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Aufstehen im 17. Jahrhundert. Ein Gemälde von Pieter de Hooch, um 1650. Bild:wikicommons

«Im Mittelalter galt die Wachheit als fromme Alternative zum wilden, düsteren Schlaf»

Christoph Ribbat ist aufgestanden, um ein Buch über das Aufwachen zu schreiben. Wir haben ihm, mehr oder weniger ausgeschlafen, ein paar Fragen gestellt.

Text und Interview: Aurel Jörg

Christoph Ribbat legt mit «In den Tag» (Insel Verlag 2026) ein Buch vor, das leichtfüssig und verspielt geschrieben ist und dabei doch klug und kenntnisreich bleibt. Diese Studie des Morgens ist keine trockene Kulturgeschichte, sondern ein assoziativer Ritt durch die Kulturgeschichte des Aufwachens: mal essayistisch, mal anekdotisch – aus der einen Anekdote ergibt sich eine andere. Dies ist anregend und amüsant zugleich. 

Ribbat verfolgt die Rituale, Techniken und Zumutungen des Erwachens durch die Jahrhunderte und zeigt, dass der Beginn des Tages nie bloss biologischer Vorgang war, sondern immer eine soziale Kulturtechnik. So schreibt er über die Wecker der mittelalterlichen Klöster, in denen Glocken und Gebetsordnungen den Schlaf strukturierten, bis zum aufwendigen Prozedere des Aufstehens des Sonnenkönigs, das den Morgen in ein höfisches Schauspiel verwandelt. 

Überzeugend ist, wie Ribbat aus scheinbar nebensächlichen Details grössere Zusammenhänge erhellt. Das Aufwachen erscheint als Schwelle, die einiges über unsere Gesellschaft aussagt. Wer darf lange schlafen? Wer muss früh heraus? Wer wird geweckt, und von wem oder was? 


«pfarrblatt»: Sie interessieren sich fürs Aufwachen. Was macht diesen Moment so besonders? 

Christoph Ribbat: Das Aufwachen ist ein Wendepunkt, der jeden Morgen aufs Neue geschieht. Während des Schlafs ist eine Person nur sie selbst. Sie ruht und träumt ganz für sich. Mit dem Aufwachen und dem Aufstehen wird sie dann zu einem gesellschaftlichen Wesen: fängt an zu kommunizieren, sich auf den Tag vorzubereiten, sich um andere zu kümmern. Diese Spannung zwischen Intimität und sozialem Wirken hat mich besonders interessiert. 

Meist beginnt dieses soziale Wirken mit mehr oder weniger nervenden Weckern. Sie schreiben, dass die Vorläufer heutiger Wecker im Kloster ihren Ursprung haben. Wie kam es dazu?  

Ribbat: Das geht ins Mittelalter zurück. Die allermeisten Menschen wachten damals vom Hahn auf, von Kühen, von Kindern, vom Tageslicht, richteten sich also nur nach den Rhythmen der Natur. In den Klöstern aber war man auf eine abstrakte Uhrzeit angewiesen: Für das erste Gebet musste man sehr früh aufstehen. Es gab zwar schon seit der Antike Sanduhren und Wasseruhren. Die waren aber unzuverlässig. Also wurde in den Klöstern getüftelt und gebastelt, bis man um 1300 herum die mechanische Uhr entwickelte und gleichzeitig eine Weckfunktion: ein Hämmerchen, das immer wieder gegen eine Glocke schlug und den Menschen so aus den Träumen riss.
 


Warum hat die Religion so ein missgünstiges Verhältnis zum Schlaf? 

Ribbat: Organisierte Religion basiert ja auf zusammen erlebten Ritualen. Dazu ist der Schlaf definitiv ein Gegenstück. Beten kann man als Schlafender auch nicht, stattdessen träumt man oft wirres Zeug, das eher nicht zu religiösen Lehrmeinungen passt. Es zieht sich also eine Tradition von den diszipliniert betenden Mönchen des Mittelalters, für die Wachheit die fromme Alternative zum wilden, düsteren Schlaf war, zu pflichtbewussten Protestanten wie Benjamin Franklin. Franklin propagierte im 18. Jahrhundert mit dem Bonmot – «Early to bed and early to rise makes a man healthy, wealthy and wise» – das frühe Aufstehen als Weg zum persönlichen Erfolg. 

Ist es übertrieben zu sagen, dass das Osterfest das kulturgeschichtlich bedeutendste Aufwachen ist? 

Ribbat: Das kommt sicher auf die kulturelle Perspektive an, von der aus man spricht. Die Ostergeschichte ist eine von vielen Erzählungen auf dieser Welt, die aus dem täglichen Erwachen etwas Grösseres machen. Das muslimische Morgengebet wäre ein anderes, täglich stattfindendes Beispiel. 

Im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts sprachen die Menschen von Glockenfolter. Was meinten sie damit? 

Ribbat: Hierzu kann ich Alain Corbins Untersuchung Die Sprache der Glocken sehr empfehlen: Es zeigt, wie Kirchenglocken einst in Frankreich den Tag und die Rhythmen der Gemeinschaft strukturierten und wie um 1900 eine neue Mentalität entstand: Der Mensch verstand sich als freies, unabhängiges Individuum und kämpfte daher gegen Glockenklang früh am Morgen. Überall in Frankreich gab es dann Bürgerinitiativen und Gerichtsprozesse um zu lautes und zu frühes Kirchengeläut. Man kann von aufdringlichen Kirchenglocken halten, was man will, aber die damalige Bewegung gegen «Glockenfolter» ist auch ein Zeichen für die zunehmende Vereinzelung des Menschen. 

Einst war es Zeichen von Wohlstand, auszuschlafen, «liegen zu bleiben». Was für einen Bezug haben wir heute - im Zeitalter der Langlebigkeit - zum Schlaf? 

Ribbat: Es scheint mir schon, als folgten wir der Ideologie, dass das frühe Aufwachen und Aktivwerden etwas Tugendhaftes hat. Manche stehen aus religiösen Gründen zeitig auf, andere, weil sie bestimmten Techniken der Selbstoptimierung folgen, die ihnen auf Social Media empfohlen wurden. Es ist seltsam: Einerseits sehnt sich unsere Gesellschaft nach dem Schlaf, was man an der Vielzahl von Schlafratgebern und Schlafmitteln sieht. Wir wollen ihn also unbedingt. Andererseits kürzen wir ihn ab: Er muss genau in einen vorgegebenen Lebensrhythmus passen. Das ist paradox. 

Wie gehen Sie eigentlich zu Bett? 

Ribbat: Ich bin kein besonders talentierter Schläfer und das ist durch die Arbeit an diesem Buch nicht besser geworden. Zu viel drüber Nachdenken ist nicht gut, wenn es ums Einschlafen, Schlafen, Aufwachen geht. Hätte ich auch vorher draufkommen können. So viel Spass mir dieses Buch also gemacht hat: Ich freue mich darauf, das Bett und das Schreiben wieder voneinander zu trennen. 

 

Christoph Ribbat ist 1968 geboren. Er studierte Englisch und Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Heute lehrt er am Institut für Anglistik/Amerikanistik der Universität Paderborn. Sein Buch «Im Restaurant» stand auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse und wurde in vierzehn Sprachen übersetzt.