«pfarrblatt»: Im «Café Theo» in Herzogenbuchsee sprechen Sie bald über «Medien im KI-Zeitalter». Warum haben Sie dieses Thema gewählt?
Franz Fischlin: Weil es aktueller kaum sein könnte. Künstliche Intelligenz (KI) kann heute Texte, Bilder und Videos erzeugen, die täuschend echt wirken. Für viele Menschen wird es immer schwieriger, zu erkennen, was real ist – und was nur so aussieht.
Diese Entwicklung betrifft nicht nur Social Media, sondern auch klassische Medien. Selbst Profis müssen genauer hinschauen. Die Qualität der Fälschungen ist hoch, die technischen Möglichkeiten entwickeln sich rasant. Deshalb ist jetzt der richtige Moment, darüber zu sprechen – offen, sachlich und ohne Angstmacherei.
Über welche Schwerpunkte werden Sie im Vortrag sprechen?
Desinformation ist kein neues Phänomen. Manipulation gab es schon lange vor der KI. Neu ist jedoch die Geschwindigkeit und die Masse. KI ermöglicht es, in kürzester Zeit grosse Mengen an Inhalten zu produzieren. Das verändert den öffentlichen Diskurs. Mein Vortrag zeigt, wie Journalismus darauf reagieren kann – und reagieren muss.
Was bedeutet «Wahrheit» im KI-Zeitalter – und warum steht sie besonders unter Druck?
Journalismus ist immer eine Annäherung an die Realität. Wir sammeln Fakten, prüfen Quellen, ordnen ein. Die Suche nach Wahrheit ist aufwendig, braucht Fachleute und kostet Geld. Parallel sind immer weniger Menschen bereit, für Journalismus zu bezahlen. Da beisst sich die Katze in den Schwanz. Hinzu kommt: Aufmerksamkeit ist zur wichtigsten Währung geworden. Wer zuerst publiziert, gewinnt Reichweite. Doch Schnelligkeit darf nicht wichtiger sein als Sorgfalt.
Ist es heute einfacher oder schwieriger geworden, Fälschungen zu erkennen?
Die Sensibilität des Publikums ist gewachsen. Viele Menschen wissen, dass es Manipulation gibt. Gleichzeitig sind die technischen Möglichkeiten, Inhalte zu manipulieren, besser geworden. KIBilder oder -Videos sind teilweise kaum noch vom Original zu unterscheiden. Gerade deshalb zeigt sich, warum professioneller Journalismus unverzichtbar ist – nicht als moralische Instanz, sondern als prüfende, einordnende Kraft. Zusätzlich ist es wichtig, Jugendliche früh einzubeziehen und zum kritischen Denken zu bewegen.
Wie können Medien Vertrauen bewahren, wenn man nicht mehr sicher weiss, was echt ist?
Vertrauen entsteht durch Transparenz und Sorgfalt. Medien müssen offenlegen, wie sie arbeiten. Wenn Inhalte KI-gestützt entstehen, muss das klar deklariert werden. Dies hier ist ein Beitrag, der von einem Menschen gemacht wurde, das da hat eine Maschine hergestellt. Und: Es braucht Mut zur Entschleunigung. Nicht jede Meldung muss sofort veröffentlicht werden. Manchmal ist es besser, eine Stunde später zu berichten – dafür überprüft. Glaubwürdigkeit entsteht langfristig.
Welche Verantwortung haben Journalist:innen – gerade unter Spar- und Zeitdruck?
Der Druck ist real. Redaktionen sind kleiner, der Takt schneller. Natürlich ist die Versuchung gross, KI-Tools zu nutzen, um Zeit zu sparen. KI kann hilfreich sein – etwa bei der Strukturierung von Informationen oder bei der Auswertung grosser Datenmengen, dem Erstellen von Grafiken. Aber sie ersetzt nie das journalistische Urteil. Am Ende trägt immer ein Mensch die Verantwortung für das, was publiziert wird.
Welche Chancen bietet KI für kirchliche Medienarbeit – und wo braucht es klare Grenzen?
Auch kirchliche Medien können von KI profitieren, zum Beispiel bei organisatorischen Aufgaben oder als Unterstützung bei Zusammenfassungen. Die Grenze liegt dort, wo Authentizität verloren geht. Kirche lebt vom persönlichen Wort, vom echten Dialog, vom Gegenüber. Wenn Predigten, Stellungnahmen oder seelsorgerliche Texte von Maschinen erstellt würden, ginge etwas Wesentliches verloren. Transparenz ist auch hier zentral.
Besteht die Gefahr, dass KI religiöse Inhalte verzerrt oder missbraucht?
Ja. KI kann Emotionen verstärken und extreme Positionen sichtbarer machen. Algorithmen tendieren dazu, Inhalte zu zeigen, die bestehende Meinungen bestätigen. Das kann zu Echokammern führen, in denen man nur noch Gleichgesinnte hört. Gerade im religiösen oder weltanschaulichen Bereich kann das problematisch werden. Der persönliche Dialog bleibt deshalb unverzichtbar.
Wie können wir im Alltag lernen, Informationen besser zu prüfen?
Eine gesunde, kritische Haltung ist entscheidend. Nicht alles glauben – aber auch nicht alles reflexartig verwerfen. Wichtige Fragen sind: Wer ist die Quelle? Ist sie nachvollziehbar? Wird etwas von mehreren unabhängigen Stellen bestätigt? Diese Fragen lassen sich im Alltag einüben.
Welche Rolle können Pfarrgemeinden spielen, um Medienkompetenz zu stärken?
Pfarrgemeinden können Orte des Austauschs sein, Räume, in denen man über Medien, Zweifel und Unsicherheiten spricht. Medienkompetenz entsteht im Gespräch. Wenn jemand sich stark isoliert oder nur noch bestimmte Inhalte konsumiert, braucht es Menschen, die nachfragen: Was beschäftigt dich? Woher hast du diese Information? Nicht verurteilen, sondern zuhören. Gerade in einer demokratischen Gesellschaft ist diese Offenheit entscheidend.
Was gibt Ihnen persönlich Hoffnung, dass Wahrheit auch im digitalen Zeitalter Bestand hat?
Die Suche nach Wahrheit ist ein Urbedürfnis des Menschen. Wir wollen verstehen, wir wollen wissen, was real ist. Dieses Bedürfnis verschwindet nicht mit neuer Technologie. Im Gegenteil: Es verstärkt das Bedürfnis noch. Solange Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sorgfältig zu prüfen und miteinander im Gespräch zu bleiben, hat Wahrheit Zukunft – auch im KI-Zeitalter.
Zur Person
Franz Fischlin (63) ist Co-Founder und Gesamtleiter von YouMedia, einem gemeinnützigen Verein zur Förderung der Medienkompetenz von Jugendlichen. Er war von 2004 bis 2022 Reporter und Moderator der SRF-Tagesschau und moderierte den «Medienclub». 2025 lancierte er den «YouMedia Award», zudem ist er Jury-Präsident vom «Medienpreis für Qualitätsjournalismus».
Vortrag im «Café Théo» am 7. März von 09.30 bis 12.00 im Dachstock Restaurant Kreuz in Herzogenbuchsee