Wir wandern genüsslich weiter westwärts, geniessen den Ausblick über üppige Wiesen, Felder und das «Chrotteloch» vor dem malerischen Hauptwiler Weiher. Unser erstes Tagesziel, der Hof Gertau an der Sitter, ist nicht mehr allzu weit. Wir erreichen ihn kurz vor 11 Uhr, zu jener Zeit, für die eine Überfahrt mit der letzten handbetriebenen Sitterfähre reserviert wurde. In dem äusserst gepflegten Pferdehof mit der Gelegenheit, sich im «Stübli» selbst zu bedienen, angekommen, weiss niemand etwas von einer Online-Reservierung. Eine solche ist an Werktagen nötig. An Wochenenden verkehrt die Fähre zu jeder vollen Stunde. Doch eine fleissig Unkraut jätende Frau sagt, sie bringe uns jederzeit auf die andere Seite und damit unserem eigentlichen Ziel, der Kapelle in Degenau, schon sehr nahe.
Frühmittelalterliche Sakralkunst
Dieses bemerkenswerte Zeugnis frühmittelalterlicher Sakralarchitektur wurde im 12. Jahrhundert am alten Pilgerweg von Konstanz nach St. Gallen erbaut. Ihre Ursprünge reichen bis ins 9. Jahrhundert zurück. Über die Zeit wurde die Kapelle verschiedentlich umgebaut und diente dem Schlossherrn zu Blidegg als persönliche Andachtsstätte. Mehrmals wechselte sie die Konfession. Im 16. Jahrhundert konvertierten die katholischen Einwohner:innen der Region zum reformierten Glauben, später wurden sie wieder katholisiert. 1833 ging das Bauwerk definitiv an die katholische Pfarrei Sitterdorf über. Im Inneren beherbergt die Kapelle Wandmalereien, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts bei Renovationsarbeiten wiederentdeckt wurden.
Wer die Malereien und die abenteuerliche hölzerne Westempore sehen will, muss sich zuerst den Schlüssel zur Kirche besorgen. Dieser liegt beim Bauern des Weilers Degenau, wie auf einer Info-Tafel zu lesen ist: «Seit über 50 Jahren hüten Erna und Fritz Buri den Schlüssel der katholischen Kapelle Degenau – seit mindestens zwei Generationen ist der Schlüssel bereits bei der reformierten Familie Buri. Als der katholische Nachbar wegzog, wurde die Familie für diese Aufgabe angefragt, weil der nächste Katholik zu weit weg wohnte.» Der Besuch in der über 1000 Jahre alten Kapelle lohnt sich. Danach deponiert man den riesigen Schlüssel mit Anhänger wieder im Milchkasten der Familie Buri.
Zwischen erntefertigen Feldern und Sitter geht es nun zu einer Holzbrücke, erneut über den Bach. Von hier könnten wir verschiedene Wege nehmen, aber der Hunger treibt uns zur kürzesten Verbindung via Eberswil. Unsere Schritte werden träger und das Rotmilan-Paar, bekanntlich Aas-Fresser, kreist bedenklich nahe über uns. Glücklich erreichen wir das malerische Städtchen Bischofszell und erfreuen uns bei einem Bier über die ebenso spannende wie unterhaltsame Rundwanderung.
*Dieser Beitrag erschien in längerer Version zuerst im «ForumKirche» (Pfarreiblatt Thurgau/Schaffhausen). Er ist Teil der Sommerserie der Arbeitsgemeinschaft Pfarrblattredaktionen der Deutschschweiz (ARPF).
Rundwanderung: Von Bischofszell nach Degenau und zurück
Dauer : 3 Stunden 30 Minuten
Länge : 12 km
Körperliche Anstrengung : mittel
Ganzjährig begehbar (Fährbetrieb April – Oktober)
Verkehrsmittel: Mit dem Zug bis Bischofszell Stadt, von dort zu Fuss bis zur Fähre in Gertau über die Sitter
Erweiterungen: Die Rundwanderung, vorbei an der Kapelle St. Nikolaus und St. Magdalena in Degenau, verläuft teilweise auf der Pilgerstrecke von Konstanz nach St. Gallen. Sie kann nach Lust und Laune erweitert werden. Empfehlenswert ist auch ein Besuch der Kleinstadt Bischofszell, die für ihre prächtigen Rosengärten bekannt ist.