Das System der Brailleschrift könne durchaus als genial bezeichnet werden, heisst es auf der Website des Schweizerischen Blindenverbands (SBV). Die Schrift funktioniert durchgängig binär wie ein Computer und kann mit nur sechs Punkten, in zwei senkrechten Reihen angeordnet, 64 verschiedene Zeichen darstellen. Sie gilt weltweit als Standardschrift für Blinde. Durch ihren logischen Aufbau funktioniert sie in allen verschrifteten Sprachen, mit einigen Anpassungen sogar in Chinesisch oder Arabisch, also in Sprachen ohne lateinische Schriftzeichen.
Louis Braille war selbst blind
Ihr Erfinder, Louis Braille, kam 1809 als Sohn eines Sattlers in Coupvray, einem Dorf östlich von Paris, zur Welt. Als Dreijähriger verletzte er sich in der väterlichen Werkstatt das Auge mit einer Ahle, einem Werkzeug mit Metallspitze. Trotz sofortiger Behandlung entzündete sich zuerst das betroffene und bald auch das andere Auge. Mit fünf Jahren war Louis vollständig erblindet.
Lange Zeit hatte man Blinde für bildungsunfähig gehalten. Die Idee, ihnen Zugang zu Schriften und Bildung zu ermöglichen, entstand mit der Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts. Der Sohn eines Webers, Valentin Haüy, gründete 1784 mit der «Institution Royale des Jeunes Aveugles», dem «Königlichen Institut für junge Blinde», in Paris die erste Schule für Blinde. Den Entschluss dazu fasste er, nachdem er mitangesehen hatte, wie ein belustigtes Publikum an einem Strassenfest einer Gruppe blinder Menschen Narrenkappen aufsetzte und sie zwang, ungelernt auf Musikinstrumenten zu spielen.
Eine «Nachtschrift» für Soldaten diente Braille als Inspiration
Als Braille 1819 in das Institut eintrat, lernten die Schüler:innen dort noch, Druckbuchstaben zu entziffern, die in dickes Papier geprägt waren. Die Buchstaben waren schwer zu lesen, und die Bücher in Prägedruck brauchten viel Platz.
Eine entscheidende Neuerung brachte die Idee von Charles Barbier. Der Offizier hatte eine «Nachtschrift» für das Militär entwickelt. Mittels eines komplizierten Systems von gestanzten Punkten sollten Soldaten damit ohne Laut und Licht Botschaften übermitteln können. Weil das Militär kein Interesse an der Erfindung hatte, stellte Barbier seine Nachtschrift im Blindeninstitut vor.
Braille begann sofort damit, Barbiers Punktschrift zu vereinfachen und zu optimieren. Im Jahr 1825, im Alter von 16 Jahren, stellte er schliesslich sein System vor, das bis heute unverändert geblieben ist. Drei Jahre später entwickelte er zusätzlich eine Musikschrift.
Die Genialität der Punktschrift wurde zunächst nicht erkannt, am Blindeninstitut war sie für etliche Jahre verboten. Erst 1879 gelang ihr schliesslich der Durchbruch, die Brailleschrift wurde zur weltweiten Schrift für Blinde erklärt. Dies erlebte Braille selbst nicht mehr. Er starb mit 43 Jahren an Tuberkulose. 1952 überführte man seine sterblichen Überreste von Coupvray ins Pariser Panthéon als Anerkennung für seinen unschätzbaren Beitrag zur Bildung blinder Menschen.
Das Ertasten erfordert Geduld und Übung
Die Braillezeichen zu erlernen ist einfach, das Ertasten jedoch eine Kunst. Einer, der diese Erfahrung machen musste, ist Alexander Wyssmann, Heilpädagoge und Lehrer an der Blindenschule Zollikofen.
Wyssmann erblindete in den 1990er-Jahren nach einem Unfall in der Rekrutenschule. Während seines anschliessenden Spitalaufenthalts kam er zum ersten Mal mit der Brailleschrift in Kontakt. Das System habe er schnell verstanden, erzählt er. Lesen konnte er es aber nicht. «Ich habe einfach nichts gespürt», sagt er heute. In den folgenden zweieinhalb Jahren beschäftigten ihn zunächst andere Dinge: Er begann eine Ausbildung, lernte, mit dem Blindenstock unterwegs zu sein und auf der Schreibmaschine zu schreiben.
