die Essenz des Lebens?»
Besser durchs Leben gehen
Die Beschäftigung mit dem Tod hat bei Wetzlinger auch zu einer beruflichen Veränderung geführt. «Ich möchte meine Lebenszeit nicht mehr mit Nichtigkeiten verbringen», sagt sie. Zuletzt war sie in der Immobilienbranche und als Direktionsassistentin tätig. Jetzt macht sie eine Ausbildung in Palliative Care und hofft auf eine Stelle in diesem Bereich. «Wenn man mit dem Tod versöhnt ist, kann man besser durchs Leben gehen», ist sie überzeugt.
Als weitere Freiwillige sind hier «Menschen aus allen Himmelsrichtungen und mit verschiedenen Rucksäcken» tätig, wie Hergarten formuliert. Sie bringen unterschiedliche Hintergründe mit – etwa eine AHV- oder IV-Rente, eine Beeinträchtigung, Arbeitslosigkeit oder Suchterfahrung. Einzig Hergarten und Andrea Suter arbeiten mit einem festen Lohn.
Aktuell arbeitet auch ein Zivildienstleistender in der Werkstatt mit. Etienne Pfanner, 23, ist dabei, die Palettbretter, die inzwischen entnagelt und gerade gehobelt wurden, zu einem grossen Brett zusammenzuleimen. Sorgfältig fährt er mit einer grossen Tube über die Bretter und hinterlässt eine Leimspur auf deren schmaler Kante. Sind diese einmal zusammengeleimt, werden sie in Form geschnitten und zu einem Sarg verschraubt.
Auch Pfanner betont den sozialen Aspekt des Projekts: «Etwas Sinnvolles machen und damit sich selbst und anderen etwas Gutes tun.» Er war in den letzten Jahren mehrmals mit dem Thema Tod konfrontiert und hat die Erfahrung gemacht, dass man in der Gesellschaft wenig darüber spricht. «Hier im Atelier geschieht das», erzählt er, auch wenn die letzten Ferien ebenso Thema sein könnten. Genau das ist das Anliegen der «Heiteren Sargwerkstatt»: Raum zu geben, um über Tod und Sterben zu sprechen. «Wir füllen das Thema mit Handfestigkeit», formuliert es Wetzlinger.
Kein lukratives Geschäft
Wer selbst einen Sarg herstellen möchte, «ruft am besten an, macht einen Termin ab und schaut vorbei», sagt der Co-Leiter. Mindestens zwei Tage müsse man rechnen, oft dauere es länger. Wer hier einen Sarg kaufen möchte, investiert um die 1000 Franken. Das ist wesentlich weniger, als wenn man die Särge über ein Bestattungsunternehmen bezieht. Wem das dennoch zu teuer ist, «der kann mit uns reden», sagt Hergarten. Dann bestehe auch die Möglichkeit zur Mitarbeit.
«Mit Särgen machen wir kein Geschäft», sagt er lakonisch, auch wenn in der Schweiz alle Menschen einen Sarg brauchen und diese von Gesetzes wegen aus Holz sein müssen. Die Werkstatt wird finanziell von der Burgergemeinde Bern, von den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und von privaten Stiftungen unterstützt. Hergarten lässt durchblicken, dass sie auf der Suche nach weiteren Geldgebern sind. «Ein solches Projekt kann nie selbsttragend sein», sagt er. Pascale Wetzlinger fügt an: «Es erfüllt einen Wert für die Gesellschaft und müsste dieser daher auch etwas wert sein. Es geht ja nicht um den Tod, es geht um das Leben!»
Festival «endlich.menschlich.»
Vom 19.–27. Oktober findet in Bern das Stadtfestival «endlich.menschlich.» statt. Konzerte, Theater, Lesungen, Workshops, Gespräche und Rituale laden zu einer Auseinandersetzung mit Tod und Sterben ein. Mit dabei sind auch die «Heitere Sargwerkstatt» und die Landeskirchen.
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