Artikel

Das Gummenseeli im Burgerwald – Konrad Paulis Lieblingsort seit Kindertagen. Foto: zVg.

Seit jeher Schritt für Schritt unterwegs

Teil 2 der Sommerserie zu Autor:innen aus Bern: Konrad Pauli


Der Berner Autor Konrad Pauli steht nicht im Rampenlicht, aber schreibt beharrlich an seinem Werk weiter.

Mitten in der Wildnis des Burgerwalds östlich von Aarberg liegt verborgen ein Juwel, das Gummenseeli, Konrad Paulis Lieblingsort. Still ist es hier, nur die Vögel pfeifen, und manchmal knackt es in den Ästen. Vor siebzig Jahren sass er, der Schüler, auf einem Baumstrunk, vor sich einen Notizblock mit Bleistift, und wartete auf ein Reh, einen Hasen oder wenigstens eine Maus. Denn er sollte am nächsten Tag in der Schule seine Tierbeobachtungen mitteilen. Halt, da raschelte es, ein beinahe lautloses Tappen, und jetzt traf ihn der lauernde Blick eines…

Daheim stellte ihn der Vater zur Rede: «Hast du wirklich dieses Tier gesehen, oder hat dir deine Fantasie einen Streich gespielt?» Sein jüngerer Sohn Konrad war mit einer bunten Vorstellungsgabe gesegnet, von den Eltern, die eine Schneiderei in Aarberg führten, aber auch mit Realitätssinn ausgestattet worden. Wäre er König der Schweiz, sagte Konrad Pauli viel später in einem «Bund»-Interview (4. 12. 2012), würde er Visionäre und Pragmatiker an seinen Hof berufen. Beide Kräfte, gegensätzlich und doch einander befruchtend, zeichnen sich in den Kindheitsszenen ab, die Konrad Pauli in seinem Buch «Marcos Blicke ins Seeland» (Erstausgabe 2013) festgehalten hat. Ein kleiner Bursche eignet sich die kleine und grössere Welt an. Die Erinnerungen zeugen von Anhänglichkeit an die Herkunft, von Verwurzelung in einer Landschaft, von präziser Kenntnis der Lebenswirklichkeiten, sodass man anhand der Geschichten eine Reise durchs «Marco»-Land bis hin zum Mehlstübli vor den Toren Aarbergs unternehmen kann, während der Blick über die Hügel schweift oder hinunter zum Neuenburgersee gleitet.

Konrad Pauli besucht das Lehrerseminar Hofwil, wo Hans-Rudolf Lehmann – später bekannt unter dem Schriftstellernamen Lukas Hartmann – eine Klasse über ihm eingeteilt ist. Sie bleiben lebenslang verbunden, auch wenn der eine in der Öffentlichkeit erfolgreicher dastehen wird. Einmal stellt der Religionslehrer das Thema «Gibt es noch Wunder?» als Aufgabe. Pauli ist etwas überfordert und weicht in der schriftlichen Antwort aus, indem er seine Gedanken zum Largo in Dvorˇáks Sinfonie «Aus der Neuen Welt» äussert. Der Lehrer meint, er habe zwar nicht über das Wunder geschrieben, aber sich dem Wesen des Wunderbaren angenähert. «Das habe ich ein Leben lang nicht vergessen», bekannte Konrad Pauli kürzlich. Wer weiss, ob da nicht eine Ahnung von Transzendenz aufschien? Im Lauf seines Lebens hat der Autor seine Überzeugung im Satz gebündelt: «Die schöpferische Energie in allen Dingen ist das Göttliche.»

Seinen Lehrerberuf übt er mit Freude aus, ist kreativer Unterrichtsgestalter und ebenso feinfühliger Begleiter der Kinder, organisiert Schullager, Projektwochen und Schnupperlehren, zum Beispiel in der Höhenklinik Heiligenschwendi, wo Einblicke in verschiedenste Tätigkeiten zu gewinnen sind.

