«pfarrblatt»: Sie haben sich intensiv mit Johnny Cash, Leonard Cohen, Bob Dylan oder Udo Lindenberg beschäftigt. Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt: Diese Musiker erzählen eigentlich von denselben Fragen wie die Bibel?
Uwe Birnstein: Bei einer Jugendfreizeit hörte ich zum ersten Mal Leonard Cohens «Suzanne». Mich faszinierte nicht nur die Melodie, sondern auch der Text. Cohen beschreibt darin Jesus als jemanden, der übers Wasser geht – ein biblisches Motiv, das er poetisch neu deutet. Er besingt Jesus nicht nur als göttlichen Retter, sondern als leidenden, einsamen Menschen, der den «Ertrinkenden» nahe ist und ihnen Hoffnung gibt. Da wurde mir bewusst, wie Popmusik biblische Geschichten weitererzählen kann.
Haben Sie deshalb einmal gesagt, dass diese Künstler:innen manchmal sogar «Mit-Verkündiger» sind? Das klingt für manche Theolog:innen fast provokant.
Birnstein: Vielleicht, aber ich meine es ernst. Musiker:innen erzählen biblische Geschichten oft fantasievoller weiter als wir Theolog:innen. Sie zeigen, dass die Bibel voller Erfahrungen von Liebe, Scheitern, Hoffnung und Neuanfang steckt. Sie übertragen diese Geschichten auf ihr eigenes Leben. Gerade das fasziniert mich. Wenn Bob Dylan in «Highway 61 Revisited» die Geschichte Abrahams aufgreift und sie auf seinen eigenen Aufbruch aus dem Elternhaus bezieht, dann ist das keine Kopie der Bibel, sondern eine persönliche Weitererzählung. Die Musiker pusten den Staub von der Bibel. Sie zeigen, dass die biblischen Geschichten keine Museumsstücke sind, sondern bis heute etwas mit unserem Leben zu tun haben.
Kann man nicht letztlich alles Mögliche in Popsongs hineinlesen und sie für die eigene Sichtweise vereinnahmen?
Birnstein: Diese Gefahr besteht. Deshalb schaue ich genau hin, welche biblischen Bilder oder Zitate tatsächlich vorkommen und ob meine Deutung nachvollziehbar ist. Vor der Veröffentlichung meines Buches über Udo Lindenberg durfte er das Manuskript lesen. Er fühlte sich gut verstanden – das war mir wichtig. Ich möchte niemanden vereinnahmen, sondern herausarbeiten, was in den Liedern tatsächlich angelegt ist. Missbrauchen kann man allerdings alles – auch Songs. «Born in the U.S.A.» von Bruce Springsteen oder Leonard Cohens «Hallelujah» wurden politisch vereinnahmt. Das sagt aber mehr über die Nutzer:innen aus als über die Lieder.
Sie schreiben: «Der Geist weht, wo er will – auch in der Rockmusik.» Glauben Sie, dass Popmusik ein Ort spiritueller Erfahrung sein kann?
Birnstein: Davon bin ich überzeugt. Der Geist lässt sich nicht auf Kirchen begrenzen. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass wir ihn dort eher bremsen, indem wir den Glauben auf Moral oder einzelne ethische Fragen verengen. Eigentlich geht es darum, den Glauben selbst zu entdecken und eine eigene Sprache dafür zu finden. Viele Songs helfen Menschen dabei.
Ihrer Meinung nach waren viele Bibeltexte eigentlich die Popsongs ihrer Zeit. Würde Jesus heute vielleicht Songs schreiben, statt Gleichnisse erzählen?
Birnstein: Ob Jesus Songwriter geworden wäre, weiss ich nicht. Aber er war ein grossartiger Geschichtenerzähler. Gute Songs tun etwas Ähnliches: Sie erzählen Geschichten, die Menschen unmittelbar berühren. Musik erreicht dabei oft Ebenen, die Worten allein verschlossen bleiben.
Wo endet für Sie die kreative Auslegung und wo beginnt die Verfälschung einer biblischen Geschichte?
