«pfarrblatt»: Die Kirchen stehen heute vor grossen Herausforderungen. Missbrauchsaufarbeitung, Mitgliederschwund und Personalmangel dominieren die Debatte. Bleibt da noch Zeit für Ökumene?
Lea Schlenker: Der erste Impuls der Kirchen angesichts dieser Probleme ist es häufig, erst einmal zu fragen, wie sie die eigenen Leute erreichen und das eigene Überleben sichern können. Es wird diskutiert, ob man es sich in Zeiten schwindender Ressourcen leisten kann, in die Verbesserung der ökumenischen Zusammenarbeit zu investieren. Ich meine, gerade jetzt sollten sich die Kirchen fragen: Was können wir gemeinsam tun? Wo können wir Ressourcen teilen? Wo können wir gemeinsam verkündigen?
Was hindert die Kirchen daran, das zu tun?
Schlenker: Abgesehen von einer gewissen Nabelschau erschweren die verschiedenen Strukturen und Entscheidungskulturen die Zusammenarbeit. Die einen sagen: «Das entscheidet bei uns der Bischof», die anderen: «Wir müssen das erst in die Synode geben». Die nächsten sagen: «Wir gründen dazu einen Arbeitskreis», und wieder andere: «Das entscheidet bei uns jede:r selbst».
Kann die «Charta Oecumenica» da helfen?
Schlenker: Die Charta versteht sich als gemeinsame Verpflichtung ohne verbindlichen lehramtlichen Charakter. Sie gibt einen Rahmen vor, auf den man sich in der ökumenischen Zusammenarbeit berufen kann. Das heisst, man muss auf regionaler Ebene nicht alles neu aushandeln. Aber man kann das, was da steht, an den eigenen nationalen oder regionalen Kontext anpassen.
Die erste Charta wurde 2001 in Strassburg unterzeichnet und 2005 in der Schweiz ratifiziert. Damals war von einem «Meilenstein europäischer Ökumene» die Rede. Zu Recht?
Schlenker: Ich denke schon. Mit dem Dokument haben sich die Konferenz Europäischer Kirchen und der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen offiziell zur Zusammenarbeit verpflichtet. Es ging um die Frage, was Ökumene zehn Jahre nach Ende des Kalten Krieges bedeutet. Dabei wurden auch Prinzipien aufgenommen, die es schon gab, zum Beispiel das Lund-Prinzip aus dem Jahr 1952. Es besagt, dass die Kirchen nicht begründen müssen, warum sie zusammenarbeiten, sondern dass sie umgekehrt begründen müssen, wenn sie es nicht tun.
Was ist seit der Veröffentlichung der ersten Charta in der Ökumene passiert?
Schlenker: Heute gibt es zum Beispiel die Konfessionen übergreifend gefeierte Schöpfungszeit im September. In einigen Ländern hat das Dokument auch einen Prozess zur wechselseitigen Anerkennung der Taufe angestossen. Und es hat ganz allgemein unser heutiges Verständnis von Ökumene geprägt, die Selbstverständlichkeit, auf verschiedenen Ebenen zusammenzuarbeiten.
Trotzdem brauchte es offenbar eine Revision der ersten Fassung. Warum?
Schlenker: Die Probleme, mit denen die Kirchen heute kämpfen, sind zum Teil andere als früher. Dazu kommen politische Verunsicherungen, Kriege und wirtschaftliche Krisen. In der Arbeitsgruppe dachten wir anfangs, wir werden an der Charta ein paar Kleinigkeiten ändern. Aber dann haben wir gemerkt, das geht nicht, wir müssen vieles grundlegend neu machen.
Nämlich?
Schlenker: Besonders wichtig war für uns, aus einer theologischen Perspektive heraus zu sprechen und die Zusammenarbeit positiv zu begründen: Ökumene beginnt mit dem Hören auf das Wort Gottes. Das ist das Verbindende, deshalb arbeiten wir zusammen. Ausserdem haben wir aktuelle Themen stärker berücksichtigt: Migration, Krieg und Frieden, neue Technologien und die Jugend.
Es geht in der neuen Charta auch um die Beziehung zwischen Gläubigen und Nichtreligiösen.
Schlenker: Das hatte auch die alte Charta im Blick. Aber vor allem das Verhältnis zur säkularen Welt war darin eher defensiv formuliert. Wir haben uns bemüht, eine interessiertere, aufgeschlossenere Position zu vermitteln. Also den anderen mit echter Neugier und Offenheit zu begegnen, nicht nach dem Motto: «Mit denen müssen wir jetzt halt auch noch irgendwie zurechtkommen.»
Was sind die entscheidenden Voraussetzungen für eine gelingende Ökumene?
Schlenker: Ich finde es wichtig, mit Souveränität und Gelassenheit in den Dialog zu treten, nicht mit einer Haltung nach dem Motto: «Entschuldigung, wir sind auch noch da.» Gleichzeitig aber mit dem Bewusstsein, dass wir als Kirchen nicht die Einzigen und schon gar nicht die Mächtigsten sind. Ausserdem ist es wichtig, sich zu fragen: Für wen machen wir das? Handeln wir ökumenisch bloss, um zu überleben? Oder geht es darum, gemeinsam für Europa da zu sein?
Wie unterscheidet sich der europäische vom deutschsprachigen Kontext?
Schlenker: Die konfessionellen Mehrheitsverhältnisse sind anders, und auch die politischen Konstellationen sind überall verschieden. In den skandinavischen Kirchen gab es bis vor Kurzem noch Staatskirchen, in den deutschsprachigen Ländern gibt es eine Kooperation zwischen Staat und Kirche, in Frankreich ist die Situation mit der Laizität noch einmal anders. Dazu kommen Mentalitätsunterschiede: Wie man etwas macht, was einem wichtig ist, wie man ethisch Prioritäten setzt.
Trotz der Vielfalt geht es in der Ökumene immer auch um die Idee der Einheit. Wie sehen Sie das Verhältnis dieser beiden Begriffe?
Schlenker: Im Entwurf für die revidierten Fassung der Charta haben wir die Einheit zuerst sehr stark betont. Daraufhin haben wir viele Rückmeldungen bekommen von Menschen, die sagten: «Wir wollen doch gar nicht alle gleich sein.» Das stimmt natürlich. Wir haben dann den ökumenisch schon sehr bewährten Begriff von der «Einheit in versöhnter Verschiedenheit» stark gemacht. Vielfalt ist zunächst ein Reichtum. Problematisch wird es dann, wenn Unterschiede zur Trennung oder gar zur Spaltung führen, wenn andere theologische Schwerpunkte oder Rituale uns hindern, in der oder dem anderen eine:n Christ:in zu sehen. Solange das nicht passiert, lebt die Einheit sehr gut auch mit Spannungen.
Charta Oecumenica
Die «Charta Oecumenica» ist eine Absichtserklärung der Konferenz Europäischer Kirchen und des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen. Sie gilt als eines der wichtigsten gemeinsamen Dokumente der christlichen Kirchen in Europa. Die erste Fassung wurde im April 2001 in Strassburg unterzeichnet, die aktualisierte Version vergangenen November in Rom. Die Charta versteht sich als «Leitlinie für eine wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa». Sie formuliert Selbstverpflichtungen der Kirchen in Bezug auf die Beziehungen untereinander und gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen sowie hinsichtlich ihrer Mission in der Gesellschaft und der Welt.