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Marco Fratti, Orgelbauer aus Modena (I), testet insgesamt rund 600 Orgelpfeifen.

Mit Druckluft und Pinsel: Orgelputzete in der Dreif

Die kleine Orgel der Basilika Dreifaltigkeit wird derzeit gereinigt. Was das konkret bedeutet, erzählen Orgelbauer Marco Fratti und Organist Kurt Meier.

 

Text und Fotos: Sylvia Stam

Ein hoher Ton schallt durch das Schiff der Basilika Dreifaltigkeit. Als würde jemand Blockflöte üben. Marco Fratti steht auf dem Podest vor der kleinen Orgel, dort, wo sonst der Organist sitzt, und bläst in eine kleine metallene Orgelpfeife. «Ich habe zuerst alle Pfeifen geputzt, von zuunterst bis zuoberst», erklärt er auf Italienisch. «Jetzt teste ich, ob sie auch wirklich sauber sind.»


Marco Fratti  (62) ist Orgelbauer aus Modena (I). 2008 hat er die Orgel der Dreif zusammen mit seinem Vater und einem weiteren Mitarbeiter im Renaissance-Stil gebaut. Dass er sie nun bereits ein erstes Mal reinigen muss, erstaunt ihn. Normalerweise sei das nur etwa alle 25 bis 30 Jahre nötig. «Es war hörbar, dass die Orgelpfeifen schmutzig waren. Bei einzelnen Pfeifen überschlug der Ton, sodass sie plötzlich eine Oktave höher klangen», erzählt Kurt Meier (64), Organist an der Dreif. 

Rund 600 Pfeifen

Die Pfeifen seien sehr staubig gewesen, sagt Fratti, insbesondere die kleinen seien sehr empfindlich gegenüber Staub, der sich in ihrem Innern ablagern. Die grösste der rund 600 Pfeifen ist mit 12 Fuss das F im Hauptregister, sie ist ca. 3.60 m hoch. «Orgelpfeifen misst man immer noch in Fuss, wie in der Renaissance», erklärt Meier. Die kleinste ist keine vier cm. Wobei mit diesem Mass nur der obere Teil bis zum Spalt gemeint ist, dem so genannten Labium, durch das der Luftstrom den Ton erzeugt. Die Pfeife selbst ist viel länger, «da sie auch den sogenannten «Fuss» umfasst, der dazu dient, die Luft in das Mundstück zu leiten», erklärt Marco Fratti. 


Auf dem Geländer der Balustrade liegen Dutzende dieser kleinen Orgelpfeifen, fein säuberlich nach Grösse geordnet. Fratti hat sie von oben mit Druckluft gereinigt, während er unten einen Staubsauger hinhielt. «Wir wollen den Staub ja nicht in die Kirche blasen», sagt er lachend. Für die Reinigung des sensiblen Labiums verwendet er ausserdem einen kleinen weichen Pinsel. Zum Testen bläst er von oben in die Pfeifen hinein, tatsächlich wie bei einer Flöte. Wenn die Pfeifen wieder eingesetzt sind, wird er sie nochmals mit den Tasten testen, ehe er sie stimmt. 

Keine Russspuren

Weshalb es in der Dreif so staubig ist, dafür haben die beiden Männer nicht wirklich eine Erklärung. Immerhin: Beim Putzen der Aussenseite der Pfeifen habe er keine Spuren von Russ gefunden. 


Seit Mitte Juli ist Marco Fratti täglich an der Arbeit, meist abends, und natürlich nur dann, wenn keine liturgischen Feiern stattfinden. Er rechnet insgesamt mit einem Monat Arbeit. Zuerst wurde die Mechanik gereinigt, dann die inneren Pfeifen herausgenommen, sodass auch das Gehäuse geputzt werden konnte. Diese Pfeifen liegen nun in diversen Grössen im linken Seitenaltar. Hier hat Fratti sein Atelier eingerichtet. Die grossen Pfeifen legt er zur Reinigung behutsam auf ein Holzgerüst und bedeckt dieses zur Schonung der Pfeife mit einem Filztuch.

Zypressenholz aus der Toskana

Die Orgel wurde im Renaissance-Stil gebaut, erklärt Marco Fratti, passend zum neoromanischen Stil der Basilika, auch wenn dabei einige Abstriche gemacht werden mussten. Das Gehäuse ist aus Zypressenholz, das aus der Toskana stammt. Kurt Meier, der schon bei der Erbauung der Orgel an der Dreif tätig war, erinnert sich, dass das Holz damals schwer zu bearbeiten war, die Sägeblätter in der Werkstatt in Modena seien immer wieder zersprungen. «Das Holz stammte aus Kriegsgebiet, die Bäume waren voller Gewehrkugeln und Granatsplitter». Sichtbar wird dies am rechten Handgelenk der Christusfigur, die die Balustrade schmückt: Sie hat ein kleines Loch, vermutlich von einer Gewehrkugel. Meier gefällt die Symbolik, wonach Christus quasi die Kugel abgefangen hat, die wohl einem Menschen galt. 


Figuren inspiriert von Modena

Die geschnitzten Figuren – Adam und Eva, Kain und Abel, die Evangelisten -  sind inspiriert von den Figuren des Doms von Modena. Marco Fratti erinnert sich, dass der Holzbildhauer Mühe hatte mit den Proportionen der Figuren.

Der Renaissance-Stil hat auch Auswirkungen auf die Musik, die mit dieser Orgel gespielt werden kann. «Alte Musik klingt hier sehr schön», sagt Organist Meier, während für Musik von Bach über die romantische bis zeitgenössische Musik die grosse Hauptorgel auf der Empore besser geeignet sei. Je nach Stück- und Liederauswahl entscheidet sich Kurt Meier für die eine oder die andere Orgel – und muss während einem Gottesdienst auch schon mal die Orgel wechseln. 

Im Gespräch wird spürbar, dass beide Männer viel Herzblut mit der kleinen Orgel verbindet, und sie wissen so manche Anekdote rund um sie zu erzählen. Dennoch ist Marco Fratti froh, wenn sie dereinst fertig geputzt ist. «Basta!», sagt er entschieden und lacht. Ein zweites Mal wird er die Renaissance-Orgel nicht putzen. Für die nächste Reinigung in 17 Jahren müsse ein anderer her!