Birnstein: Ein eindeutiges Beispiel fällt mir gar nicht ein. Oft werden eher die Songs missverstanden. Die Rolling Stones wurden wegen «Sympathy for the Devil» als satanisch abgestempelt. Dabei erzählt das Lied von der dunklen Seite des Menschen. Rockmusik stellt Normen infrage, verabschiedet sich aber nicht von Werten – sie formuliert sie nur anders.
Welche Künstler:in oder welcher Song hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?
Birnstein: Taylor Swift. Ich hatte sie lange unterschätzt und selbst Vorurteile übernommen. Erst beim genauen Hinhören bemerkte ich, wie selbstverständlich sie Motive aus ihrer christlichen Prägung mit Erfahrungen von Liebe, Enttäuschung oder Scheitern verbindet – ganz ohne erhobenen Zeigefinger oder missionarischen Ton. Gerade diese Freiheit beeindruckt mich. Seither schätze ich ihre Texte noch mehr.
Wollen Sie mit Ihren Büchern auch wieder Lust auf die Bibel machen?
Birnstein: Das wäre schön. Ich möchte niemanden bekehren, sondern zeigen, wie lebendig diese Geschichten sind. Bei meinen Konzertlesungen erlebe ich oft, dass Menschen über Songs plötzlich einen Zugang zu biblischen Themen finden, den sie in der klassischen kirchlichen Vermittlung vermisst haben. Ich wünsche mir, dass sie dadurch den Mut bekommen, die Bibel wieder mit eigenen Fragen zu lesen.
Hat sich Ihr eigener Glaube durch diese Songs verändert?
Birnstein: Nicht nur verändert – er wurde durch sie geprägt. Ich hatte als Jugendlicher einen grossartigen Pfarrer, bei dem ich jede Frage stellen durfte. Gleichzeitig hörte ich Rock- und Popmusik. Diese beiden Welten gehörten für mich von Anfang an zusammen. Vielleicht kann ich heute sogar mehr Songtexte als Bibelverse auswendig. Als ich später erfuhr, dass Bob Dylan «Blowin' in the Wind» mit einer aufgeschlagenen Bibel schrieb, bestätigte mich das in meinem Eindruck: Popmusik und Glaube greifen viel stärker ineinander, als viele denken.
Welchen Song würden Sie jemandem empfehlen, der seit Jahren keine Bibel mehr aufgeschlagen hat?
Birnstein: «I Still Haven't Found What I'm Looking For» von U2. Der Song steckt voller biblischer Bilder und erzählt gleichzeitig von einer Sehnsucht, die nie ganz endet. Genau das gefällt mir. Glaube ist kein Zustand, sondern ein Weg. Die Bibel begleitet uns dabei ein Leben lang und erzählt uns in jeder Lebensphase etwas Neues. Wirklich angekommen ist niemand – gerade deshalb lohnt es sich, weiterzusuchen.
In den USA gehören Gospel und biblische Bezüge viel selbstverständlicher zur Popkultur als bei uns. Erleben Sie dort einen anderen Umgang mit Glauben?
Birnstein: Ja. Im deutschsprachigen Raum sprechen viele Menschen lieber über Sex als über ihren Glauben. Da steckt oft eine grosse Unsicherheit dahinter. Viele trauen sich gar nicht mehr, ihren Glauben in eigenen Worten auszudrücken, oder haben Angst, nicht «richtig» zu glauben. Das ist schade. In den USA ist Spiritualität viel stärker Teil der Musikkultur. Das ist nicht automatisch besser – auch dort gibt es problematische Entwicklungen. Aber religiöse Themen finden dort viel selbstverständlicher ihren Platz in der Popmusik.
Zur Person
Uwe Birnstein (*1962) ist evangelischer Theologe, Journalist und Buchautor. In seinen Publikationen und Konzertlesungen verbindet er Popmusik mit biblischen Themen. Zuletzt veröffentlichte er die Reihe «Hits from Heaven» (Verlag Neue Stadt 2022-2025) sowie mit Volker Eichener «Highway to Heaven» (Droemer Knaur 2024, 224 Seiten).