Artikel

Viele biblische Geschichten enden offen und fordern die Lesenden zum Mitdenken heraus. Foto: Unsplash

Mitdenken erwünscht

Glaubenssache online: Biblische Geschichten mit offenem Schluss


Das Neue Testament enthält viele Erzählungen mit offenem Schluss. Im Evangelium ist die Geschichte zwar zu Ende – doch beim Lesen oder Hören merkt man: Jetzt geht die Sache eigentlich erst richtig los. Gerade das Ende vieler Geschichten stellt neue Fragen, löst neue Dynamiken aus. Das führt mitten hinein in die Botschaft Jesu. 

Solche anregenden offenen Schluss-Szenen gibt es einerseits in vielen Begegnungen, die Jesus mit Menschen hat – Gespräche, Reden, Heilungen –, aber auch in Gleichnissen, die Jesus selbst erzählt. Unwillkürlich kommt die Frage auf: Wie geht die Geschichte eigentlich weiter? Was macht diese Erfahrung mit den Menschen, von denen erzählt wird? Wie gehen sie weiter in ihrem Leben – in dem Moment, in dem die Erzählung endet, aber auch am nächsten Tag, in der nächsten Woche? 

Oft erzählen die Evangelisten ausdrücklich davon, wie Menschen auf eine Begegnung mit Jesus reagieren. Das ist häufig dramatisch, denn was sie sehen und erleben, wühlt die Menschen auf. Einmal bringen zum Beispiel vier Männer einen gelähmten Menschen zu Jesus. Sie müssen ihn durchs Dach zu Jesus hinunterlassen, weil sie sonst nicht an ihn herankommen. Nachdem Jesus den Menschen geheilt (und ihm seine Sünden vergeben) hat, geraten alle ausser sich. 

Im griechischen Text steht ein Wort, das mit Ekstase zu tun hat (exhístemi). Und sie preisen Gott: «So etwas haben wir noch nie gesehen» (Mk 2,1–12). Die Reaktionen sind jedoch keineswegs immer so positiv. Nach der Brotvermehrung schickt Jesus seine Jüngerinnen und Jünger mit dem Boot voraus auf den See. Er selbst betet selbst noch auf einem Berg am Ufer. Mitten in der Nacht, so erzählt es Markus, kommt er über den See zu ihnen. Nachdem sie ihn schliesslich erkannt haben, sind sie bestürzt und fassungslos. 

Markus verwendet wieder dasselbe Wort (exhístemi), doch dieses Mal löst sich die Szene nicht in Gotteslob auf. Stattdessen schildert der Evangelist die Jünger als uneinsichtig, ja sogar: «Ihr Herz war verstockt» (Mk 6,45-52). In anderen Situationen geht das bis zur Sprachlosigkeit: Als Jesus den Jüngerinnen und Jüngern zum zweiten Mal sein bevorstehendes Leiden ankündigt, «verstanden sie das Wort nicht, fürchteten sich jedoch, ihn zu fragen» (Mk 9,30–32). 

Was geschieht wohl mit den Jüngerinnen und Jüngern – und in ihrer Begegnung mit Jesus –, nachdem die jeweilige Erzählung des Evangelisten zu Ende ist, jedenfalls im Text des Evangeliums selbst? Reden sie miteinander? Fragen sie Jesus später doch noch? In welcher Stimmung, mit welchen Hoffnungen sind sie weiter mit ihm unterwegs? 

Der überraschende, manchmal provozierende Abschluss solcher Erzählungen lädt dazu ein, die Geschichten weiter zu denken, innerlich mit den Jüngerinnen und Jüngern und mit Jesus mitzugehen und eigene Antworten zu entdecken. Kurt Marti hat einmal geschrieben: «Fragen bleiben jung. Antworten altern rasch.» 

Mit den Evangelisten können wir lernen, Grundfragen unseres Lebens und Glaubens immer wieder neu zu stellen und darauf zu antworten. Nicht nur mit «Ja und Amen», sondern mit je persönlichen Antworten in unserem Leben und in unserer Kirche. Der offene Schluss vieler Erzählungen in den Evangelien fordert dazu heraus.


Lesen Sie den ganzen Artikel auf www.glaubenssache-online.ch