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Probleme wählen

Aki-Kolumne von Benjamin Svacha

Haben Sie sich schon einmal für ein bestimmtes Problem in Ihrem Leben entschieden? Klingt ungewöhnlich – aber während der Fastenzeit versuche ich, genau dies einzuüben. Denn meistens treffen wir Entscheidungen, indem wir uns auf etwas Positives, Hoffnungsvolles fokussieren. Stellen wir uns folgendes Beispiel vor: Eine junge Frau hat etwas Geld gespart. Nun muss sie eine Entscheidung treffen – soll sie jetzt, mit etwas finanzieller Sicherheit, ihr Studium in Angriff nehmen? Oder doch lieber eine grosse Reise unternehmen?

In ihren Gedanken malt sie sich aus, wie es wohl wäre: Sonnenuntergänge in Kolumbien am Meer, ein Glas Wein in der Hand – wie schön! Das Studium daneben klingt eher bürgerlich, langweilig. Der Fall ist klar: Vamos a la playa!

Später, wenn diese Entscheidung mehr und mehr zur Realität wird, ergeben sich die Probleme von selbst. Vielleicht ist Kolumbien viel teurer ist als budgetiert, was dazu führt, dass die junge Frau in günstigen ­Hotels übernachten muss. Die Zimmer sind heiss, die Toiletten schmutzig, das Quartier wirkt unsicher. Und für sowas gibt sie ihr ganzes Geld aus, das sie doch eigentlich für ihr Studium brauchen könnte!

Vermutlich haben wir alle dieses Gefühl der Ernüchterung schon erlebt und uns dabei gefragt, ob etwas wirklich eine gute Entscheidung war. Vielleicht hadern wir, überlegen uns, wie wir den Schaden in Grenzen halten können – und zum Schluss stellen wir fest, dass sich etwas ändern muss. Eine neue Entscheidung steht an, das Spiel beginnt von vorne: Wir malen uns in Gedanken verschiedene Optionen aus und entscheiden uns für die beste davon.

Deshalb meine Idee für die ­Fastenzeit: Vielleicht werden gute Entscheidungen anders­herum getroffen, indem wir ­unseren Blick auf die möglichen Schwierigkeiten legen? Die meisten von uns haben Freude an einem Sonnenuntergang am Strand. Aber wer ist bereit, auch das Risiko von heissen ­Hotelnächten und schmutzigen ­Toiletten in Kauf zu nehmen?

Je grösser die Entscheidung ist, die wir zu treffen haben, umso gewichtiger wird diese Frage. Nehmen wir an, die junge Frau plant, nach ihrer Reise ein Medizinstudium zu absolvieren und Ärztin zu werden. Ein sinnvoller sozialer Beruf, hohes gesellschaftliches Ansehen, Jobsicherheit und guter Lohn. Super!

Aber eine Ausbildung, die mehr als zehn Jahre dauert? An den schönsten Sommertagen in der Bibliothek lernen, wenn andere in der Aare schwimmen? Immer wieder 50-Stunden-Wochen? Wenn wir uns für diese Probleme mitentscheiden, wird die Entscheidung tragfähig, und es zeigt sich, wofür wir auch tatsächlich zu «leiden» bereit sind. Soweit zumindest die Theorie – ob und wie gut es mir im Alltag gelingen wird, bei Entscheidungen den Aspekt auf die Schwierigkeiten zu legen, wird diese Fastenzeit zeigen.

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