Als Pauli sich nach vierzig Jahren Schuldienst verabschiedet, weinen er und seine Schüler. Schon früh hat er sich ein Paralleluniversum als Kulturjournalist geschaffen, Wissen und Urteilsfähigkeit in Besprechungen von Konzerten und Ausstellungen vertieft. Noch heute erzählt er begeistert von dieser Tätigkeit, von Komponisten wie Brahms, Mahler, Sibelius. Auch erschien 1977 sein erstes Buch, «Vorgefühl». Am Anfang dieses Weges stand einer der originellsten Schweizer Autoren, nämlich der Berner Paul Nizon (*1929), der seit Jahrzehnten in Paris lebt, weil er die helvetische Enge nicht mehr ausgehalten hat. Er ermunterte den jungen Mann, las kritisch-wohlwollend seine Texte und telefoniert selbst heute noch mit ihm so munter, als ob sie sich erst gestern getroffen hätten, «der gute Pablo».

Aber im hyperaktiven Literaturbetrieb ist Konrad Pauli nie angekommen. Er bleibt ein Geheimtipp, «so schön beiseit», wie es sein Lieblingsautor, der Bieler Robert Walser (1878–1956), formuliert hat. An Buchvernissagen oder Literaturfestivals sucht man ihn vergebens. Was zählt, ist das Schreiben, unbeirrt über Jahrzehnte hinweg. Ich nenne ihn den «Alltagsphilosophen des Breitenrains». Aus dieser Keimzelle steigen seine Beobachtungen und Überlegungen auf. Im «kleinen Gehege» das Grosse entdecken – ein solches Unterfangen lässt an Adalbert Stifter oder eben Robert Walser denken. Sorgfalt und liebevolle Annäherung wirken bei diesem Schreiben mit, ebenso «Leidenschaft ohne Lärm», Paulis Lieblingstugend. Seine Texte neigen zur Gedankenprosa, sind Momentaufnahmen ohne breit angelegte Handlungen. Sie loben die Kraft der «Atempause», die Kunst, warten zu können und nicht alles auf einmal erstreben zu wollen. Mit leisem Humor, mit Witz und Sinn fürs Absurde wappnet sich Konrad Pauligegen die Zumutungen einer hektischen Zeit.

Eine schmerzhafte Zäsur setzte der jähe Tod seiner Gattin Silvia Tavani am 31. Oktober 2022. Für Konrad Pauli bedeutete er eine private Zeitenwende, denn nichts war mehr wie zuvor. «Ein Riss», bekannte er in einem Gespräch. Erst überwältigte ihn die Verzweiflung, die bodenlose Löcher im Alltag aufriss.
Danach wich sie einer Trauer, die «ihre Wirksamkeit in subtiler Ausdauer und bohrender Hartnäckigkeit» entfaltete, sich in jede Faser einnistete «und keinen Trost, kein Entrinnen» schenkte. Seither besucht Konrad Pauli jeden Sonntag das Grab seiner Frau und bringt eine Rose mit. «Ich muss noch immer mehrmals täglich leer schlucken.»

Hilfreich erwies sich in dieser schwierigen Zeit sein Verleger Klaus Isele, der ihn zum Weiterschreiben trotz allem angeregt hat. In der Erzählung «Eva und Josef» (2024) vermittelt Pauli die eigene Verlusterfahrung nicht unverstellt, sondern unterlegt sie einem Künstlerpaar aus Tschechien. Hier bleibt Eva, die Frau, allein zurück. So wahrt der Autor in mehrfacher Hinsicht Distanz. Auch Eva erlebt es: «… die Absturzgefahr lauerte in jeder Ecke, bei jedem Schritt.» 

Das Angebot einer Galeristin, das Werk des Paars auszustellen, lässt Eva zaghaft Freude empfinden, denn «ein Gesichertes wäre es nie». Falsche Hoffnungen finden keinen Platz – das weiss der Pragmatiker in Konrad Pauli.

Wie geht es weiter für einen, der die Achtzig überschritten und die Lebensgefährtin verloren hat? Ein solcher Verlust widerfährt zwar vielen, mag man meinen, aber für jeden ist er heftig und unverwechselbar. Eine mögliche Antwort birgt der Titel von Konrad Paulis jüngstem Buch: «Passo per passo», Schritt für Schritt.

 

 

 

«Die schöpferische Energie in allen Dingen ist das Göttliche.»


Zur Person

Die Bücher von Konrad Pauli erscheinen bei Klaus Isele,
Editor, D–Eggingen. Sie sind in Buchhandlungen
­ erhältlich oder können über BoD (Books on Demand,
Norderstedt) bezogen werden.