Wenn Jacobi von seiner preisgekrönten Reportage erzählt, spricht er ruhig, fast nachdenklich. Vieles klingt wie ein leiser Nachsatz – aber einer, der hängen bleibt. Seine Geschichte über den Abschied der Kapuziner aus dem Kloster Olten ist genau so: still, einfühlsam, sorgfältig komponiert. Für «Räumen, trauern, beten» (erschienen im «Oltner Tagblatt» am 9. März 2024) erhielt der 31-Jährige in diesem Jahr den Katholischen Medienpreis – als reformierter Journalist mit einer bemerkenswerten Sensibilität für religiöse Themen.
«Das Thema Abschied beschäftigt uns alle irgendwann», sagt Jacobi. Der Tod eines Klosters – nach über 400 Jahren – sei ein besonders eindrückliches Sinnbild. «Mich hat interessiert, wie die Kapuziner mit dieser Zäsur umgehen. Wie sie leben, wie sie beten, wie sie loslassen.» Entstanden ist ein Porträt eines verschwindenden Mikrokosmos, das sich auch als Spiegel für die katholische Kirche und ihre Gegenwart lesen lässt.
Dabei ist Jacobi weder Katholik noch besonders kirchlich sozialisiert. Aufgewachsen im reformierten Langenthal als Sohn deutscher Eltern, war Religion zuhause kaum Thema. Geprägt habe ihn eher das «Hüte-Grosi», erzählt er. «Sie hat regelmässig auf uns Kinder aufgepasst, viel gebetet und hatte eine sehr spirituelle Ausstrahlung», erzählt Jacobi. Es sei seine erste Begegnung mit Glauben gewesen – jenseits von Institutionen.
Keine weltfremden Eremiten
Trotzdem oder gerade deshalb nähert er sich Glaubensfragen mit offener Neugier, ohne Belehrung. In den Journalismus kam Jacobi über Umwege: Nach einem Studium der Geografie und Geschichte in Fribourg arbeitet er seit 2018 als freier Journalist. «Ich hatte keinen Karriereplan, aber eine Neugier für Geschichten, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind.»
Besonders faszinieren ihn Lebenswelten, die im Verschwinden begriffen sind – wie jenes Kapuzinerkloster in Olten. Dort lebten jahrhundertelang Ordensmänner, bis sie das Kloster 2024 aus Altersgründen aufgeben mussten. «Ich wollte wissen, wie man ein Leben lang nach festen Ritualen lebt – und wie man sie dann loslässt», sagt Jacobi. Seine Recherchen führten ihn in den Alltag der Brüder: das Morgengebet, die Kapelle, die Zellen. Vieles war ihm fremd. «Ich wusste wenig über katholische Begrifflichkeiten. Alles, was im Text steht, habe ich mir erarbeitet. Ich wollte wirklich verstehen, wie dieses Leben funktioniert.» Die Begegnung mit den Kapuzinern habe ihn tief beeindruckt. «Das waren keine weltfremden Eremiten, sondern liebevolle alte Männer mit viel Lebensweisheit.»
Klöster als Kommunen
Jacobis Reportage ist geprägt von dieser Haltung: beobachtend, respektvoll, ohne Voyeurismus. Er beschreibt, ohne zu werten. Vielleicht überzeugte genau diese Zurückhaltung die Jury. Vielleicht war es auch die Fähigkeit, das Lokale mit einer grösseren Erzählung zu verknüpfen. Denn das Kloster Olten steht exemplarisch für die Umbrüche in der katholischen Kirche: Überalterung, Nachwuchsmangel, Bedeutungsverlust.
«Natürlich kann man das Kloster als Symbol lesen», sagt Jacobi. «Aber es ging mir nicht um eine Abrechnung mit der Kirche.» Ihn faszinieren Klöster an sich – als abgeschlossene Lebensräume mit eigener Ordnung. «Fast wie frühe Kommunen. Orte, an denen Menschen versuchen, im Einklang miteinander zu leben.» Dass solche Orte verschwinden, empfindet er als Verlust – nicht nur für die Kirche, sondern für die Gesellschaft insgesamt.
Ob er selbst in einem Kloster leben könnte? «Schon», sagt er. Nicht als Mönch, aber als jemand, der die Stille, den Rhythmus, die Konzentration sucht. «Das Klosterleben hat etwas Radikales. Es geht ums Wesentliche. Darin liegt eine grosse Schönheit.»
Glauben ist Wandel
Und wie steht es mit seinem Glauben? Jacobi überlegt. «Ich würde mich nicht als klassisch gläubig bezeichnen. Aber der Gedanke, dass es mehr gibt als das, was wir sehen, der begleitet mich.» Gerade in Krisenmomenten sei das spürbar. Vielleicht sei Glaube ja genau das: «Kein fester Zustand, sondern etwas, das sich wandelt.»
Dass er als Reformierter den katholischen Medienpreis erhielt, sieht er mit einem Lächeln. «Klar war ich überrascht – und sehr dankbar. Es war schön, dass der Text so eine Resonanz hatte.» Viel Arbeit sei hineingeflossen, auch Zeit, die man sich im Lokaljournalismus nicht immer nehmen könne. «Aber ich mag die kleinen Geschichten. Die, bei denen man ein zweites Mal hinschauen muss.»
Der Preis sei für ihn eine Bestätigung, dass sein Ansatz funktioniert: mit Ruhe, Respekt und einem wachen Blick auch komplexe religiöse Themen zugänglich zu machen. Religion, sagt Jacobi, sei kein Nischenthema. «Sie erzählt viel über unsere Gesellschaft – über ihre Geschichte, ihre Brüche, ihre Sehnsüchte.» Gerade deshalb sei es wichtig, dass sich auch säkular geprägte Journalist:innen mit Glaubensfragen beschäftigen. «Man muss ja nicht alles teilen, was man beschreibt. Aber man sollte verstehen wollen.»
Kirche neu denken
Und wie lässt sich die Kluft zwischen Kirche und junger Generation überbrücken? «Das ist schwierig», sagt er. «Es braucht Räume, in denen junge Menschen sich angenommen fühlen – ohne Druck, ohne moralischen Zeigefinger.» Initiativen, in denen Kirche neu gedacht wird: als Ort des Dialogs, nicht nur der Verkündung. «Ich glaube nicht, dass man den Bedeutungsverlust aufhalten kann, indem man an alten Formen festhält. Aber man kann neue Formen zulassen. Und vielleicht überraschen sie uns.»
Sein eigenes Verhältnis zur Kirche bleibt ambivalent – und genau darin liegt vielleicht die Stärke seiner Texte. Jacobi schreibt nicht aus Überzeugung, sondern aus Neugier. Nicht aus Gewissheit, sondern aus der Bereitschaft zu fragen. Und das ist, gerade in religiösen Themen, vielleicht die ehrlichste Haltung überhaupt