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Wurde Papst Leo (r.) bewusst als Gegenspieler zu Donald Trump (l.) gewählt? Fotos: Daniel Torok, Wikimedia Commons

«Papst Leo ist einer der wichtigsten Gegner Trumps»

Donald Trump inszeniert sich als Erlöser. Papst Leo schiebt dieser Politisierung der Religion einen Riegel vor. Für den US-Präsidenten könnte das gefährlich werden, sagt Kirchenhistoriker Wilhelm Damberg.

 

In den letzten Wochen warf ein Schlagabtausch zwischen Papst Leo XIV. und US-Präsident Donald Trump medial hohe Wellen. Leo verurteilte die Haltung Trumps im Iran-Krieg als «wahrlich inakzeptabel», Trump bezeichnete den Papst daraufhin als «schwach» gegenüber Kriminalität und eine «Katastrophe» in der Aussenpolitik. Leo antwortete, er fürchte weder die Trump-Regierung noch das offene Aussprechen der Botschaft des Evangeliums. Ein Gespräch mit Wilhelm Damberg*, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Bochum und USA-Kenner.

«pfarrblatt»: Im Zuge des Konflikts mit Papst Leo postete Trump ein KI-Bild, das ihn selbst als Erlöser zeigt. Wie ist das einzuordnen?

Wilhelm Damberg: Das war die Zuspitzung einer Entwicklung, die sich in den letzten Jahren aufgebaut hat, nämlich im Führerkult in der Maga-Bewegung («Make America great again», d. Red.). Als sich US-Kriegsminister Pete Hegseth in den letzten Monaten als Kreuzritter inszenierte und mit improvisierten Psalmen-Rezitationen zum Kriegsgeschehen vor die Presse trat, mussten in Rom die Alarmglocken klingeln. Denn hier lud sich die Politik ein religiöses Gepränge auf, um ihren Führungsanspruch zu unterstreichen und auf das religiöse Feld zu erweitern. Das ist schwerster Missbrauch des Evangeliums oder gar «Gotteslästerung». Es führt dazu, dass der Führer am Ende selber Gott ist, wie es auch dieses Bild ausgedrückt hat. 

Steht dieses Bild für eine neue Dimension religiöser Selbstüberhöhung?

Wilhelm Damberg: Absolut. Trump ist ja auch zurückgerudert, hat das Bild gelöscht und ein anderes gepostet, auf dem Jesus ihn in den Arm nimmt. Das erste Bild war offenbar eine Art Weckruf für viele Leute, vor allem für die so genannten Wechselwähler:innen. Also jene, die bei der vorletzten Wahl noch Demokrat:innen und nun Republikaner:innen gewählt und Trump damit zum Sieg verholfen haben. Die schrecken jetzt zurück und sagen: «So haben wir uns das nicht vorgestellt.»

Was bedeutet das für die nächsten Präsidentschaftswahlen?

Wilhelm Damberg: Die Katholik:innen waren lange ein relativ sicherer Wert für die demokratische Partei. Bei der letzten Wahl haben jedoch ungefähr 60 Prozent aller Katholik:innen den Republikaner Trump gewählt. Die Katholik:innen sind durch die Einwanderung aus Lateinamerika eine relativ grosse Gruppe. Diese wählen Trump unter anderem, weil er traditionelle Familienwerte vertritt. Aber sie identifizieren sich traditionell auch mit der katholischen Kirche. Daher kann es für Trumps Wiederwahl gefährlich werden, wenn es nun einen Gegendruck von Seiten des Papstes und der Kardinäle gibt, die Leo bereits entschieden unterstützt haben.  Wenn ihm im Mittelfeld 10 Prozent der Katholik:innen fehlen, hat er verloren. 

Ist der Papst für amerikanische Katholik:innen eine Autorität? 

Wilhelm Damberg: Katholik:innen sind in den USA in der Regel «hierarchiefixierter» als in Europa. Das Wort des Pfarrers hat bei ihnen Gewicht, auch das des Papstes. Hinzu kommt der gesellschaftliche Kontext: Das Benzin wird teurer, die Menschen wollen den Krieg mit dem Iran nicht. Wenn in so einer Situation der Papst den US-Präsidenten kritisiert, dann fragen sich viele Katholik:innen in den USA erst recht, ob Trump noch zurechnungsfähig ist, wenn er sich plötzlich als Jesus darstellt. Dieser Punkt löst auch bei Protestant:innen Befremden aus. 

Wie sieht die katholische Kirche in den USA aktuell aus?