Elektronische Hilfsmittel gab es zu dieser Zeit nur wenige. Sein erstes Hilfsmittel sei ein Farberkennungsgerät gewesen, erzählt Wyssmann. Die Kosten dafür betrugen 2500 Franken. Bei seiner Ausbildung im Lehrerseminar stand ihm eine Lehrerin vom ambulanten Dienst der Blindenschule Zollikofen zur Seite. Sie schlug vor, die Sommerferien dafür zu nutzen, die Brailleschrift zu lernen. Zu seinem eigenen Erstaunen ertastete Wyssmann die Punkte nun problemlos. «Vermutlich habe ich in den zweieinhalb Jahren meiner Blindheit meinen Tastsinn unbewusst weiterentwickelt», sagt er. Ganz von allein sei das geschehen. Als er nicht mehr sehen konnte, habe er einfach damit begonnen, Dinge abzutasten: Tischkanten, Oberflächen, Nähte an seiner Kleidung.
«Ich sehe einfach anders.»
Ausserhalb seines Berufes als Brailleschrift-Lehrer nutzt Wyssmann die Schrift heute vor allem dann, wenn er unterwegs ist. Die Beschriftungen an Bahnhöfen und in Zügen seien sehr hilfreich, sagt er. Dass er die ersten zwanzig Jahre seines Lebens gesehen hat, sieht Wyssmann als Vorteil. Von vielem hat er eine Vorstellung, die ein blind geborener Mensch nie entwickeln kann: Farben, Horizonte, Lichtverhältnisse sind für ihn ein Begriff. Behindert fühle er sich durch den fehlenden Sinn nicht, sagt Wyssmann. «Ich habe nicht das Gefühl, nicht zu sehen. Ich sehe einfach anders.»
Auf keine Seh-Erfahrung im eigentlichen Sinn kann mein Sohn Lucius zurückgreifen. Er kam blind zur Welt. Inzwischen ist er 22 Jahre alt, ein sonniger Mensch und die Welt ist für ihn bunt und schön. In der Blindenschule Zollikofen hat Lucius die Brailleschrift gelernt. Im Blinden- und Behindertenheim B in der Länggasse gehört er heute zu den wenigen Bewohnenden, die Braille lesen können.
Auch bei ihm brauchte es Zeit und viel Geduld, bis er die Schrift wirklich ertasten konnte. Der autistische Junge war nicht immer motiviert und die Schullektionen endeten nicht selten in Geschrei und Geheul.
Im Blinden- und Behindertenzentrum sind die Büros, die Zimmer der Bewohnenden und die Liftknöpfe mit Braille beschriftet. Hier findet sich Lucius gut zurecht. Bei Wyssmann lernt er Klavier, mit ihm tritt er als «TastenDuo» auf. Zudem hat er ein kleines Engagement im Blindenmuseum in Zollikofen. Während der Öffnungszeiten spielt er nicht nur ab und zu auf dem E-Piano, sondern kontrolliert auch das, was die Besucher:innen in Brailleschrift geschrieben haben auf seine Richtigkeit.
Mit Louis Braille, der sich schon vor über 200 Jahren durch seine Blindheit nicht behindern liess, hätten sich Alexander Wyssmann und Lucius vermutlich gut verstanden.
Mehr erfahren zur Braille-Schrift, zur Entwicklung der Blindenpädagogik und zum Alltag von Sehbehinderten und blinden Menschen können Sie im Schweizerischen Blindenmuseum.
Tag der Menschen mit Behinderung
Am 3. Dezember ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen. Der Tag wurde 1992 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen. Er soll weltweit das gesellschaftliche Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung wachhalten und den Einsatz für ihre Rechte und ihre Teilhabe fördern. Das Thema des diesjährigen Aktionstages lautet «Förderung inklusiver Gesellschaften für sozialen Fortschritt».