«Ein Junge aus dem Kinderheim schaute mich mit grossen Augen an und fragte: ‹Ist das alles für uns?› Und eine ältere Dame sagte, so etwas habe sie noch nie erlebt», erzählt Corinne Oppliger. Sie gehört zum Team «Vo Härze gärn gscheh» aus Belp. Sie ist eine von fünf Freundinnen, die im Rahmen der Weihnachtswunschaktion seit fünf Jahren Geschenke an Menschen mit Geldsorgen vermitteln.
«Das Verteilen der Geschenke ist jeweils unser Highlight», sagt Susanne Stauber und strahlt. «Die Menschen sind dankbar, können es kaum glauben, manche haben Tränen in den Augen», erzählt Andrea Gasser. Dabei sind die Wünsche, die das Team erfüllt, durchaus bescheiden: ein Sack Hundefutter, Biberli, Waschpulver, bisweilen auch ein Kindertrottinett oder ein Velohelm.
Unterstützung durch die katholische Kirche
Bis die Frauen die Geschenke den Beschenkten kurz vor Weihnachten nach Hause bringen, ist einiges an Logistik vorausgegangen. Die Freundinnen treffen sich Mitte September ein erstes Mal. Es gilt, die Flyer zur Aktion zu gestalten, zu drucken, in die Briefkästen in Belp zu werfen – insgesamt 800 Stück – und in Geschäften aufzulegen.
Hierbei hilft auch Elke Domig, Religionspädagogin im Seelsorgeraum Bern Süd im Zentrum Heiliggeist Belp. Die katholische Kirchgemeinde unterstützt das Projekt auch finanziell. Auf den Flyern wird erklärt, wie die Aktion abläuft: Wer einen Wunsch für sich oder eine andere Person aufgeben möchte, meldet diesen per Mail oder Telefon Andrea Gasser. Dabei muss die Adresse der beschenkten Person bekannt gegeben werden. «Für die Mehrheit der Beschenkten ist das Geschenk eine Überraschung», erzählt Corinne Oppliger.
Dieses Jahr gegen 300 Wünsche
Gasser trägt die Wünsche auf einer Excel-Tabelle zusammen. Elke Domig bringt weitere anonymisierte Wunschlisten aus Spital und Altersheim. Die Aktion findet Anklang: Bei der ersten Aktion 2020 kamen rund 80 Wünsche zusammen, dieses Jahr sind es bereits gegen 300. «Es dürfen noch viel mehr werden!», sagt Oppliger und lacht.
Nach Ablauf der zweiwöchigen Sammelfrist schreibt das Team jeden Wunsch auf ein goldenes Kartonherz, dazu allenfalls Angaben zu Geschlecht oder Kleidergrösse. «Blaues Damenpyjama mit Ärmeln, Grösse M» heisst es da etwa. Auf der Rückseite des Herzes notieren sie eine Nummer. «Es gibt Wünsche, da zerreisst es uns das Herz», berichtet Oppliger, «Strumpfhosen für ein Kind zum Beispiel.»
Einmal sei dem Wunsch nach einem beigen Pullover eine entsprechende Kinderzeichnung beigefügt worden. An jedes Herz wird ein Schnürchen zum Aufhängen geknüpft.
Ein Weihnachtsbaum vermittelt
Die Herzen werden nun an eine Tanne gehängt, die auf dem Kirchplatz des katholischen Zentrums Heiliggeist in Belp steht. Gespendet wird der Baum jeweils von der Burgergemeinde Belp, der Hauswart des Zentrums stellt ihn auf und sorgt für die Beleuchtung. Ab der zweiten Dezemberwoche können Menschen, die anderen einen Wunsch erfüllen möchten, hier ein Herz abnehmen und das Gewünschte innerhalb einer bestimmten Frist in der Kirche vorbeibringen – auch dies ist dem Flyer zu entnehmen.
«Wir hängen nicht alle Wünsche am gleichen Tag auf, sondern staffeln dies», erklärt Stauber das Vorgehen. Oft kämen Eltern, die ihre Kinder einen Wunsch auswählen liessen. Für manche Familien sei dies zu einer Tradition geworden. Gasser, deren Handynummer auf dem Flyer vermerkt ist, erhält nicht wenige Anrufe mit Rückfragen.
«Eine Frau fragte etwa nach der Grösse und Qualität der Decke, die gewünscht wurde. Viele geben sich grosse Mühe, den Wunsch im Sinne der beschenkten Person zu erfüllen», erzählt sie, die als einzige die Kontaktdaten der Beschenkten kennt.
Liebevoll verpackte Geschenke
Die «Wunscherfüller:innen» bringen das eingepackte Geschenk in die Kirche. Das Kartonherz müsse aussen gut sichtbar befestigt sein, sagt das Team. «Die Geschenke sind oft sehr liebevoll eingepackt, mit Herzchen dran, oder in einem Chlousen-Sack», sagt Gasser und zeigt einige Fotos. In der Kirche stehen Kisten bereit, in welche die Geschenke nach Nummern geordnet abgelegt werden können.
Während das Team in den ersten Jahren manche Geschenke aus der eigenen Tasche berappte, konnten in den letzten Jahren alle Wünsche erfüllt werden. «Es gibt mehr ‹Erfüller:innen› als Beschenkte», sagt Corinne Oppliger. Natürlich könne es sein, dass auch Menschen Wünsche aufgäben, die materiell nicht in Not seien, geben die drei zu.
«Wir vertrauen dennoch darauf, dass die meisten Beschenkten das brauchen können, und hören auf unser Bauchgefühl», sagt Susanne Stauber.
Nächstes Jahr auch anderswo?
Ihre Ursprünge hat die Weihnachtswunschaktion im Coronajahr 2020. Elke Domig war damals an privaten und kirchlichen Hilfsaktionen der Kirche beteiligt. «Ein Jahr lang haben wir Gutscheine an bedürftige Menschen verteilt. Das konnte doch mit dem Ende der Pandemie nicht einfach vorbei sein!», erinnert sie sich.
Inspiriert durch eine ähnliche Weihnachtsbaumaktion in einem Warenhaus, machte sie auf Social Media einen Aufruf. Diesen wiederum sahen die Freundinnen, die ihrerseits in der Pandemie anderen Menschen geholfen hatten und sich die gleiche Frage stellten. Zu ihrer Motivation befragt, macht das Team nicht viele Worte: «Liebe verschenken» – «Menschen glücklich machen».
Sie wünschen sich, dass die Aktion weiterwächst, «sich in ganz Europa verbreitet!», so Corinne Oppligers Traum. «Es wäre doch toll, wenn es nächstes Jahr nur schon in Münsingen auch so eine Aktion gäbe», fügt sie lachend hinzu.