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Rose und Asche

Kolumne aus der Inselspitalseelsorge

Der Valentinstag fällt dieses Jahr nahe an den Aschermittwoch. Rosen hier, Asche dort. Begehren und Vergänglichkeit. Es ist kein schlechter Zufall.

Eros ist die Kraft, die uns zum anderen zieht. Er meldet sich im Körper, bevor wir Worte dafür haben: ein Blick, der nicht ausweicht, ein Atem, der flacher wird, wenn jemand näherkommt. Eros ist das Pochen unter der Haut, die gespannte Sekunde, in der alles möglich ist. Er ist die Lust an der Nähe, das Verlangen, gesehen zu werden und selbst hinzusehen.

Die Kirche hat Liebe oft in zwei Schubladen gesteckt: Agape – selbstlos, heilig, rein – und alles andere, das Gefahr und Versuchung ist. Eros zum Beispiel. Ich verstehe, warum. Aber das Leben bleibt unberechenbar und die Liebe vieldeutig.

Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt vom Verschwinden des Eros.* Nicht, weil wir zu wenig Sex hätten, sondern weil wir zu wenig anderes zulassen. Eros, sagt er, lebe vom Nichtverfügbaren. Er wird schwach, wo alles jederzeit zugänglich ist, wo Nähe ohne Risiko zu haben ist. Er stirbt, wo niemand mehr wagt, sich wirklich berühren zu lassen – aus Angst zu verlieren.

Im Spital begegne ich täglich Körpern: verletzten, erschöpften, versehrten, sterbenden. Eros hat hier nichts «instagrammable». Er ist ohne Pose, still, ohne Schutz. Er zeigt sich als Nähe, als Zuneigung von Angehörigen, mit dem Mut, sich berühren zu lassen – auch innerlich; mit der Gefahr, einen Menschen, an den ich mich binde, sogar zu verlieren.

Der Aschermittwoch erinnert: Du bist Staub. Unser Körper ist endlich. Gerade deshalb ist er kostbar. Der christliche Glaube hat den Leib nie nur misstrauisch betrachtet. Gott wird selbst Leib. Verwundbar. Berührbar. Passion heisst nicht nur Leiden, sondern auch Hingabe. Ich glaube, Eros und Passion lassen sich nicht trennen. Und vielleicht braucht das Bleiben, wenn es schwierig wird, jene Kraft, die uns überhaupt erst zueinander hinzieht.

In der Passionsgeschichte geht es jedenfalls nicht um Schmerzverherrlichung, sondern um ein Lieben, das sich nicht zurückzieht, auch wenn es teuer wird. Zwischen Rose und Asche liegt dann kein Gegensatz. Sondern das ganz normale Leben. Und die Frage, wie wir darin lieben.

* Byung-Chul Han, Agonie des Eros, Matthes & Seitz Verlag, Berlin

Kaspar Junker, Seelsorger im Inselspital

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