Wilhelm Damberg: Es gibt einen mächtigen Flügel an Bischöfen, die von Benedikt XVI. und Johannes Paul II. eingesetzt wurden und die mit Franziskus nichts anfangen konnten. Der alte liberale Flügel verlor an Einfluss. Viele Katholik:innen näherten sich den evangelikal-fundamentalistischen Gruppen an, ihre Bischöfe gingen auf deren politische Agenda ein: Abtreibung, Gleichberechtigung und Diversität sehen sie kritisch. Der Mainstream der US-Katholik:innen ist heute katholisch-konservativ und gleichzeitig politisch-konservativ. 

In welche Richtung entwickelt sich dies Ihrer Meinung nach? 

Wilhelm Damberg: In Richtung der von Trump initiierten Maga-Bewegung. Diese bezeichnet sich als «evangelikal», hat aber faktisch immer weniger mit den alten protestantischen Gemeindekirchen zu tun,  sondern mutierte zu einer  neuen politischen «Religion», die durch die Anhängerschaft zu Trump definiert wird. Deshalb gibt es mittlerweile auch katholische oder sogar muslimische Personen, die sich als «evangelikal» bezeichnen. 

Wie deuten Sie die Äusserungen von Papst Leo vor diesem Hintergrund?

Wilhelm Damberg: Ich bin überzeugt, dass der Papst der Politisierung der Religion durch die Trump-Regierung einen Riegel schieben wollte. In den 1980er Jahren führten Päpste und Bischöfe einen Kampf gegen die Theologie der Befreiung mit der Begründung, das sei eine Politisierung der Religion, damals von linker Seite. Im aktuellen Fall geht es um einen Kampf gegen die Politisierung von rechts. Das ist ein durchgängiges Motiv in der Reaktion von Päpsten. Und das ist letztlich der Hintergrund dieses Konflikts. 

Ist es in diesem Konflikt von Bedeutung, dass der Papst selbst Amerikaner ist? 

Wilhelm Damberg: Ich vermute, dass die Kardinäle Robert Prevost bewusst als Gegenpol zu Trump gewählt haben. Natürlich hat Franziskus ihn aufgebaut, aber er wurde wenige Monate nach der Amtseinsetzung Trumps gewählt. Die Kardinäle haben angesichts der Weltsituation realisiert, wie gefährlich ein Machthaber wie Trump werden kann. Sie dürften sich gefragt haben, was für einen Papst es in dieser Situation braucht. Prevost ist ein zurückhaltender, aber sehr kluger Mann. Er beobachtet sehr gut und weiss, was er zu tun hat. 

Der Papst ist auch Oberhaupt eines Staates. Welche Rolle spielt das in diesem Konflikt?

Wilhelm Damberg: Ich glaube, dass Leo XIV. einer der wichtigsten Gegner Trumps ist. Alle europäischen Politiker:innen machen bislang einen Kniefall vor ihm, ausser der Papst. Das zeigt, wie wichtig es in Krisenzeiten sein kann, dass er Oberhaupt eines souveränen Staates ist. 

Wie wird der Konflikt Ihrer Meinung nach weitergehen? Wird es weitere Konfrontationen geben? 

Wilhelm Damberg: Auf nationaler Ebene gibt es in den USA keine funktionierende Opposition mehr. Im Moment sehe ich da tatsächlich nur die katholische Kirche, die ihre Prinzipien, aber gleichzeitig jene der Menschen- und Freiheitsrechte reklamiert. Paradoxerweise wird diese Haltung von einer absolutistisch geführten religiösen Organisation vertreten, denn das ist die katholische Kirche. Ihr kommt aktuell viel Verantwortung zu, natürlich in Verbindung mit den protestantischen Kirchen. Diese haben jedoch keine Stimme, die in vergleichbarer Weise gehört würde. Ich kann nur hoffen, dass Leo dieses Kapital einsetzen wird. Mein Optimismus gründet auf dem Glauben, dass das Gute letztlich siegen wird und dass dieser Konflikt in den USA zu einem politischen Kurswechsel beiträgt. 

Wilhelm Damberg (*1954) ist römisch-katholischer Theologe und war von 2000 bis zu seiner Emeritierung 2019 Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Sein Forschungsschwerpunkt war die Geschichte von Kirche und Katholizismus im 19. Und 20. Jahrhundert in internationaler Perspektive. Von 2003 bis 2013 leitete er das Projekt «CrossingOver», das die Geschichte und Gegenwart des Katholizismus in den USA erforschte.