Der Dialog mit der jeweiligen Gegenwart bildet den Hintergrund für die Formulierung christlicher Glaubensinhalte. Einige Schlaglichter auf die über 3000-jährige jüdisch-christliche Glaubensgeschichte sollen veranschaulichen, wie Menschen sich Gottes Schöpfung vorgestellt und diese gedeutet haben. Die Bibel beginnt mit zwei Erzählungen über die Schöpfung (Genesisbuch 1 und 2).
Beiden ist gemeinsam, dass sie keine naturwissenschaftlichen Erklärungen zur Entstehung der Welt abgeben wollen. Ihnen geht es weniger um Fakten als um ein Nachdenken über die grossen Sinnfragen des Lebens: Warum gibt es uns? Woher kommt alles Seiende? Worauf können wir uns verlassen? Die alttestamentlichen Schöpfungstexte greifen altorientalische Schöpfungsmythen auf und formulieren das jüdisch-christliche Vertrauen auf einen guten Gott als Schöpfer aller Wirklichkeit in Gestalt uralter Erzählungen.
Gottes Schöpfungshandeln
Viele jüdisch-christliche Glaubensüberzeugungen sind vor dem Hintergrund des Hellenismus entstanden. Mit dem Hellenismus ist die antike griechische Kultur und Geschichte gemeint, wie sie vom 4. Jahrhundert vor Christus bis ins 1. Jahrhundert nach Christus im Mittelmeerraum prägend war.
Diese Prägung zeigt sich unter anderem am Nachdenken über die Schöpfung. In der griechischen Philosophie setzte sich die Überzeugung durch, dass die Welt ewig ist. Infolgedessen wurde ihr ein göttlicher Charakter zugeschrieben. Von einer solchen Vergöttlichung der Welt wollte sich die jüdisch-christliche Denktradition absetzen und entwarf die Vorstellung einer «creatio ex nihilo» (Schöpfung aus dem Nichts).
Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass Gott keine vorhandene Materie brauchte, um die Welt zu erschaffen. Den Gedanken einer «creatio continua» (fortgesetzte Schöpfung) brachte der Gelehrte Augustinus (354–430) ein. Die Schöpfung wurde damit nicht als ein abgeschlossenes Werk Gottes betrachtet, sondern als ein Prozess, der andauert. Dahinter steht die Vorstellung, dass Gott sich nach der Erschaffung der Welt nicht zurückgezogen hat, sondern für seine Schöpfung zugänglich bleibt.
Verletzte Schöpfung – verletzliche Menschheit
In ihrer Vielfalt und Üppigkeit kann die Schöpfung als Bild für Gottes Lebensfülle und Güte betrachtet werden. Heute ist aber auch ein zweiter Blick unvermeidbar: Die Erde ist am Anschlag. Die Ausbeutung ihrer Ressourcen geht weiter zu Lasten zahlreicher Schöpfungswerke Gottes.
Die drastischen Folgen des menschengemachten Klimawandels werden teilweise erst erahnt. In all dem zeigt sich, dass die Schöpfung verletzlich ist – und schon zahlreiche Wunden hat. Die Verbundenheit des Menschen mit der Schöpfung ist vor diesem Hintergrund mehr als ein christliches Bekenntnis. Als Teil der Schöpfung überlebt der Mensch mit der Erde.
Oder er geht mit ihr unter. Die biblischen Schöpfungserzählungen vermitteln einen Gedanken, der auch für ein heutiges Weltverhältnis leitend sein kann: Der Mensch/ «adam» ist genommen von der Erde/ «adama» (Genesisbuch 2,5.7). Als «Erdling» ist er dazu berufen, den Lebensraum Erde zu erhalten und in seinem Tun und Lassen die Schöpfung in ihrem weiteren Werden zu bewahren.
Der Mensch darf in seinem Handeln darauf hoffen und zählen, dass Gott der Schöpfung seinen Segen zugesprochen hat und ihr zugewandt bleibt. In einem bekannten Gospelsong klingt dieses Vertrauen so: «He’s Got the Whole World in His Hands» (Er hält die ganze Welt in seiner Hand).
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